Auf dem E-Bike durch das Oldenburger Münsterland

18. Juli 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Ein Besuch in Niedersachsens Speisekammer

Ein touristischer Geheimtipp für einen erlesenen Kreis sieht wahrlich anders aus: Die Einladung zur Einkehr gilt jedermann. Dennoch ist das weiß-braun bedruckte Blech am Straßenrand für die meisten Autofahrer lediglich eine Randnotiz, eben eine Information von vielen. Ein Fehler, denn auf gerade einmal acht Quadratmetern wird hier eine spannende Feriengeschichte erzählt: Der Reitersmann als Symbol für Reitsport und Pferdezucht, ein Fachwerkhaus als Synonym für ländliche Lebensqualität und die radfahrende Mutter mit Kind als Inspiration für eine Radtour durch die für das Oldenburger Münsterland so typische Geest- und Moorlandschaft.

Dementsprechend passend ist auch der Name für die Reise: die Boxenstopp-Route. Per Drahtesel oder per Blechkutsche lassen sich innerhalb weniger Tage so das Barßel-Saterland, die Dammer Berge, Hasetal und Thülsfelder Talsperre sowie die Ausflugsregion Nordkreis Vechta bequem erkunden. Längst schätzen die Bremer Bürgerschaft, Oldenburger und Osnabrücker diese Region als pittoreskes Ziel für einen Wochenendausflug. Dort, wo mehr als 120 ländliche Stationen auf ihre Entdeckung warten.

Allem sportlichen Ehrgeiz zum Trotz, ausschließlich per Rückenwind und traditioneller Muskelkraft braucht niemand mehr auf dem Rad über den gut 325 Kilometer langen Rundkurs zu strampeln. Die Alternative sind moderne E-Bikes, deren Elektromotoren kräftesparend das in die Pedale treten unterstützen. Denn auch hier gilt: ohne Muskelkraft geht’s nicht. Drei Stufen des elektrischen Rückenwinds verhelfen so dem Genussradler zu einer Reichweite von bis zu 80 Kilometer pro Akkuladung. Elektroantrieb am Drahtesel? „Dat bruikt wui nich – das brauchen wir nicht“ wird sich so mancher eingefleischter Radler denken und verzichtet dabei auf eine große Portion an Fahrspaß, während dieser gut sieben Tage währenden Rundreise.

Und der begleitet von Anfang an. Dabei liegt es nicht nur an der zurückhaltenden Motorisierung; die Postkarten-Idylle entlang des Weges lässt den Alltag schnell vergessen. „Ich fühl mich schon richtig heimisch“, meint aus tiefster Seele Eva und lässt ihren Blick über die Weite der gelb leuchtenden Rapsfelder schweifen. Der Duft der Blüten ruft Kindheitserinnerungen wieder wach. Gerade ist die frohe Runde auf dem Weg zum Dümmer See, dem zweitgrößten Binnensee in Niedersachsen. Wer will, kann hier surfen, zu einer Segelbootrundfahrt aufbrechen oder selbst im Paddelboot an den Riemen reißen. Sogar in der Tierwelt hat der Dümmer inzwischen eine größere Bedeutung erlangt: Zahlreiche Wasservögel legen hier ebenfalls einen Boxenstopp ein, wenn sie von oder zu ihren Brut- oder Winterquartieren unterwegs sind. Einigen dieser gefiederten Touristen gefällt es hier mittlerweile so gut, dass sie rund um dem gut anderthalb Meter tiefen Gewässer ihr Winterquartier beziehen. „Selbst Seeadler haben wir hier schon gesichtet“, berichtet Jürgen Göttke-Krogmann von der Naturschutzstation Dümmer. Gerade der südliche der vier Aussichtstürme wird aus diesem Grund den Vogelbeobachtern in Beschlag genommen. Wer zuvor seine Wege in die „Dümmer Vogelschau“ gelenkte hat, kann nun die erlernte Theorie gleich in die Praxis umsetzen. Doch einmal im Jahr ist es mit dieser Beschaulichkeit aber vor, wenn der „Dümmer brennt“ und im August ein farbenprächtiges Höhenfeuerwerk die Nacht zum Tag macht.

