„Als die Römer frech geworden…“

27. April 2015 | Von | Kategorie: Niedersachsen

Auch ein „Verlierer“ kann unsterblich werden und seine Spuren nicht nur in den Geschichtsbüchern hinterlassen

Sicher war es für diese „Touristengruppe“ alles andere als ein angenehmer Ausflug in norddeutsche Gefilde. Zugegeben, vor 2000 Jahren mangelte es vielleicht auch ein wenig an der dazu nötigen Infrastruktur, kaum vorzeigbare Ausflugsziele, eine recht übersichtliche Anzahl an vermarktbaren Attraktionen. Bestimmt war hier im Norden im heutigen Sinne nach die „Gastfreundschaft“ ebenfalls noch etwas „ausbaufähig“, wenn nicht sogar noch ein Fremdwort – erst recht, wenn die „Reisegruppe“ vorzugsweise aus Tausenden von römischen Soldaten bestand. Diese, statt mit Postkarten und Fotoapparat bewaffnet, mit viel Getöse durch die germanischen Wälder streiften, um überall die hier lebenden Menschen per Schwert vom angenehmen Dolce vita der italienischen Lebenskunst überzeugen zu wollen.

Vermutlich wird es der römische Statthalter Publius Quintilius Varus zum Schluss so gesehen haben, nachdem er 7 n. Christus dieses Amt in der Provinz Germanien übernommen hatte. Als erfahrener Profi hatte er einst in Syria und Palaestina für Recht und Ordnung gesorgt und sich damit für wichtige Aufgaben bei seinen Brötchengebern in Rom empfohlen. Also der richtige Mann, um die Germanen zu zivilisieren? Letztendlich war’s egal, bereits zwei Jahre später wurden ihm seine persönlichen Grenzen aufgezeigt. Ein klein wenig daran Schuld war sicher auch seine rechte Hand Arminius, in Germanien geboren, in Rom aufgewachsen, hier zum Soldaten ausgebildet wurde. Im römischen Militär machte er Karriere und lief trotzdem zum „Feind“ über. Gemeinsam mit einigen germanischen Stämmen wollte er das römische Imperium in seine Schranken verweisen. Angesichts der militärischen Stärke der Legionäre an sich ein eher hoffnungsloses Unterfangen. Es sei denn, man weiß den Heimvorteil gewinnbringend einzusetzen…

Im Jahre 9 nach Christus ist eben unter der Leitung jenes Cheruskers Arminius dieses Husarenstück gelungen: die Römer wurden in einen Hinterhalt gelockt. Hier ein unwegsamer Pfad durch einen dichten Wald, vorne links auf der Freifläche warten hinter einem aufgeschütteten hohen Wall hoch motivierte und bewaffnete Germanen, rechts daneben ein Sumpf, der selbst ohne die schwere Ausrüstung kaum zu überwinden war. Mehrere Tage lang sollen die blutigen Kämpfe gedauert haben, die Tausenden von Menschen das Leben gekostet haben.

Erst im späten Mittelalter erinnerten sich die Gelehrten wieder an die entscheidende Schlacht in Germanien und stritten von da an über den Ort des historischen Ereignisses. Sichtbarstes Dokument dieser kontrovers geführten Diskussion: das Hermanns-Denkmal in Detmold, wo den Fachleuten nach die Varusschlacht im Teutoburger Wald stattgefunden haben soll.

Doch knapp daneben ist aber auch vorbei, und soooo weit ist Kalkriese ja auch nicht davon entfernt. Schließlich liegt der Ortsteil von Bramsche perfekt an der B218 und ist damit gut zu erreichen.

Erst 1885 erkannte der Historiker Theodor Momensen, dass die Kämpfe stattdessen im Wiehengebirge stattgefunden haben müssen. Ein britischer Offizier und Amateurarchäologe war es letztlich, der diese Theorie gut einhundert Jahre später bestätigte: Münzen, Wurfgeschosse, Knochen allesamt just aus dieser Zeit kamen wieder ins Licht der Öffentlichkeit.

In einem Informationszentrum wurden wenig später die Ausgrabungsergebnisse präsentiert. Aus dem ehemaligen Schlachtfeld wurde ein archäologischer Park über den ein 40 Meter hoher Aussichtsturm wacht, gleich daneben das neu errichtete Zentrum. An beiden Orten warten, multimedial aufbereitet, Informationen zum römischen und germanischen Miteinander in jenen Tagen.

