Afrika zwischen Wohlstand, verklärter Abenteuerromantik, Elend und Vertreibung

13. November 2013 | Von | Kategorie: Bremen

Neu konzipierte Ausstellung im Übersee-Museum Bremen

Gleich im Eingangsbereich begrüßt eine farbenfrohe Collage die Besucher. Sie soll den Betrachter auf den afrikanischen Kontinent einstimmen, ohne ihn mit einer spröden, rein wissenschaftlichen Abhandlung von Daten und Fakten zu erschlagen. Mit ihre Wandcollage „Karibu Mtaa – Willkommen im Viertel“ möchten die Mitglieder des kenianischen Künstlerkollektivs „Maasai Mbili“ ihr Nairobi visuell sichtbar machen. Drei Monate lang streifte das Quintett durch ihre Stadtviertel, sammelten Eindrücke, sammelten Plastikgegenstände, leere Bierdosen, die sie anschließend für Bremen zu diesem Kompendium verarbeitet haben. Doch so unterschiedlich die Quartiere in Nairobi auch sein mögen. Eines eint sie doch: der öffentliche Personennahverkehr, in Form der Matatu-Busse dient als verbindendes Element in der kenianischen Hauptstadt.

Löwen in der Savanne

Der Umbau der Afrika-Abteilung tat ein Übriges, um die bisherige Konzeption auf den wissenschaftlichen Prüfstand zu stellen. „Die alte Abteilung spiegelte das Afrikaverständnis aus den 1980-er Jahren wider“, erklärt Wiebke Arndt, Direktorin des Bremer Übersee-Museums. Angesichts der Dynamik dieses Kontinents und den daraus resultierenden Veränderungen nahmen die Hanseaten jetzt einen siebenstelligen Betrag in die Hand, um die Besucher an diesen Veränderungen, an den sich gewandelten Perspektiven visuell teilhaben zu lassen. Was liegt also näher diesen Wunsch auch gleich in der Afrika-Ausstellung zu verpacken? Zwei Jahre hat es seit Baubeginn gedauert, bis Wiebke Arndt die neue Afrika-Abteilung der Öffentlichkeit wieder vorstellen konnte. Genug Zeit also, um gleichzeitig auch die bisherige Präsentation auf den neuesten Wissensstand bringen zu können.

Leben in einer Oase

Heute liegt der Fokus eindeutig auf der Gegenwart, dem Afrika des 21. Jahrhunderts, so die Macher. Gleich aus fünf unterschiedlichen Richtungen nähern sich die Völker- Natur- und Handelskundler dabei ihrem Sujet, immer das Ziel vor Augen einen ganzheitlichen Blick auf die vielen Facetten des Kontinents werfen zu können. Immerhin bietet der schwarze Kontinent heute 54 Staaten ein Zuhause.

Entsprechend haben sie die Themenbereiche gewählt: Vom Alltag der Menschen, die Wüste bis hin zu den vorhandenen Ressourcen reicht das Spektrum ihrer Arbeiten. Weitere Anknüpfungspunkte zeigen sich in der Gesellschaft und der Menschwerdung. Mit Hilfe dieses roten Fadens soll die Komplexität und der Vielfalt des Kontinents Rechnung getragen werden.

Nairobi als Beispiel ist bewusst gewählt, um das urbane Alltagsleben im Afrika des 21. Jahrhunderts  vorzustellen. Nur die wenigsten wissen, dass Afrika heute weltweit die höchste Urbanisierungsrate hat – fast die Hälfte der Bevölkerung lebt in einer Stadt. Der Wunsch nach Bildung und einem besseren Lebensstandard lockt die Landbevölkerung aus den Dörfern in die Städte aller Kriminalitätsraten und fehlendem Wohnraum zum Trotz. Wer es geschafft hat und sich eine Existenz aufbauen konnte, zeigt es: die Kinder gehen zur Schule, werden dort mehrsprachig unterrichtet und statt einer Farm wartet das Leben in einem Einfamilienhaus, das sich nur unwesentlich von den europäischen Eigenheimen der Mittel- und Oberschicht unterscheidet. Selbst bei der Wahl ihrer Verkehrsmittel gibt es Parallelen zur Alten Welt: Das Automobil, sei es als LKW, sei es als PKW, ist immer häufiger die erste Wahl, wenn es um die individuelle Mobilität – auch wenn gegenwärtig nur 11.000 Kilometer des 160.000 Kilometer langen Straßennetzes in Kenia befestigt sind.