Wer lieber die schöne Aussicht auf’s nicht ganz so „platte“ Land haben will, braucht nur ein paar Kilometer weiter zu radeln: zum Aussichtsturm auf dem Mordkuhlenberg zwischen Damme und Steinberg. 141 Meter über NN misst die Anhöhe. Wer dann noch die gut 22 Meter nach oben nicht scheut, auf den warten weite Einblicke bis ins 35 Kilometer entfernte Cloppenburg, bis zum Wiehengebirge im Süden oder lässt sich dort oben in das düstere Geheimnis dieses sagenumwobenen Berges einführen.

Wie ein kulinarischer roter Faden leiten Hofcafés und Landgasthöfe über die Boxenstopp-Route. Im Frühjahr werden es die Gourmets unter den Radtouristen besonders schwer haben, sich an ihren individuellen Fahrplan zu halten. Spätestens wenn frische Erdbeeren und Spargel verführerisch in den Hofläden leuchten oder der Blick auf die aushängenden Speisekarten in den Restaurants fällt, wissen auch Auswärtige warum das Oldenburger Münsterland als „Speisekammer Niedersachsens“ gilt.

Ganz lokalpatriotisch ist Gästeführerin Elisabeth Middendorf, wenn sie über ihr Dinklage berichtet. „Wir haben hier die schönste Wasserburg der Region“ erzählt sie voller Stolz.  Einst erblickte hier in diesem Gemäuer Kardinal Clemens August Graf von Gahlen das Licht der Welt, der noch heute als „Löwe von Münster“ allenortes präsent ist. Aus dem ehemaligen Stammsitze der Grafen von Gahlen ist längst ein Benediktinerinnen-Kloster mit Gästehaus und Klostercafé geworden.

Nur wenige Fahrminuten entfernt bietet sich eine Kaffeepause auf dem Bussjans Hofs an. Ein typisches Ensemble niedersächsischer Fachwerk-Architektur mit liebevoll gestalteten Accessoires bittet zum genauer Hinsehen. Historie und Moderne müssen dabei kein Widerspruch sein. Just hier lassen sich auch moderne Segways ausprobieren. So ungewöhnlich das einachsige Gefährt auch aussehen mag, Geschick und Gleichgewicht lassen sich kinderleicht in Bewegung umsetzen.

Je weiter es Richtung Norden geht, desto farbenprächtiger wird die Natur. Wohin die Reisenden auch schauen, mannshohe Rhododendron-Sträucher leuchten hier in allen Farbnuancen, die die Natur zu bieten hat. Am Ziel erinnert das Erholungsgebiet Thülsfelder Talsperre an eine Geestlandschaft mit weiten Moorgebieten und mittendrin die etwa 150 Hektar große Seenplatte, als Hochwasserschutz der Weiden und Acker im Soestetal.

Auch hier lohnt es sich, das Rad einmal beiseite zu legen. Ein Kletterwald mit unterschiedlich schwierigen Parcours wartet gleich neben der Talsperre auf die Seilschaften. In guter Erinnerung wird bei den jüngeren Besuchern gerade der Tier- und Freizeitpark Thüle bleiben, wo neben dem Tieregucken auch Spielgeräte zum Austoben locken. Kleine wie große Wassermänner und Badenixen können ihren Boxenstopp zum einem Kurzbesuch Freizeitbad in Cloppenburg nutzen oder weiter an den Badesee nach Haalen fahren. Freunde der frittierten Kartoffelstäbchen sitzen hier an der Quelle: nicht nur für sie startet und endet hier ein 30 Kilometer langer „Kartoffel-Korn-Kultur-Rundweg“.

Noch weiter nördlich liegen Barßel und das Saterland. Die Nähe zu Ostfriesland ist unübersehbar: weite Moorgebiete und Flüsse, die von der Tide abhängig sind. Wer Glück hat, trifft hier rund um Barßel auf eine niedersächsische Besonderheit. Nirgendwo sonst in diesem Bundesland wird noch Saterfriesisch gesprochen – kein Dialekt, sondern eine eigene ostfriesische Sprache. Gerade mal 2.000 Menschen in vier Dörfern leben heute noch diese Sprache. Es ist die kleinste anerkannte deutsche Sprachminderheit, die sogar von der europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen geschützt wird. Die Abgeschiedenheit war einst der Grund für das Entstehen der Sprache. Als „Insel im Moor“ war das Saterland nur über die Fehn, die Kanäle im Moor, zu erreichen. Just durch diese Isolation konnte sich eine eigene Sprache entwickeln. Sie steht inzwischen im Guinnessbuch der Rekorde als „kleinste Sprachinsel Europas“. Längst sind Saterländer in den Fokus der Germanisten der Bremer und Oldenburger Universität geraten. Und doch, trotz dieser akademischen Weihen, das „Baalst du seeltersk? – Sprichst Du saterfriesisch?“ war in den letzten Jahren immer seltener zu hören.

