Auf schmaler Spur durchs Miniatur Wunderland Hamburg

25. Juni 2012 | Von | Kategorie: Hamburg

Die unendliche Geschichte in der Hamburger Speicherstadt

Wieder eine Männerdomäne weniger: Auch Frauen begeistern sich immer häufiger für Modelleisenbahnen – erst recht, wenn die Anlage in der mondänen Speicherstadt an der Elbe steht, wo Modelleisenbahn-Gucken richtig Spaß machen kann.

Besucherandrang im Miniatur-Wunderland Hamburg

Entsprechend groß ist daher der Andrang der Trainspotter bei einer der größten Attraktionen, die die Hansestadt zu bieten hat. Allein 2011 zog es 1,4 Millionen Besucher ins Miniatur-Wunderland in die Speicherstadt an der Elbe. Und für den Herbst 2012 erwarten die beiden Unternehmer Frederik und Gerrit Braun den 10.000.000 Eisenbahnfreund oder die 10.000.000 Eisenbahnfreundin, kommt darauf an, wer schneller ist.

„Angefangen hat alles 2001 irgendwie in Zürich“, berichtet Stephan Hertz, einer der Initiatoren. Während eines Stadtbummels durch die Innenstadt der eidgenössischen Metropole landete der Hamburger Unternehmer Frederik Braun in einem kleinen Modelleisenbahn-Fachgeschäft. Dort erinnerte ihn alles an seinen Kindheitstraum, den er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Gerrit geträumt hat. „Von uns dreien hatte nur ich eine eigene Modelleisenbahn“, erinnert sich Stephan Hertz. Die Zwillinge mussten sich dagegen mit der großen Bahn „begnügen“, wo sie an Bahnübergängen die vorbeifahrenden Züge beobachtet haben.

Miniatur-Wunderland Hamburg

Von der Idee einer eignen Modelleisenbahn fasziniert, überzeugte das Trio noch Jochen Braun, den Vater der Zwillingsbrüder Gerrit und Frederik. „Schließlich kennt er unsere Leidenschaft, haben wir doch unsere halbe Kindheit entlang der Eisenbahnstrecken verbracht“, erinnert sich der 44-jährige Frederik. Was anschließend folgte waren Gespräche mit Banken und Behörden, bevor das Quartett in dem hanseatischen Kaufmannsviertel ihre Zelte aufschlagen konnte.

Noch im selben Jahr, direkt nach Weihnachten, fiel der offizielle Startschuss zu diesem Millionen-Projekt. Innerhalb von nur neun Monaten hat das Quartett damals bereits über zwei Millionen DM und – gemeinsam mit ihrem 30 Personen zählenden Team – etwa 50.000 Arbeitsstunden in die über 300 Quadratmeter große Mini-Welt investiert. Den Kinderschuhen ist dieser „Familienbetrieb“ mittlerweile entwachsen. Heute feilen gut 200 Mitarbeiter an Technik und Landschaft. Inzwischen ist die Mini-Welt auf 1.400 Quadratmeter angewachsen – Tendenz weiter wachsend.

Direkt unter den kritischen Augen der (Fach-)Besucher entstand damals eine Hafenstadt im Maßstab 1:87, samt Untergrund- und Stadtbahnsystem. Wer dabei spontan an Hamburg en miniature denkt, wird dabei enttäuscht sein. „Wir wollen keinesfalls die Realität maßstabsgetreu abbilden“, beschwichtigt Stephan Hertz sofort, „es ist alles nur Fantasie. Wir orientieren uns keinesfalls an konkreten Vorbildern.“ In der Realität könnte es so aussehen, es muss aber nicht lautet ihre Devise. So verbindet „ihr“ Euro-Tunnel auch nicht Frankreich mit Großbritannien, sondern Europa mit dem amerikanischen Kontinent und eine Fahrt im H0-Schnellzug kann irgendwo zwischen den Niagara-Fällen und den Everglades enden.

Miniatur-Wunderland Hamburg

Dort, wo sich einst importierte Waren stapelten, befindet sich heute der Superlativ in „Spurgröße H0“. Gleichwohl drehen zwischen „Tabak, Tee, Kakao und erlesenen Gewürzen“ über 900 Züge ihre Runden. Knapp 15.000 Waggons sorgen dabei für das passende Ambiente hinter den Lokomotiven. Und doch, selbst für die eingefleischten Eisenbahn-Fans unter den Besuchern sind die vorbeirasenden ICEs und Dampflokomotiven oft nur eine Nebensache, so detailgetreu sind Landschaft und Stadtansichten nachgebildet. Ständig sind die Augen auf der Suche nach neuen Kleinigkeiten wie dem gerade stattfindenden Gefängnisausbruch. Das Seil aus dem kleinen Zellenfenster baumelt schon draußen…

Minutenlang verharren dann Besucher – bewaffnet mit Videokameras und Fotoapparaten – regungslos vor diesem oder jenem Motiv und suchen nach interessanten Impressionen. Längst Routine: Regelmäßig zieht es Stammgäste aus der Hansestadt immer wieder in den einstigen Freihafen, nur um die neuesten Details kennen zu lernen. Kaum von ihren Ausflügen zurückgekehrt, stellen dann diese „Sehleute“ ihre aktuellen Beobachtungen ins Netz. Denn nur tagsüber ist die Modelleisenbahn zweifelsfrei in der Hand der Besucher. In den Nachtstunden führen Handwerker und Techniker die Regie, wenn sie Gestaltung und Elektronik perfektionieren.