Ein anderes Vorurteil – afrikanische Musik wird von Trommelklängen dominiert – lässt sich schnell im ansonsten schallgedämmten Raum leicht widerlegen. Neben den internationalen Größen der aktuellen Musikszene setzen einheimische Musiker auch Saiteninstrumente wie Kora und Lamellophone gekonnt ins rechte Licht.

alt-ägyptisches Grab - Mumie Hansiese

Nicht nur der Klimawandel hat Einflüsse auf die stetig wachsende Fläche der Sahara. Nicht selten ist es das Fehlverhalten der Farmer, die mit ihrer übermäßigen extensiven Landwirtschaft ihren Beitrag leisten, dass die Relation „Weidefläche zu Viehbestand“ und ausgelaugte Ackerböden der Verödung der Regionen Vorschub leisten. Dabei mögen die Ziele gut gemeint sein, um der stetig steigenden Bevölkerung genügend Nahrungsmittel liefern zu können. Doch nicht immer stellt eine Wüste einen lebensfeindlichen Raum dar, wie einige der Exponate beweisen. Gerade diesen Lebensraum haben sich Pflanzen und Tiere erschlossen, haben sich an ihre Umwelt angepasst, wie die Wüstenspringmaus, die sich im Dunkeln mit ihren langen Barthaaren orientiert. Entsprechend seinem Namen „Nebeltrinker-Käfer“ versorgt sich das Insekt in der Wüste Namib auf eine ungewöhnliche Weise mit dem kühlen Nass: in den Morgenstunden reckt er sein Hinterteil in die Höhe, der Nebel kondensiert daran, die Wassertropfen laufe zu seinem Mund hinunter.

An Rohstoffen mangelt es dem Kontinent nicht. Gut zehn Prozent der Rohölvorkommen und acht Prozent der globalen Erdgasvorkommen finden sich im afrikanischen Boden, dazu noch Titan, Kupfer, Lithium, Gold und Diamanten. Allein 80 Prozent der nach Deutschland importierten Kakaobohnen stammt aus Westafrika. Diametral dazu die Armut, als Folge des Bevölkerungswachstums, Hungersnöten, Dürren. Hinzu kommt die Bedeutungslosigkeit Afrikas am Welthandel. Der Anteil des Kontinents am Welthandel beträgt gerade mal 1,6 Prozent – obwohl 40 Prozent der globalen Ressourcen sich auf und im Boden des Erdteils befinden. Der Grund hierfür liegt in der Kolonialgeschichte. Die Bodenschätze und Nahrungsmittel werden hier zwar angebaut aber nicht weiterverarbeitet. Als Anbieter von Rohstoffen ist die afrikanische Wirtschaft daher stark von der Nachfrage auf dem Weltmarkt abhängig. Jede Preissenkung, jede Zollschranke hat daher direkte negative Auswirkung auf die Erzeugerländer damit auch auf das Lohnniveau, der in der Landwirtschaft tätigen Arbeitskräfte. Politische Entscheidungen der Verantwortlichen, Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte tun ein übriges um Wachstum, damit auch Wohlstand zu verhindern. Ähnlich wie Diamanten zählen „seltene Erden“, die zur Herstellung moderner Elektronik benötigt werden, aufgrund ihrer begrenzten Verfügbarkeit zu den „Konfliktrohstoffen“. Doch nicht nur die kriegerischen Auseinandersetzungen begünstigen Migration auf dem Kontinent. Ausländische Investoren kaufen Land, um es zu bewirtschaften oder um daraus die Rohstoffe zu fördern. Ihre Arbeitskräfte bringen sie mit, die eigentliche Bevölkerung so aus ihrer Heimat verdrängt.

