Bei den Malern im Teufelsmoor

1. Mai 2014 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Mit Torfkahn und Moorexpress durchs Teufelsmoor und ins Künstlerdorf Worpswede – 2014 Sonderausstellung »Mythos und Moderne – 125 Jahre Künstlerkolonie Worpswede«

Torfkahn „Moorhexe“ auf der Hamme

Fast geräuschlos gleitet die schwarze Moorhexe an Moorteufel und Moorgeist vorbei. Eine halbe Drehung, dann nimmt sie Kurs auf den Hafenkanal Osterholz-Scharmbeck, um nach wenigen Kilometern in die Hamme abzuzweigen. Ihr Ziel: das Künstlerdorf Worpswede. „Anfang des 20. Jahrhunderts waren diese schmalen, schwarzen Holzschiffe mit ihren braunen Segeln das dominierende Verkehrsmittel im Teufelsmoor“, erklärt Gästeführer Eberhard Ginz. Seit einigen Jahren gehören sie von Frühjahr bis Herbst wieder zum Landschaftsbild. Nur Torf für die nahe Großstadt Bremen befördern sie keinen mehr. Heute sind die Besucher des Teufelsmoores ihre Fracht.

Nachdem die Moorhexe die erste Brücke über die Hamme unterquert hat, kommt Bewegung unter den Fahrgästen auf. „Ein paar von euch müssen mir beim Mastsetzen helfen“, ruft Schiffer Henning in die Runde. Flinke Hände haken das braune Segel ein und rollen es auseinander. Henning schnappt sich das Tau, das an einem Ende des Segels befestigt ist. Die gesamte Fahrt über hält er es in der Hand, um so die Geschwindigkeit zu steuern.

Beim Setzen des braunen Segels werden flinke Finger benötigt

Vor 250 Jahren war das Teufelsmoor zwischen Bremen und Bremerhaven noch eine ebene, sumpfige Landschaft. „Moorvater Jürgen Christian Findorff war als „königlicher Moorkommissar“ eingesetzt“, berichtet Eberhard Ginz während der zweistündigen Kahnfahrt: „Ab 1751 ließ er ein dichtes System von Entwässerungsgräben durch die Landschaft ziehen.“ Entlang der Gräben entstanden die ersten Dörfer. Auf den Moorflächen stachen die Bauern Torf. Er diente vor der Entdeckung der Steinkohle als Brennmaterial. „Auf den Flüssen Hamme, Wümme und Lesum fuhren die Torfbauern mit ihren knapp zehn Meter langen Eichenholzkähnen mühselig den Torf nach Bremen“, so der Gästeführer: „Dort wurde er auf Pferdewagen umgeladen und als Heizmaterial verkauft.“ Die heute eingesetzten Touristenkähne sind nicht älter als 15 Jahre. Für den Fall, dass die Brise zu schwach ist oder bei zu starkem Gegenwind, verfügen sie auch über einen Motorantrieb. „In der Torfschiffswerft in Worpswede-Schlußdorf wurden 600 Torfschiffe gebaut“, informiert Ginz: „Das letzte noch 1957. Seit 1977 ist die Werft ein Museum, in dem die schwere Arbeit des Torfstechens demonstriert wird.“

Torfschiffswerft-Museum in Worpswede-Schlußdorf

Gelbe Lilien säumen das Ufer. Drei Angler versuchen ihr Glück. Zwei Fischreiher sind erfolgreicher. Erlen und Eschen spiegeln sich im Wasser. Ein Schwarm Kiebitze flattert hoch. Auf den trocken gelegten Moorflächen weiden Kühe. Ausflugslokale wie „Melchers Hütte“, “Hamme Hütte“ oder „Schamaika“ entlang des Flusses waren zu Torfschifferzeiten Raststätten oder Zollstellen. Heute gibt es hier regionale Spezialitäten wie Knipp, Moorbraten und Buchweizenpfannkuchen. Dazu schmeckt ein kühles Torfbier.

Nach einer Stunde passiert das Boot das „Nadelkissen“. Als vor über 120 Jahren die ersten Maler nach Worpswede kamen, fanden sie eine wesentlich ebenere Landschaft vor als heute. Der Baumbestand war erst dabei, sich zu entwickeln. „An dieser Stelle, wo die Beek in die Hamme fließt, ragten erste Bäume heraus“, schildert Ginz: „Von weitem wirkte sie wie ein Nadelkissen. Einheimische bezeichnen diesen Ort heute noch so.“

Schiffsverkehr auf der Hamme

Kurz hinter der Ziehbrücke im Hafen Worpswede-Neuhelgoland entlässt die Moorhexe ihre Gäste. An der 1838 erbauten Erdholländer-Windmühle entlang geht es in den alten Ortskern. Die Mühle war ein beliebtes Motiv der Gründermaler.

1884 besuchte Fritz Mackensen, Student der Düsseldorfer und Münchner Kunstakademie, zum ersten Mal das bis dahin unbekannte Dorf im Teufelsmoor. Stille, Einsamkeit, Weite, Wind und Wolken: Diese Landschaft begeisterte ihn. 1889 kam er mit seinen Studienfreunden Otto Modersohn und Hans am Ende zurück. Sie gründeten die Worpsweder Künstler-Vereinigung, die sich wenige Jahre später noch um Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler erweiterte. Nach einer erfolgreichen Ausstellung im Münchner Glaspalast im Jahre 1895 kamen immer mehr Künstler nach Worpswede. So auch Otto Modersohns spätere zweite Frau, Paula Becker.

