50 Orangen oder Limonen sind einen Matrosen wert

4. März 2012 | Von | Kategorie: Bremen

Medizinische Versorgung an Bord der Auswandererschiffe

Ob Kreuzfahrt, Abenteuerurlaub oder Wandern in den Tropen – heutzutage birgt Reisen kaum mehr ein medizinisches Risiko. Doch wie sah das eigentlich zu Zeiten der großen Auswanderungswellen im 19. und 20. Jahrhundert aus? Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven zeigt, welche Risiken Auswanderer auf sich nahmen, um in der Neuen Welt ein besseres Leben zu beginnen.

Mehr als sieben Millionen Menschen wanderten zwischen 1830 und 1974 über Bremerhaven in die Neue Welt aus. An der Wesermündung gingen sie an Bord und hofften auf ein besseres Leben in Übersee. Die meisten von ihnen zog es nach Amerika, andere nach Kanada, Argentinien, Australien oder Brasilien. Von Bremerhaven nach New York dauerte die Überfahrt mit einem Segelschiff um 1850 bis zu zwölf Wochen. Günstig war das nicht: Da die Fahrkarte einen einfachen Handwerker sein gesamtes Jahresgehalt kostete, reisten die meisten Passagiere in der preiswertesten Klasse, im Zwischendeck. Bis zu 250 Personen hielten sich im Zwischendeck auf, aßen und schliefen in dunklen Kojen. Es stank, es gab keine Toiletten und das eintönige Essen ekelte die Reisenden schnell an. Nur einmal am Tag hatten sie die Möglichkeit, an Deck frische Seeluft zu genießen – und das auch nur bei gutem Wetter. Die hygienischen Zustände auf den Schiffen wurden mit jedem Reisetag schlechter. Zwei bis drei Prozent der Passagiere starben an Bord der Bremer Segelschiffe ihr Leben. Auf den irischen und englischen Schiffen waren es deutlich mehr – weswegen sie auch „sailing coffins“, „segelnde Särge”, genannt wurden.

Gewinnsucht der Reeder und mangelnde medizinische Kenntnisse stellten die Hauptgründe für Krankheiten und Epidemien an Bord der Auswanderersegelschiffe dar. Besonders Vitaminmangel (Avitaminose) spielte im 19. Jahrhundert auf Reisen eine große Rolle. Aufgrund schlechter und eintöniger Ernährung litten die Menschen an Bord oft an Skorbut, der durch den Mangel an Vitamin C verursacht wird. Erst Ende des 19. Jahrhunderts erkannte man, dass insbesondere Zitrusfrüchte der Krankheit vorbeugen konnten. „50 Orangen oder Limonen sind einen Matrosen wert“, lautete daher die Meinung des schottischen Schiffsarztes Gilbert Blane, der daraufhin den Verzehr von Zitronensaft auf seinen Schiffen zur Pflicht machte.

Das Glück einen Arzt an Bord zu haben, hatten die wenigsten Schiffe. Häufig war es der Kapitän, der für die medizinische Versorgung der Passagiere zuständig war. In kleinen Medizinkisten bewahrte er Arznei- und Verbandsmittel auf. Die Zusammenstellung des Inhalts oblag dem Kapitän selbst. Welche Medikamente welche Leiden linderten, las er auf Hinweiszetteln nach, die der Apotheker den Arzneien beigefügt hatte. Oftmals waren die Kapitäne mit dieser Aufgabe jedoch überfordert.

Erst nach Einführung der Dampfschiffe Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine obligatorische Bestimmung, die festlegte, dass auf jedem Auswandererschiff ein Arzt mitreisen musste. Durch die technischen Entwicklungen auf den Dampfschiffen verkürzte sich nicht nur die Dauer der Überfahrt merklich, es gab auch erste sanitäre Anlagen in Form von Waschräumen und Wasserklosetts – ein Luxus, den viele Auswanderer nicht einmal von zu Hause kannten.

Hätten Sie übrigens gewusst, dass das Wasserklosett bereits 1596 erfunden wurde? Und zwar von dem englischen Dichter Sir John Harrington – im Auftrag von Königin Elisabeth I., deren Patenkind er war? Als gut 250 Jahre später, 1860, Queen Victoria nach Deutschland zu Besuch kam, wurde für sie extra ein WC aus England importiert und im Schloss Ehrenburg in Coburg eingebaut. Das war die erste Toilette in Deutschland.

Mehr über die hygienischen Zustände an Bord der Auswandererschiffe, wie eine Medizinkiste aussah und was Menschen dazu bewegte, trotz der Risiken die beschwerliche Reise anzutreten, erfahren Besucher im Deutschen Auswandererhaus, dem preisgekrönten Erlebnismuseum in Bremerhaven.

Geschichte interaktiv und hautnah erleben: Im Deutschen Auswandererhaus, das im Jahr 2007 als bestes Museum Europas ausgezeichnet wurde, folgen die Besucher den Spuren der mehr als sieben Millionen Menschen, die über Bremerhaven in die Neue Welt auswanderten. Jeder Besucher erhält eine ausgewählte Auswandererbiografie (eine reale Lebensgeschichte), die er vom Abschied von der Heimat, den Bedingungen der Überfahrt bis hin zum Neuanfang in Übersee begleitet. Durch Rauminszenierungen, Klanginstallationen und modernste Museumstechnik führt die Zeitreise bis in die Gegenwart; sie endet mit der Spurensuche nach eigenen ausgewanderten Vorfahren.
Während der Schulferien in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein- Westfalen ist das Kindermuseum geöffnet. Mädchen und Jungen im Alter zwischen vier und zehn Jahren können hier Gold schürfen oder sich dem Thema Auswanderung spielerisch nähern.

Informationen: Deutsches Auswandererhaus
Columbusstraße 65
27568 Bremerhaven
Tel.: 0471 / 90220-0
info@dah-bremerhaven.de
www.dah-bremerhaven.de

Öffnungszeiten:
März bis Oktober: täglich 10 bis 18 Uhr November – Februar: täglich 10 bis 17 Uhr

Foto: © Sammlung Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Schlagworte: , , ,

Kommentare sind geschlossen