Wohl dem, der nicht die Bäume auf der Anlage „pflanzen“ musste. Immerhin stellen gut 228.000 akkurat aufgestellte Baum-Exemplare den Modell-Gärtner auf eine arge Geduldsprobe. Doch das Resultat kann sich sehen lassen. Zwischen Bergmassiv und Flachland grünt es überall auf der 1.500 Quadratmeter großen Mini-Landschaft.

Als kniffelig präsentierte sich die Realisation der Attraktion dieser H0-Welt: die fahrenden Autos. Wie von Geisterhand gesteuert fahren Busse und Lastwagen durch die Stadt: halten vor roten Ampeln, blinken beim Einbiegen, schalten bei Nacht das Licht ein. Rote Dioden leuchten auf, wenn die imaginären Fahrer auf das Bremspedal treten. Und, wenn sie doch mal zu schnell fahren, blitzt es im Starenkasten. Dass sich diese Verkehrsteilnehmer mehr oder weniger an die Straßenverkehrsordnung halten, darüber wachen mehrere Computer. Mittlerweile sorgen 46 PCs für einen unfallfreien Fahrbetrieb und unterstützen gleichzeitig die Techniker damit sie den Überblick behalten können. Selbst der Tag-Nacht-Rhythmus dieses Mikrokosmos liegt in den Händen eines Rechenknechts. Der Blickfang schlechthin sind aber die Feuerwehrwagen, wenn sie mit Blaulicht und Martinshorn zu ihren Einsätzen zu den „brennenden Gebäuden“ fahren. Dann drängeln sich plötzlich alle Zaungäste rund um die Kunststoff-Gebäude im Zentrum der Anlage. Rauch, flackerndes Licht imitieren dann den Ernstfall.

Längst ist diese Bahn auch interaktiv: An zahlreichen Punkten können die Eisenbahn-Freunde direkt ins Geschehen eingreifen, eine Kirmes zum Leben erwecken, die Seilbahn zum Gipfel oder die Produktion der Schokoladenmanufaktur starten.

das Miniatur-Wunderland bei Nacht

Besonders spektakulär sind die Nachtansichten, wenn im Halb-Stunden-Takt die Sonne am Horizont versinkt. 335.000 Lichter illuminieren dann die nächtliche Szenerie.

Um die neueste Attraktion beneiden nicht nur der Brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzek und der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, ihren Hamburger Amtskollegen. Während sich das Regierungsduo an Havel und Spree noch ein paar Tage gedulden muss, bis sie ihr Flughafen-Großprojekt offiziell eröffnen werden, durfte der erste Bürgermeister der Hansestadt, Olaf Scholz, längst seines Amtes walten und den Flugbetrieb auf „Knuffingen“ starten.

Innerhalb von sechs Jahren verwandelten hier die Handwerker eine Fläche von 150 Quadratmetern in einen modernen Flughafen im Maßstab 1:87. 100 Kilometer Kabel wurden verbuddelt, 1.000 Meter Gleise verlegt und gut 40.000 Leuchtdioden installiert. Wer sich die Mühe machen will, um alle Figuren am Flughafen nachzuzählen: Es sollen etwa 15.000 Plastikmännchen sein. Anfang Mai 2012 war es dann soweit und der „Airport Knuffingen“ ging in Betrieb. Seitdem landen und starten etwa 30 Flugzeuge von diesem Drehkreuz und die Kapazität ist noch nicht ausgereizt. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Modellwelt: Angesichts der fehlenden Lärmbelästigungen der Nachbarschaft kann der Flugbetrieb rund um die Uhr laufen.

Satt sehen werden sich weder die Eisenbahn noch die Flugzeug affinen Besucher. Bis zum Jahr 2020 reichen die Ideen für den weiteren Ausbau der Anlage. Dann soll die Ausstellungsfläche etwa 2.500 Quadratmeter betragen. Als nächstes haben sich die Modellbahner Italien vorgenommen. Frankreich, Großbritannien und Afrika sollen folgen.

Informationen 

Wer die Mini-Welt im Maßstab 1:87 mit eigenen Augen sehen möchte: Die Modelleisenbahn in der Hamburger Speicherstadt ist an Werktagen täglich von 09.30 bis 18.00 Uhr geöffnet (dienstags bis 21 Uhr, freitags bis 19 Uhr), samstags bereits von 08.00 Uhr bis 21.00 Uhr, sonntags und an Feiertagen jeweils von 08.30 Uhr bis 20.00 Uhr.

Tipp: Wer den Wartezeiten entgehen will, kann telefonisch oder online über die Homepage seine Eintrittskarte reservieren lassen.

Adresse:
Miniatur Wunderland Hamburg im Kultur- und Gewerbespeicher, Kehrwieder 2 – 4, Block D, 20457 Hamburg, Tel. 040 / 3 00 680 0, Fax. 040 / 3 00 68o 99, E-Mail: kontakt@miniatur-wunderland.de, Internet: www.miniatur-wunderland.de

Allgemeine Informationen zu Hamburg:

Hamburg Tourismus GmbH, Steinstraße 7, 20095 Hamburg, Tel. 040 / 3 00 51-300, Internet: www.hamburg-tourismus.de

In St. Pauli befindet sich an den Landungsbrücken (zwischen den Brücken 4 und 5) eine Zweigstelle der Tourist-Information. Sie ist täglich von 08.00 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnet, von November bis März jeweils von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr.

© Text und Fotos: Helge Holz

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