Gegen das Aussterben und Vergessen ihrer Sprache kämpft und schreibt Gretchen Grosser. In der lokalen Zeitung hat die gebürtige Saterländerin eine eigene saterfriesische Kolumne, selbst im Internet ist sie mit Podcasts vertreten. Gerade hat die Autorin in mühevoller Kleinarbeit den „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry ins Saterfriesisch übersetzt. „Der Struwelpeter spricht bereits saterfriesisch“, berichtet die in Bramslo lebende Schriftstellerin stolz und ergänzt: „einige Leser rufen mich sogar an, wenn sie ein Wort nicht verstehen“. Ihr Engagement zeigt erste Früchte. Konnten sich bisher nur die Großeltern in „ihrer“ Sprache miteinander unterhalten, können heute die Enkelkinder wieder mithalten, die ihr Saterfriesisch bereits im Kindergarten lernen. Selbst in den Familien ist das Saterfrisisch nicht mehr verpönt. Dieses wiedererwachende Selbstbewusstsein ist im öffentlichen Raum gleichfalls sichtbar: bereits die Ortseingangsschilder grüßen zweisprachig.

Hier an der Soeste befindet sich auch die einzige „mobile“ Station der Boxenstopp-Route: das Fahrgastschiff MS Spitzhörn. Genüsslich lässt es sich darauf durch das Dreiländereck, Ammerland, Ostfriesland, Saterland schippern und den Geschichten von Werner Reckling lauschen. „In ihren Plattbodenschiffen, Tjalks genannt, brachten die Bewohner früher den Brennstoff Torf aus den Mooren bis nach Emden zu den Ziegeleien und transportierten auf dem Rückweg Schlick aus Ems und Dollart als Dünger wieder zurück“. Doch nicht nur mit historischen Entbehrungen kann der Schiffer in seiner Erzählungen aufwarten, auch Raubrittergeschichten, die im Mittelalter die Kaufleute um Hab und Gut brachten, sorgen für eine Gänsehaut. Und wem das als Erlebnis nicht reichen sollte, der braucht einfach nur seinen Blick aus dem Fenster zu werfen und genießt den romantischen Sonnenuntergang.

Deutlich geruhsamer gestaltet sich die Floßfahrt über die Hase einige Kilometer weiter südlich im Osnabrücker Land bei Löningen. Gerade einmal 168 Kilometer ist das Flüsschen lang, ist aber trotz seines harmlos klingenen Namen alles andere als zu unterschätzen. In früheren Zeiten stieg bei Hochwasser das Gewässer um bis zu sieben Meter an. Durch entsprechende Schutzmaßnahmen ist die Gefahr für die Anwohner gebannt und ein Ruheraum für Erholungssuchende geworden. Selbst auf internationaler Bühne ist die kleine Hase ein Schwergewicht. Lediglich in Südamerika, in Indien und in Kambodscha können Flüsse mit einem vergleichbaren Naturphänomen aufwarten: einer Bifurkation – einer Flußgabelung. Auf dem Wasser ist Flößer Bernhard Jansen voll in seinem Element. „Eigentlich war es nur eine Idee in unserer Nachbarschaft. Vor elf Jahren hatten wir uns ein kleines Floß gebaut und ließen uns damit über die Hase treiben. Das hat alle Mitfahrern jedes Mal so gut gefallen, dass die Nachfrage nach Ausflügen gestiegen ist. Mittlerweile ist aus dem Freizeitvergnügen eine Vollzeitarbeit mit vier Flößen geworden. Eines jedoch hat sich in all den Jahren aber nicht verändert. „Das Schönste hier auf dem Wasser ist, man hat keinen Stress“, freut sich Bernhard Jansen.

Ein Geheimtipp dagegen ist der Garten und das kleine Museum von Louise Lucas. In liebevoller Akribie hat sie nahe der Hase alles gesammelt, was in einem gutbürgerlichen, ländlichen Haushalt so zu finden war und präsentiert ihre Sammelleidenschaft nun in einem alten Kuhstall nebst einem Café. Große Augen werden die Besucher machen, wenn sie noch einen Blick in die Gute Stube werfen – wie zu Omas Zeiten halt.

