50 Jahre und kein bisschen leise

14. April 2017 | Von | Kategorie: Die Reportage

Unterwegs im längsten Museum Niedersachsens – Die Kleinbahn Bruchhausen-Vilsen ist die „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“. Vor über 50 Jahren ging sie auf die Schiene.

von Dagmar Krappe (Text/Fotos), Axel Baumann (Fotos/Video)

Sie sind 16 bis 22 Jahre alt. Ihr „Arbeitsplatz“ ist fast acht Kilometer lang. Jannik Westermann, Karl Alms, Andreas Pöppl und Matthias Bartels arbeiten im längsten Museum Niedersachsens. Sie kontrollieren Fahrkarten, schippen Kohlen, ölen Eisenteile, wienern Stahl. Alles ehrenamtlich und in ihrer Freizeit. Von Bruchhausen-Vilsen über Heiligenberg bis Asendorf zieht sich die meterspurige Eisenbahnstrecke am Rande des Naturparks Wildeshauser Geest südlich von Bremen. Mischwälder, sanft gewellte Felder und Wiesen prägen die Region.

DEV Bruchhausen-Vilsen

Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands – Lok Hoya stoppt am Vilser Holz

Nach den Haupteisenbahnen entstanden ab 1890 in dünnbesiedelten Landstrichen Kleinbahnen als Normal- und auch als Schmalspur. „Sie haben wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung dieser Gegenden beigetragen“, sagt Zugführer Wolfgang Moll, der mit roter Schärpe über dem hellblauen Hemd und Kelle in der Hand an fünf dunkelgrünen, historischen Waggons entlang eilt: „Die Kleinbahnen waren damals die Alternative zum Pferdefuhrwerk. Auf ihnen konnte man wesentlich mehr und preisgünstiger transportieren.“ Fahrgast Nummer eins war Jahrzehnte lang das „Hoyaer Landschwein“, berühmt für seine extra dicke Fettschicht. Kartoffeln, Zuckerrüben, Kohlen und Dünger gehörten ebenfalls zu den Hauptgütern auf der Linie. Aber auch vielen Menschen ermöglichten die Nebenbahnen Tätigkeiten in weiterer Entfernung vom Wohnort aufzunehmen. Bis ab 1950 nach und nach der zunehmende Bus-, Auto- und LKW-Verkehr die Beförderung übernahm und eine Verbindung nach der anderen stillgelegt und abgebaut, Lokomotiven und Waggons verschrottet wurden. „Vier Eisenbahnenthusiasten aus Hamburg ist es zu verdanken, dass diese Trasse erhalten blieb“, berichtet Moll: „Es entstand ein lebendiges Freilichtmuseum, in dem wir zeigen können, wie eine Kleinbahn früher aussah, welche Fahrzeuge zum Einsatz kamen, welche Techniken und Arbeitsbedingungen herrschten.“

DEV Bruchhausen-Vilsen

Lokführer Andreas Boye liebt den Geruch von Kohle

Lokführer Andreas Boye lässt die Dampfpfeife ertönen. In einer langgezogenen Rechtskurve verlässt die 116 Jahre alte Lok „Hoya“ den Bahnhof Bruchhausen-Vilsen und begibt sich mit fünf Holzklasse-Wagen, die aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen, auf die acht Kilometer lange Reise nach Asendorf. Dabei passiert sie sechs Haltestellen. Die erste Station heißt Vilsen Ort. Hier hat sich Harald Kindermann, einer der vier Gründer des Deutschen Eisenbahn-Vereins, 1989 direkt neben den Gleisen ein Wohnhaus errichtet. Sogar einen Fahrkartenschalter gibt es im Gebäude. „Wie viele Jungs habe ich mir als Kind eine elektrische Eisenbahn gewünscht“, erzählt der inzwischen über 80-Jährige: „Aber das war mitten im Zweiten Weltkrieg. Der Wunsch blieb unerfüllt.“ Doch die Liebe zu Zügen blieb. Mit Mitte zwanzig fuhr der Hamburger quer durch Schleswig-Holstein und Niedersachsen und fotografierte Privatbahnen. „Das war bereits zu einem Zeitpunkt als immer mehr von der Bildfläche verschwanden“.

