Auf alten Hansepfaden durch die Altmark

1. Februar 2014 | Von | Kategorie: Die Reportage, Nordd. Tiefland

Nicht nur an der Küste gibt es Hansestädte. Acht Orte in Sachsen-Anhalt haben sich zum Altmärkischen Hansebund zusammengeschlossen.

Roland-Figur vor dem Rathaus in Stendal

Wer das Wort Hansestadt hört, der denkt an Hamburg, Bremen und Lübeck. Vielleicht noch an Wismar, Rostock, Stralsund oder Greifswald. Immerhin tragen diese sieben Städte, das „H“ für Hanse auch im Autokennzeichen. „Doch Hansestädte gibt es nicht nur an der Küste“, erklärt Hansekaufmann Hagen von Allemann, während er sein Kanu besteigt, um damit eine Paddeltour um die vier Inseln der Hansestadt Havelberg zu machen: „1980 wurde im holländischen Zwolle die „neue“ Hanse oder der Städtebund „Die Hanse“ gegründet. Alle ehemaligen Hansestädte des Mittelalters können Mitglied werden. Zur Zeit sind es um die 175 Orte.“ Ein Hansekaufmann im Kanu hätte vor 600 Jahren sicherlich das Gelächter der Kaufleute auf sich gezogen. In der „Neuzeit“ sieht das anders aus, denn im wirklichen Leben ist Hagen von Allemann Stadtführer und heißt Detlef Tusk. Und Ziel der „neuen“ Hanse ist neben dem Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen die Förderung des Tourismus, um das historische Erbe der Hansezeit erlebbar zu machen. „1998 schlossen sich die Prignitzstadt Havelberg und die sieben Kleinstädte Gardelegen, Osterburg, Salzwedel, Seehausen, Stendal, Tangermünde und Werben im Norden Sachsen-Anhalts zum Altmärkischen Hansebund zusammen“, berichtet von Allemann, während er seinen Kanadier zwischen Altstadt- und Spülinsel gegen den Wind manövriert. Die Blütezeit der Hanse erstreckt sich vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Die organisierten Städte beherrschten einen Großteil des nordeuropäischen Fernhandels, was ihnen Wohlstand und Ansehen brachte. 1488 entfachte ein Bierziesekrieg. Aufgrund einer zusätzlichen Biersteuer erhoben sich die Orte gegen den Kurfürsten Johann Cicero. „Er zwang sie nieder und forderte ihren Austritt aus der Hanse“, sagt von Allemann: „Nur Stendal und Salzwedel blieben noch bis 1518 im Hansebund. Havelberg sogar noch 30 Jahre länger.“

Torwächter am Hansetag

1669 fand in Lübeck der letzte Hansetag statt. Heute ist der Lübecker Bürgermeister der Vormann der „neuen“ Hanse. Seit 1980 gibt es den „Internationalen Hansetag der Neuzeit“ – ein Volksfest mit umfangreichem Kulturprogramm rund um die Hanse. 2014 findet der 34. Internationale Hansetag vom 22. bis 25. Mai in Lübeck statt.

Viel ist aus der damaligen Zeit auf der Altstadtinsel nicht übrig geblieben. Immer wieder wurde die Stadt Opfer von Bränden. Ganze vier Gebäude wie die Stadtkirche St. Laurentius, das Beguinenhaus am Salzmarkt oder die achteckige Hochzeitskapelle St. Annen stammen noch aus dem 14. Jahrhundert. Außerhalb der Stadtmauer thront der romanische Dom St. Marien, der bereits vor der Hansezeit errichtet wurde. Klassizistische und Fachwerk-Bauten prägen heute das Gesicht der Stadt, die touristengünstig am Elberadweg liegt. Für den mittelalterlichen Handel waren Elbe und Havel von großem Nutzen. „Havelbergs Wohlstand beruhte besonders auf Getreide- und Holzhandel, Schiffbau und Fischerei“, meint der Hansekaufmann: „Die Fischereiinnung Havelbergs besaß das alleinige Verkaufsrecht für Flusskrebse und Fische auf den Märkten zwischen Hamburg und Berlin.“

Hansestadt Havelberg – überragt von der Stadtkirche St. Laurentius

Neben der Elbe führten acht Haupthandelswege durch die Altmark, die die einzelnen Orte miteinander verbanden. Wo früher die Fuhrwerke zuckelten, können heute Rad- und Autofahrer die historischen Pfade befahren. Größtenteils liegen sie abseits der Bundes- und Landesstraßen. Der Tourismusverband Altmark hat diesen Wegen Namen gegeben, die entweder einen Bezug zur Hanse oder zu Landschaft und Orten haben, durch die die Wege führen. Ausgeschildert als Hansewege sind sie nicht, aber mit der entsprechenden Beschreibung trotzdem gut zu finden. Hin und wieder verläuft auf ihnen auch die Straße der Romanik oder die Deutsche Fachwerkstraße.