Für ihr Konzept wurden Museum und Park 2005 sogar mit dem Europäischen Kulturerbepreis in der Kategorie „Archäologische Denkmäler“ belohnt. Wie gut die Aufarbeitung der europäischen Geschichte den Machern gelungen ist, lässt sich ebenso an der Zahl der Besucher ablesen: Knapp neun Jahre seit seiner Öffnung, haben sich schon mehr als eine Millionen Geschichtsinteressierte den Museumspark angesehen.

Und alle zwei Jahre wartet dann ein besonderes Bonbon auf die Besucher: die Römer- und Germanentage. Rund 400 Darsteller leben dann Geschichte, so wie man, frau sich das Leben im Jahre 9 nach Christus heute vorstellt. Allein im Jubiläumsjahr 2009 nutzten über 26.000 Augenzeugen die Gelegenheit, sich das antike Spektakel anzuschauen.

Auf der einen Seite das römische Feldlager, wo die Legionäre geduldig die Fragen zur Ausrüstung erklärten oder welche medizinische Versorgungen die römische Armee ihren Angehörigen zur Verfügung stellte. Gleich nebenan das Leben in einem germanischen Zeltdorf.

Hier der Kammmacher, der vor den Augen der Zuschauer filigrane Kämme aus edlen Hölzern schnitzt, dort eine Frau die Wolle zu Garn spinnt. Über den Feuerstätten brodelt und duftet es aus den Kochtöpfen. Der Alltag wird nur durch die militärischen Übungen unterbrochen. Drohend fuchteln die Germanen mit ihren Speeren, die Körper hinter dem Schild geschützt. Gleich gegenüber ruft der Centurio zur römischen Geschlossenheit auf. Hoch zu Ross zeigen die Reiter ihre Treffsicherheit. Schließlich gilt es nachmittags den Ruf der Legion zu Verteidigen. Das Finale der beiden Tage bildet dann das eigentliche Schlachtgetümmel, wenn an historischer Stätte Szenen der 2.000 Jahre alten Ereignisse nachgespielt werden.

In einem aber unterscheidet sich jedoch die Gegenwart ganz entschieden vom historischen Vorbild: abends, nach getaner Geschichtsarbeit, sitzen Germanen und Römer wieder einträchtig nebeneinander am Lagerfeuer, den Becher Met in der Hand und sinnieren über die wieder einmal verlorene Schlacht. „Beim nächsten Mal wollen wir aber mal gewinnen“, „schau’n wir mal…“ tönt die Antwort.

Informationen

Die „Römer- und Germanentage“ finden im Museumspark Kalkriese alle zwei Jahre über Pfingsten statt. Rund 400 Darsteller spielen das Leben im ersten Jahrhundert nach und geben Einblicke in den damaligen Alltag. Zahlreiche Aktionen fordern zum Mitmachen auf.

Nächster Termin: 24. und 25. Mai 2015

Anreise (per PKW): über die Autobahn A1 (Abfahrt: Bramsche), dann über die B218 Richtung Bad Essen, der Weg ist ausgeschildert. Parkplätze sind vorhanden

Adresse:
VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land GmbH Museum und Park Kalkriese, Venner Straße 69, 49565 Bramsche-Kalkriese, Tel. 05468  9204200, Fax 05468  920445, E- mail: kontakt@kalkriese-varusschlacht.de, Internet: www.kalkriese-varusschlacht.de

Öffnungszeiten
April bis Oktober: täglich geöffnet von 10:00 bis 18:00 Uhr
November bis März: dienstags bis sonntags geöffnet von 10:00 – 17:00 Uhr, an Heiligabend und Silvester geschlossen.

Öffentliche Führungen zur Dauerausstellung Varusschlacht
Vom 1. April bis 31. Oktober täglich um 14:30 Uhr, an Sonn- und Feiertagen zusätzlich um 11:00 Uhr.
Vom 1. November bis 31. März samstags und sonntags um 14:30 Uhr, an Sonn- und Feiertagen zusätzlich um 11:00 Uhr

© Text und Fotos: Helge Holz

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