Auf der „Straße der Megalithkultur“

20. Januar 2014 | Von | Kategorie: Nordd. Tiefland

Wenn’s dem Riesen im Holzschuh drückt…

… dann zieht er ihn aus, schüttelt die Steine heraus und lässt die Übeltäter einfach liegen, was auch sonst. Im Osnabrücker Land muss es einst viele Riesen gegeben haben, denn wohin der Wanderer auch blickt, überall liegen diese tonnenschweren Brocken auf den Wanderwegen herum. Einer größer als der andere. Sie sind so groß, dass heute gleich 80 Hinweistafeln vor diesen steinernen Hindernissen „warnen“.

Straße der Megalithkultur - Station 1b - Gretesche Steine, Osnabrück-Lüstringen

Noch bis ins 17. Jahrhundert waren die Gelehrten felsenfest davon überzeugt, dass eben jene Hünengräber nur von Riesen bewegt werden könnten – von „bösen Riesen“ wohlgemerkt, wie der Bentheimer Theologe und Arzt Johann Picardt eindringlich in seinem Bericht über Altertümer warnte. Einst wären aus dem fernen Skandinavien „gewaltige Riesen“ gekommen, die allein „durch ihre Größe und Stärke die schlimmsten Tyrannen ihrer Mitmenschen wären. Nur mit Hilfe schwerer Keulen wären die Menschen damals in der Lage gewesen, sich dieser Missetäter zu erwehren, hätten ihnen mit ihren Knüppeln die Beine zerschmettert, so dass diese zu Boden gingen.“ Der Rest dieser finsteren Gesellen hätte darauf die Flucht ergriffen und sich in einsame Gegenden, Küsten und Gebirge zurückgezogen, wo sie von den Menschen sicher wären – so die weit verbreitete Meinung im Mittelalter.

Straße der Megalithkultur - Station 2 - Großsteingrab, Jeggen

Trotzdem haben die Teufelssteine, Hünengräber, Geva-Steine oder Megalithen, wie sie auch genannt werden, ihren Reiz bis in die Gegenwart nicht verloren. Noch heute ranken sich allerlei Sagen und Legenden um die Großsteingräber. Mal wurden Kröten hier gefangen gehalten, dann wachten Hunde mit leuchtenden Augen über unermessliche Schätze. Großes Gänsehaut-Kino eben.

Und just diese Leinwand, die „Straße der Megalithkultur“ ist 330 Kilometer lang. Die Route startet in Osnabrück, führt durch Ostercappelner Gefilde, Artland, Emsland über das Oldenburger Münsterland bis in die Stadt an der Hunte.

Leider kann heute die moderne Wissenschaft nicht mit so fantasievollen Erklärungen aufwarten. Für sie sind es einfach „nur“ Überbleibsel der vorletzten Eiszeit. Spannend bleiben die Forschungen allemal, denn just der Teutoburger Wald bildet buchstäblich die Grenze: Nördlich des Höhenzuges nominieren die nordischen, oberirdischen Großsteingräber, weiter südlich die eingetieften Steingräber, so der Osnabrücker Kreisarchäologe Bodo Zehm und ergänzt: „Es sind die ältesten, noch erhaltenen Kulturdenkmale der europäischen Geschichte“. Selbst die ägyptischen Pyramiden sind deutlich jünger: Ihre Entstehungsgeschichte wird auf 2800 vor Christus datiert. Zu einer Zeit als die Germanen schon 500 bis 700 Jahre über die Ursachen rätselten, wie wohl die Steine nach Norddeutschland gekommen sein mögen. Genügend Zeit also, um schaurige Mythen und Sagen spinnen zu können.

Straße der Megalithkultur - Station 4a - Süntelstein, Vehrte

Beim Süntelstein etwa, hier soll sogar der Teufel seine Hand im Spiel gehabt haben. In  längst vergangenen Tagen lebte er im Vehrter Bruch, dort wo sich sein Teigtrog und sein Backofen befinden. Aus Verärgerung über die neu in Venne gebaute Kirche wollte er den Eingang des christlichen Gotteshauses mit einem riesigen Stein verschließen. So holte er sich vom Gattberg am Steinernen Meer das Objekt seiner Begierde. Doch seine Augen waren größer als seine Muskelkraft. Lag es nun am langen Heimweg oder den schwindenden Kräften, in Vehrte war jedenfalls Schluss, dann verließen ihn die Kräfte. Wutentbrannt rammte er den Stein in den Boden, wo der Menhir heute noch zu sehen ist.

Ein Rätsel ist bis heute allerdings noch nicht geklärt: An einigen Steingräbern befinden sich Handteller große Vertiefungen. Waren es Elfen, die hier ihre Mühlen angesetzt haben, um den Steinstaub, das Elfenmehl, zu erhalten? Angeblich soll es ja der Fruchtbarkeit dienen…

Gut ein Drittel der 330 Kilometer langen Straße führt durch das Osnabrücker Land. Dabei ist die Route nicht nur für motorisierte Reisende interessant, wie Projektleiterin Susanne Wahlig erklärt. Eigens für Radler haben die Macher eine passende Radroute ausgearbeitet. Das Bonbon: Sie ist gut 50 Kilometer länger – bietet also mehr Möglichkeiten, das Osnabrücker Land, Emsland und das Oldenburger Münsterland für sich zu entdecken. Wer zu Fuß einzelne Stationen besuchen will, sollte sich im nördlichen Teil des Osnabrücker Landes den Steingräberweg Gierfeld bei Ankum (Station 9a-1) auf seiner Liste notieren, verrät die Expertin, von ihrer Schokoladenseite zeigt sich ebenso die Region im Wiehengebirge bei Vehrte, wo sich der Süntelstein befindet.

Straße der Megalithkultur - Station 4c - Teufels Backofen, Vehrte

Nicht minder interessant ist das Oldenburger Münsterland. Nördlich von Visbek an der Engelmannsbäke liegt der Schauplatz einer sagenhaften Tragödie, die nicht weniger dramatisch sein konnte als Shakespeares „Romeo und Julia“: Grete, ein junges Mädchen aus Wildeshausen, war in den Knecht Konrad aus ihrer Nachbarschaft verliebt. Ihr Vater wollte davon nichts wissen und zwang sie, den Sohn eines reichen Visbekers zu heiraten. In ihrer Not rief die junge Braut auf dem Weg zur Hochzeit die Götter an. Diese hatten Erbarmen und sandten einen kräftigen Blitz auf die Erde. Vom Strahl getroffen verwandelte sich die gesamte Hochzeitsgesellschaft in Stein – Visbeker Braut und Bräutigam. Eine schaurige Geschichte.

Informationen

Wissenswertes über die „Straße der Megalithkultur“, zu den 33 Stationen und 80 Gräbern gibt es im Internet unter www.strassedermegalithkultur.de.

Arbeitsgemeinschaft Straße der Megalithkultur
c/o Tourismusverband Osnabrücker Land e.V.
Herrenteichstraße 17 + 18
49074 Osnabrück
Tel.: 0541 / 323 4570
Fax. 0541 /323 2761
E-Mail: team@tvosl.de
Internet: http://www.osnabruecker-land.de

© Helge Holz (Text und Fotos)

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