Elbtor von 1460 in Werben, der „kleinsten Hansestadt der Welt“

Von Havelberg geht es mit einer Gierseilfähre auf die andere Elbseite. Werben wirbt mit dem Slogan, mit 800 Einwohnern kleinste Hansestadt der Welt zu sein. Aus der Zeit der florierenden Hanse stammen die Stadtkirche St. Johannis und die kleine Salzkirche St. Spiritus. Von den ursprünglich vier Stadttoren ist noch das Elbtor erhalten, von dessen Rundturm man direkt in mehrere der 20 Storchennester des Ortes blicken kann. Nach dem Dreißigjährigen Krieg blieb eine Stadt in Schutt und Asche zurück. Erst im 18. und 19. Jahrhundert wurde Werben wieder aufgebaut. Zahlreiche Fachwerkhäuser stammen aus der Biedermeierzeit und stehen heute leer. „Weshalb sich der Arbeitskreis Werbener Altstadt gründete“, berichtet Mitglied Frank Gellerich: „Mit unseren Aktionen rund um die Biedermeier-Zeit konnten wir auf Werben aufmerksam machen und haben einige Investoren in die Stadt geholt, aber aus Werben kann noch mehr werden.“

Über Seehausen und Osterburg führt der Vier-Flüsse-Weg Richtung Stendal, mit 35.000 Einwohnern mit Abstand die größte der acht Hansestädte. Tuchmacher- und Gewandschneider brachten einst den Wohlstand in die heutige Kreisstadt. Vor dem Rathaus steht der drittgrößte Roland Deutschlands. Die Roland-Figur symbolisierte im Mittelalter die Eigenständigkeit einer Stadt mit Marktrecht und Gerichtsbarkeit.

Denkmal Grete Minde in der Hansestadt Tangermünde

Auf dem Tuchweg erreicht man nach wenigen Kilometern die mittelalterlich best erhaltene und quirligste der acht Hansestädte: Tangermünde. Kaiser Karl IV. regierte im 14. Jahrhundert große Teile Europas von Prag aus. Er ließ die Tangermünder Burg, den ältesten Teil der Stadt, zu seiner Nebenresidenz ausbauen. Von der Elbseite aus gesehen wirkt die um 1300 errichtete Stadtmauer besonders wuchtig. 1617 fielen 486 Wohnhäuser und 52 Scheunen einer Brandstiftung zum Opfer. Das Schicksal der zündelten Tangermünderin Grete Minde nahm Theodor Fontane als Vorlage für seine 1879 erschienene gleichnamige Novelle. Erst zum 390. Todestag wurde Grete Minde, die vielleicht auch ein Justizopfer war, vor dem Tangermünder Rathaus ein Denkmal gesetzt.

Hopfen ziert auch das Wappen der Hansestadt Gardelegen

Am Hopfenweg liegt Gardelegen. Wo bis Anfang des 20. Jahrhunderts der Hopfen wuchs, wehen heute Gerstenhalme und zarte Zuckerrübenpflanzen auf riesigen Feldern im Wind. Auch in Gardelegen wacht ein Roland vor dem Rathaus, das 1212 als Kauf- und Schauhaus erbaut wurde. Garley-Bier war das Gold der Stadt zur Hansezeit. „Kurz vor dem 30-jährigen Krieg gab es 260 Brauereien in Gardelegen“, erzählt Stadtführer Rupert Kaiser: „1698 besuchte Zar Peter der Große Gardelegen, da er wegen des Schiffbaus in Havelberg weilte. Er war so begeistert von unserem Bier, dass er zwei Gardelegener Brauer mit nach Russland nahm.“ Auf Garley-Bier muss auch im 21. Jahrhundert kein Besucher des Ortes verzichten. Das Café am Rathaus am dreieckigen Marktplatz wartet mit verschiedenen Sorten auf.