„In Wales in Großbritannien hatte man schon Anfang 1950 damit begonnen, stillgelegte Schmalspurbahnen wieder zu eröffnen“, weiß Kindermann: „In den „Hamburger Blättern für alle Freunde der Eisenbahn“ las ich 1957 einen Aufruf von Prof. Dr. Walter Hävernick, dem damaligen Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte, in Deutschland einige Kleinbahnen als „Jugend“- oder „Erwachsenenbahnen“ zu erhalten.“ Vier Jahre später stellte Harald Kindermann einen Antrag an den Hamburger Senat, die bereits eingestellte, aber noch nicht demontierte Kleinbahn von Ohlstedt nach Wohldorf als „Jugendbahn“ zu betreiben. Doch aus dem Vorhaben wurde nichts. Also ging Harald Kindermann weiter auf Erkundungstour. Er entdeckte die schmalspurige Steinhuder-Meer-Bahn zwischen Wunstorf und Rehburg nordwestlich von Hannover, die mit Dieselloks betrieben wurde, und die Strecke Bruchhausen-Vilsen bis Asendorf südlich von Bremen, auf der es trotz des stetig fortschreitenden Strukturwandels noch dampfenden Güterverkehr gab.

DEV Bruchhausen-Vilsen

Lok Hoya – ihr Geburtsjahr 1899 sieht ihr niemand an

Am 21. November 1964 gründeten Harald Kindermann, seine Frau Renate und seine Freunde, Albert Schäfer und Peter Pekny, den Deutschen Kleinbahn-Verein (heute Deutscher Eisenbahn-Verein – DEV). Inzwischen gehören dem DEV rund 1.100 Mitglieder an, von denen 120 regelmäßig aktiv sind. Nach vielen Verhandlungen, Rückschlägen und Erfolgen fuhr am 2. Juli 1966 die „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“ – mit der Lok „Bruchhausen“ (Baujahr 1899) und einem einzigen Personenwagen aus dem Jahr 1904 – auf zunächst vier Kilometern von Bruchhausen-Vilsen bis Heiligenberg.

Edmondsonsche Fahrkarten

Bei der Ersten Museums-Eisenbahn Deutschlands erhält man noch Edmondsonsche Pappfahrkarten

Im Zug sind Jannik Westermann und Andreas Pöppl eifrig dabei, die Fahrkarten der rund 70 Passagiere zu knipsen. Es handelt sich um 30 mal 57 Millimeter große Pappkärtchen: Edmondsonsche Tickets. In den 1840er Jahren erfand Thomas Edmondson, Stationsvorsteher im englischen Bahnhof Milton, eine Maschine für ihren Druck. Die Billetts für die Museums-Eisenbahn stammen aus der historischen Fahrkartendruckerei der Dampfzug-Betriebs-Gemeinschaft in Hildesheim.

DEV Bruchhausen-Vilsen

Jannik Westermann lässt sich zum Schaffner ausbilden

„Da wir nur von Mai bis Oktober an den Wochenenden fahren, dauert die Ausbildung zum Zugbegleiter schon mehrere Jahre“, meint Jannik Westermann. Sein gleichaltriger Vereinskollege Karl Alms hat sich für die „Heizer-Laufbahn“ entschieden: „Fünf Jahre Kohlen schippen sind Voraussetzung, um einmal Dampflokführer werden zu können. Jedenfalls, wenn man nicht aus der Branche kommt.“ Die meisten der jugendlichen Dampflokfreaks entstammen aber zumindest einer bahnbegeisterten Familie. Oft sind bereits Vater und Großvater im Verein tätig (gewesen).