Informationen:

Einkehren und Übernachten: 

Waldhotel zum Bergsee Damme, Wellenberg 6, 49401 Damme, Telefon 05491/95660, www.waldhotel-zum-bergsee.de

Hotel Heidegrund, Drei-Brücken-Weg 10, 49681 Garrel/Petersfeld, Telefon 04495/980, www.hotel-heidegrund.de

Ferienhof Werner, Herzog-Erich-Weg 4, 49685 Drantum, Telefon 04473/1049, www.ferienhof-werner.de

Bussjans Hof, Schweger Straße 17, 49413 Dinklage, Telefon 04443/4953, www.bussjans-hof.de, Ö. Mi 14:30-18:00 Uhr, Sa/So/Feiertage 14:00-18:00 Uhr;

Hof Gisela, Stoppelmarkt 8, 49377 Vechta, Telefon 04441/5950, Ö. Mo-Fr: 15:00-18:00 Uhr, Sa: 9:00-12:00 Uhr

Klosterladen Burg Dinklage, Burgallee 3, 49413 Dinklage Tel. 04443 / 513195 Ö. täglich außer montags 14:30-17:30 Uhr, www.abteiburgdinklage.de

Ausflugsziele und Museen:

Moor- und Fehnmuseum Elisabethfehn, Oldenburger Straße 1, 26676 Barßel-Saterland, Telefon 04499/2222, www.fehnmuseum.de

Museumsdorf Cloppenburg, Bether Straße 6, 49661 Cloppenburg, Telefon 04471/9484-0, www.museumsdorf.de

Dümmer Vogelschau, Dümmerstraße 7a, 49401 Damme-Dümmerlohausen, www.duemmer-vogelschau.de

Tier- und Freizeitpark Thüle, Über dem Worberg 1, 26169 Friesoythe-Mittelsten Thüle, Telefon 04495/255, www.tier-freizeitpark.de

Kletterwald Nord, Am Stau, 26169 Friesoythe-Thülsfeld, Telefon 05407/3469210, www.kletterwald-nord.de

Fahrgastschiff MS Spitzhörn, Deichstraße-Hafen, 26676 Barßel, Telefon 04499/938080, www.barssel-saterland.de

Garten und Museum (Louise Lucas), Zur Hasebrücke 7, 49624 Löningen/Werwe, Telefon 05432/2409

Floß- und Planwagenfahrten Jansen, Holter Weg 1, 49624 Lewinghausen, Telefon 05964/1272, www.flossverleih-jansen.de

Informationen und Kontakt:

Die Boxenstopp-Route durch das Oldenburger Münsterland ist die jüngste Ferienstraße Niedersachsens, die durch die ländlich geprägte Kulturregion in den Landkreisen Cloppenburg und Vechta führt. Mehr als 120 Stationen spiegeln hier das niedersächsische Savoir-vivre wider. Im Netz ist die Boxenstopp-Route über www.boxenstopp-route.de zu erreichen.

Weitere Auskünfte geben die jeweilige Tourismus-Büros, die ebenso über Pauschal-Angebote verfügen oder Probefahrten mit dem Segway organisieren.

Erholungsgebiet Barßel-Saterland, Theodor-Klinker-Platz 1, 26676 Barßel, Telefon 04499/938080, www.barssel-saterland.de

Erholungsgebiet Thülsfelder Talsperre, Eschstraße 29, 49661 Cloppenburg, Telefon 04471/15256, www.thuelsfelder-talsperre.de

Hasetal Touristik, Langenstraße 33, 49624 Löningen, Telefon 05432/599599, www.hasetal.de

Tourist-Information Nordkreis Vechta, Kapitelplatz 3, 49377 Vechta, Telefon 04441/858612, www.nordkreis-vechta.de

Tourist-Information Erholungsgebiet Dammer Berge, Mühlenstraße 12, 49401 Damme, Telefon 05491/996667, www.dammer-berge.de

Verbund Oldenburger Münsterland, Oldenburger Straße 246, 49377 Vechta, Telefon 04441/9565-0, www.oldenburger-muensterland.de

© Text und Fotos: Helge Holz

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