Die letzte Station am Hopfenweg ist Salzwedel. Großflächige Felder, Alleen, ehemalige „Landwirt-schaftliche Produktionsgenossenschaften“ prägen wieder die Landschaft zwischen den Städten. Der Name Salzwedel weist darauf hin, dass Salz über eine Furt („Saltwidele“) befördert wurde. Über den Fluss Jeetze hatte die Stadt Anschluss an die alte Salzstraße von Lüneburg nach Magdeburg. Gotische Backsteinkirchen, wie St. Marien und St. Katharinen, Reste von Befestigungsanlagen, zwei Stadttore, Speicherhäuser sind auch hier Zeugnisse der Hansezeit. Erst 290 Jahre nachdem Salzwedel „verhanst“, also aus der Hanse ausgeschlossen wurde, erfand Bäckermeister Johann Schernikow ein Produkt, das nicht mit Salz, sondern mit Zucker zu tun hat: den Baumkuchen. 1808 gründete er seine „Conditorei- und Baumkuchen-Fabrikation“.

Weltberühmt – Baumkuchen aus der Hansestadt Salzwedel

In der Ersten Salzwedeler Baumkuchenfabrik zeigt Konditor Maik Suske wie ein Baumkuchen entsteht. Vor einer offener Gasflamme dreht sich eine Walze über die er in regelmäßigen Abständen Teigmasse gießt. Innerhalb von 20 Minuten produziert der Konditor einen Kuchen mit acht bis zehn Jahresringen. Nach dem Abkühlen überzieht er die Delikatesse mit Fondant, weißer, Vollmilch- oder Zartbitterschokolade. Somit gibt es auch zur Zeit der „neuen“ Hanse ein Handelsgut, das Hagen von Allemann sicherlich all zu gerne verkauft hätte.

Informationen

Lage: Die Altmark liegt im Nordwesten Sachsen-Anhalts.

Allgemeine Information über die Hanse der Neuzeit: www.hanse.org/de

2014 findet der „34. Internationale Hansetag der Neuzeit“ vom 22. bis 25. Mai in Lübeck statt.

Nähere Informationen
www.hansetag2014.de

Torwächter am Hansetag

Lübeck Tourismus
Holstenplatz
23552 Lübeck
Tel.: 0451 88 99 700
Fax: 0451 40 91 990
E-Mail:
info@luebeck-tourismus.de
Service speziell zum Internationalen Hansetag:
Tel.: 0451/4091-940
E-Mail:
hansetag2014@luebeck-tourismus.de

Informationen zu Hansestädten der Altmark  gibt es beim:

Hansestadt Gardelegen – Salzwedeler Tor mit Torwächter

Tourismusverband Altmark
Marktstr. 13
39590 Tangermünde
Tel. 039322 3460
www.altmarktourismus.de

oder über die jeweiligen Touristinformationen der einzelnen Orte:

Gardelegen: 03907 42266
www.gardelegen.info
Havelberg: Tel. 039387 79091
www.havelberg.de
Osterburg: Tel. 03937 895012
www.osterburg.de
Salzwedel: Tel. 03901 422438
www.salzwedel.de
Seehausen: Tel. 039386 54783
www.stadt-seehausen.de
Stendal: Tel. 03941 651190
www.stendal.de
Tangermünde: Tel. 039322 22393
www.tourismus-tangermuende.de
Werben: Tel. 039393 92755
www.werben-elbe.de

Übernachtungsmöglichkeiten

Exempel-Schlafstuben Tangermünde
Lange Straße 24
39590 Tangermünde
Tel. 039322 7354000
www.exempel.de/hotel

Appartement-Pension „Zum Biber“
Vor dem Steintor 22
39539 Havelberg
Tel. 039387 20655
www.campinginsel-havelberg.de

Gasthof Gose
Am Eichengrund 1
39576 Ziegenhagen (zwischen Stendal und Osterburg)
Tel. 039328 51418
www.hotel-freizeit-gose.de

Hotel & Restaurant „Zur Post“
Breite Str. 39
29410 Salzwedel
Tel. 03901 422034
www.post-saw.de

Essen und Trinken

Exempel-Gaststuben (Speisen im alten Klassenzimmer)
Zecherei St. Nicholai (mittelalterlicher Keller)
39590 Tangermünde
Tel. 039322 22999
www.exempel.de

„Zur Güldenen Pfanne“
Lehmkuhle2
39539 Havelberg
Tel. 039387 79951
www.gueldene-pfanne.de

Café Kruse
Holzmarktstr. 4 – 6
29410 Salzwedel
Tel. 03901 422107
www.kruse-baumkuchen.de

Café am Rathaus
Rathausplatz 19
39638 Gardelegen
Tel. 03907 779269
www.cafe-am-rathaus-gardelegen.de

Café und Kaffeerösterei Kaffeekult
Am Markt 1
39576 Stendal
Tel. 03931 410056
www.kaffeekult.eu

© Dagmar Krappe (Text), Axel Baumann (Fotos)

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