Hinterm Kurpark wird es hügelig. Bis zum Vilser Holz muss Karl Alms einige Schaufeln Kohle mehr auflegen. „Für die 16 Kilometer hin und zurück benötigen wir 400 Kilo Kohlen und zwei Kubikliter Wasser“, verrät Lokführer Andreas Boye. Er war im richtigen Leben zunächst Lastkraftwagenfahrer. Nachdem er sich in Bruchhausen-Vilsen vor 33 Jahren mit dem Dampflokvirus infizierte und dem Verein beitrat, wurde er auch im Hauptberuf Lokführer bei einer privaten Eisenbahngesellschaft. „Aber ich brauche den Geruch von verbrannter Kohle. Sechs bis acht Wochenenden im Jahr tobe ich mich hier im Museum aus.“

DEV Bruchhausen-Vilsen

Karl Alms hat die Heizer-Karriere eingeschlagen

Schon schnauft der Zug aus dem Wald hinaus in eine weite Landschaft mit verstreuten Bauerngehöften. Im Frühjahr leuchten gelbe Rapsfelder. Spargel recken ihre Köpfe. Im Herbst prägt Maisanbau die Region. Die letzten vier Kilometer von Heiligenberg bis Asendorf zuckelt der Zug auf dem ehemaligen Pferdekutschen-Sommerweg direkt neben der Bundesstraße 6, die Hannover mit Bremen verbindet. An der Endstation wird Lok „Hoya“ an das hintere Ende der Wagenreihe umgesetzt, um im Rückwärtsgang die Heimreise anzutreten. Die kurze Pause können die Passagiere dazu nutzen, den benzinbetriebenen Wismarer Schienenbus T41 von 1932 zu bewundern, der einst bei der Steinhuder-Meer-Bahn im Einsatz war. Wegen seiner seltsam geformten Schnauze erhielt er den Spitznamen „Maus“. „An die 100 Fahrzeuge hat der DEV im Laufe von fast 50 Jahren aus vielen Teilen Deutschlands erworben. Einige hatten nur noch Schrottwert, andere dienten als Hühnerställe oder Lagerräume“, sagt Andreas Boye.

Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands

Rangieren auf dem Zweispur-Bahnhof Bruchhausen-Vilsen

Am Bahnhof Bruchhausen-Vilsen können in der Fahrzeughalle und Werkstatt restaurierte Dampf- und Dieselloks, Trieb-, Personen-, Pack-, Post- und Güterwagen, aber auch noch einige Waggon-Skelette bestaunt werden. Bei Sonderveranstaltungen wird auf dem Zweispurbahnhof auch das Umsetzen von Regel- auf Schmalspur über die Rollbockanlage gezeigt und die Drehscheibe in Betrieb genommen, die ebenso wie die Hallen in Eigenarbeit neu errichtet wurde. An historischen Wochenenden präsentieren sich die Eisenbahner in Uniformen aus der Zeit um 1900. An normalen Betriebstagen sind sie ihnen leider zu warm.

Nach 25 Minuten Aufenthalt in Asendorf mahnt die Dampfpfeife zur Abfahrt. Die meisten Fahrgäste begeben sich mit auf den Rückweg. Gleich hinter der Ortsausfahrt beginnt ein lautes Hubkonzert. Nicht durch die Lok, sondern durch weniger bahnbegeisterte Autofahrer, die es tatsächlich geben soll: Ein VW-Golf versucht, mit den maximal 20 Kilometern pro Stunde des Zuges Schritt zu halten. Die Beifahrerin soll die Museums-Bahn per Videokamera filmen. Kurz vor Einfahrt in den Bahnhof Bruchhausen-Vilsen passiert der Zug das bekannte rot-weiße Achtungsschild mit der schwarzen Dampflok drauf: „An dieser Bahnlinie testete man es 1927 zum ersten Mal, bevor es amtlich eingeführt wurde“, informiert Zugführer Wolfgang Moll: „In einem Waggon vor dem Bahnhofsgebäude gibt es dazu eine kleine Ausstellung.“