Bug eines Flüchtlingsbootes

Exemplarisch stellen die Bremer Ausstellungsmacher das Schicksal einiger Bootsflüchtlinge vor, die es bis nach Teneriffa geschafft haben. „Eigentlich wollten wir für unsere Ausstellung von dort eines dieser Boote haben“, berichtet Wiebke Arndt. Doch daraus wurde nichts. Auf Teneriffa werden die Boote der Flüchtlinge ausnahmslos zerstört und verbrannt. Selbst für die Hanseaten wollten die verantwortlichen Stellen keine Ausnahme machen. So wurde improvisiert. Stattdessen ziert nun der Bug eines derartigen Bootes die Ausstellung. Bereits der Blick auf den Querschnitt lässt den Betrachter erschauern. Die Holzplanken sind nur wenige Zentimeter dick. Eine dünne Lederhaut soll das Eindringen des Seewassers verhindern. Kaum zu glauben, dass sich in so einer Nussschale gleich mehrere Hundert Menschen auf das offene Meer wagen.

Afrika steht nicht nur für negative Schlagzeilen. Gleich sieben Prozent der Fläche stehen unter Naturschutz – mehr als auf jedem anderen Kontinent. Hier sind auch die meisten Nationalparks beheimatet. Sie dienen nicht nur als Rückzugsgebiet für die „Big Five“ – Elefant, Löwe, Büffel, Nashorn, Giraffe – sondern auch als touristische Attraktion und damit bedeutende Einnahmequelle. Selbst für Biologen bietet der Kontinent noch Überraschungen, die es zu erforschen gilt: In kürzester Zeit entwickelten sich die ostafrikanischen Seen zu einem „Labor der Evolution“: Im Tanganjikasee entwickelte sich aus drei Buntbarsch-Arten eine Vielfalt von 233 neuen Gattungen an Buntbarschen.

Informationen

Übersee-Museum Bremen
Bahnhofsplatz 13
28195 Bremen
Tel. 0421 / 160 38 190 (Kasse)
E-Mail:
kasse@uebersee-museum.de
www.uebersee-museum.de

Jeden zweiten Sonntag im Monat (Beginn: 15 Uhr, Kosten 2 Euro + Eintritt) gibt es öffentliche Führungen. Im Rahmen der „Museumsgespräche“ werden Vorträge und Sonderführungen zu Themen der Afrikaausstellung veranstaltet. Ebenfalls geplant sind Workshops zur afrikanischen Kunst (30. November), Küche  (8. Februar) und Mode (15. März). Sie finden jeweils zwischen 14 und 17 Uhr statt (Kosten 12  Euro). Ansprechpartnerin für die Angebote ist die Museumspädagogin Olga Rosenthal (Tel 0421 / 160 38 171, mail: o.rosenthal@uebersee-museum.de)

Eintrittspreise
Erwachsene: 6,50 Euro, 4,50 Euro ermäßigt
Kinder/Jugendliche (6-17 Jahre): 2,50 Euro
Familien: 13,50 Euro

Öffnungszeiten
Di – Fr             09 – 18 Uhr
Sa + So            10 – 18 Uhr
montags geschlossen, ebenso am 24.12., 25.12., 31.12 und Neujahr 2014
während der Ferien in Bremen: Di – So 10 – 18 Uhr

Allgemeine Informationen über Bremen
BTZ Bremer Touristik Zentrale
Service-Telefon 01805 / 10 10 30 (0,14 Euro/min aus dem deutschen Festnetz)
oder Tel. 0421 / 30 800 10

© Text und Fotos: Helge Holz

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