Erste Deutsche-Museumseisenbahn Bruchhausen-Vilsen

Restaurant „Alter Bahnhof“ in Bruchhausen-Vilsen im ehemaligen Bahnhofsgebäude, das um 1900 errichtet wurde

Mittagspause. Andreas Boye und seine Crew stellen den Zug direkt vor der Gaststätte „Alter Bahnhof“ ab. Wer von der Fahrt hungrig geworden ist, findet hier die passende Gaumenbefeuerung: ein Schweinenackensteak aus der Heizerpfanne, eine Rinderroulade aus dem Dampfkessel, einen Kohlehaufen oder eine Schaffnerstulle. Matthias Bartels und Karl Alms polieren unterdessen das Stahlross erneut auf Hochglanz, denn nach einer Stunde geht es wieder los – auf die acht Kilometer lange Museumstour.

Informationen

Deutscher Eisenbahn-Verein e. V.
Bahnhof 1, 27305 Bruchhausen-Vilsen
Tel.: 04252 93 00 21 (Bahnhofsbüro, Mo – Fr von 09 bis 11 Uhr, ansonsten Anrufbeantworter)
Tel.: 04525 93 00 34 (Fahrkartenausgabe – nur erreichbar an Betriebstagen)
Fax: 04252 93 00 12 (Bahnhofsbüro)
E-Mail: info@museumseisenbahn.de
Internet: www.museumseisenbahn.de

DEV Bruchhausen-Vilsen

die Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands am Stopp Heiligenberg

Die „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“ verkehrt vom 1. Mai bis Anfang Oktober.

Fahrpreise
Fahrkarten sind an den Fahrkartenausgaben der Endbahnhöfe in Bruchhausen-Vilsen und Asendorf sowie an den Zwischenstationen im Zug erhältlich. Fahrtunterbrechungen sind jederzeit möglich.

 

Auf Rollstühle angewiesene Besucher können gemeinsam mit anderen Fahrgästen die Fahrt in der Museums-Eisenbahn genießen. Der 1914 gebaute Personenwagen 17 wurde bei der Restaurierung mit zwei Hebeliften ausgerüstet, die einen problemlosen Ein- und Ausstieg an jeder Station gestatten. Es können bis 12 Rollstühle im Waggon stehen.

Im Laufe der Saison gibt es zahlreiche Sonderveranstaltungen wie
Foto-Safarie, historisches Wochenende, Modellbahnwochenende, Kleinbahner-Diplom, Oster- und Nikolausfahrten, Trauungen/Feiern im Personenwagen 13 (mit Salon-Abteil) von 1901, kulinarische Sonderzüge wie Spargel-, Schlemmer-, Grill- oder Enten-Express.

Allgemeine Informationen zur Region sind erhältlich beim
TourismusService Bruchhausen-Vilsen
Bahnhof 2, 27305 Bruchhausen-Vilsen
Tel. 04252 93 00 50
Fax 04252 93 00 53
E-Mail: info@bruchhausen-vilsen.de
Internet: www.bruchhausen-vilsen.de

Gaumenfreuden während oder nach der Fahrt

Der Museumszug ist mit einem Büfettwagen, der Snacks und Getränke anbietet, ausgestattet.

Im um 1900 errichteten Bahnhofsgebäude in Bruchhausen-Vilsen gibt es im Restaurant „Alter Bahnhof“ rustikale Gerichte wie Eisenbahnerkelle, Kohlehaufen, Schaffnerstulle oder Bahnhofsbrotzeit.

Alter Bahnhof
Bahnhof 1, 27305 Bruchhausen-Vilsen
Tel. 04252 91 38 35
www.dillertal.de

Am Haltepunkt Heiligenberg direkt an der B6 liegt das Restaurant „Dillertal“. Hier enden auch die kulinarischen Sonderzüge der Museums-Eisenbahn.

Restaurant Dillertal
Dille 8, 27305 Bruchhausen-Vilsen
Tel. 04252 26 80
E-Mail: info@dillertal.de
www.dillertal.de

© Dagmar Krappe (Text/Fotos), Axel Baumann (Fotos/Video)

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