Museum „Haus im Schluh“

Im „Museum am Modersohn-Haus“, in dem Paula und Otto Modersohn lebten, hängen sowohl Werke der „Alten Worpsweder Meister“ als auch Arbeiten späterer Künstler. Das gleiche gilt für die „Große Kunstschau“ im historischen Hoetger-Bau und die „Worpsweder Kunsthalle“. Das „Haus im Schluh“ und der „Barkenhoff“ widmen sich hauptsächlich dem Schaffen Heinrich Vogelers. Ein spezielles „Otto-Modersohn-Museum“ gibt es noch im 20 Kilometer entfernten Fischerhude. Dorthin war der Maler 1908 nach dem frühen Tod seiner Frau Paula gezogen.

Worpswede ist auch 120 Jahre nach Eintreffen der ersten Maler noch ein Ort der Kunst. Zum einen ist es ein musealer Ort der „Alten Meister“. Zum anderen leben über 130 Künstler und Kunsthandwerker im Umkreis Worpswedes: Maler, Bildhauer, Fotografen, Gold- und Silberschmiede, Keramiker, Literaten. Malkurse und andere Kreativseminare für Kinder und Erwachsene sind im Angebot.

Jugendstil-Bahnhof Worpswede – entworfen von Heinrich Vogeler

Vom „Haus im Schluh“ geht es weiter zum Worpsweder Bahnhof. Heinrich Vogeler war nicht nur Maler, sondern auch Graphiker, Landschaftsgestalter, Architekt und Möbeldesigner. „1920 entwarf er eine Reihe von Jugendstil-Bahnhöfen entlang der Bahnlinie Bremervörde-Bremen“, erklärt Eberhard Ginz: „Der Worpsweder Bahnhof blieb als einziger erhalten.“ Nicht nur das Gebäude, sondern die gesamte Inneneinrichtung stammt von dem Künstler. 1978 wurde der Zugverkehr auf der Strecke eingestellt, der Bahnhof restauriert und als Jugendstil-Restaurant eingerichtet. Um seine Möbel in Serienproduktion herzustellen, hatte Heinrich Vogeler 1908 im nahen Tarmstedt die „Worpsweder Werkstätten“ gegründet. Seit 1980 betreibt sein Enkel Hans Georg Müller am „Haus im Schluh“ eine Tischlerei. Nach alten Vorlagen fertigt er die Möbel seines Großvaters.

Seit einigen Jahren zuckelt auch der Moorexpress mit historischen Triebwagen wieder durch das Teufelsmoor. Der Worpsweder Bahnhof ist wieder Haltepunkt. Durchs Zugfenster sind in der Ferne die braunen Segel der Torfkähne zu erkennen, die mit ihrer Gäste-Fracht über die Hamme schippern.

Informationen

Lage

Das Teufelsmoor erstreckt sich zwischen Bremen, Osterholz-Scharmbeck, Bremervörde und Fischerhude.

Anreise

Mit dem PKW: A1 Richtung Bremen, Abfahrten Sittensen, Bockel oder Stuckenborstel oder über die Bundesstraßen B73 und B74.

Mit der Bahn bis Bremen Hauptbahnhof, von dort weiter per Bus oder mit dem Moorexpress bzw. direkt von Stade mit dem Moorexpress nach Worpswede. Der Moorexpress verkehrt zwischen Mai und Oktober jeden Sa, So und an Feiertagen zwischen Bremen und Stade. Im Winter Sonderfahrten: www.moorexpress.net

Allgemeine Informationen

Tourist-Information für Worpswede und das Teufelsmoor
Bergstraße 13
27726 Worpswede
Tel.: 04792-935820
Fax: 04792-935823
E-Mail: info@worpswede.de
www.kulturland-teufelsmoor.de
www.worpswede.de

2014 jährt sich die Gründung der Künstlerkolonie zum 125. Mal.

Die große gemeinsame Sommerausstellung der vier zentralen Worpsweder Museen läuft vom 11. Mai bis zum 14. September 2014 unter dem Titel »Mythos und Moderne – 125 Jahre Künstlerkolonie Worpswede«. Sie nimmt die Besucher mit auf eine Zeitreise und beleuchtet die entscheidenden Wendepunkte des Ortes vor dem Hintergrund der europäischen Zeit- und Kulturgeschichte. Weitere Ausstellungen in Worpswede widmen sich den heute hier lebenden Künstlern und Kunsthandwerkern und belegen facettenreich die zeitgenössische Kulturszene.

Museen zu Schifffahrt und Torfabbau

Torfschiffswerft-Museum
, Schlußdorfer Straße 22, Worpswede-Schlußdorf, Tel. 04792-2750, www.torfschiffswerft-museum.de

Museumsanlage Osterholz-Scharmbeck, Bördestraße 42, Osterholz-Scharmbeck,
Tel. 04791-13105, www.museumsanlage-osterholz-scharmbeck.de


Kunst-Museen in Worpswede/Fischerhude

Worpswede – Die Museen
Worpsweder Museumsverbund e. V.
Geschäftsstelle
Bergstraße 1
27726 Worpswede
Tel.: 04792 955059-0
Fax: 04792.955059-9
E-Mail: info@worpswede-museen.de
www.worpswede-museen.de
Zusammenarbeit folgender vier Museen:
Barkenhoff (Tel. 04792 310146, www.barkenhoff-stiftung.de), Haus im Schluh (Heinrich-Vogeler-Sammlung, Tel. 04792 522), Worpsweder Kunsthalle, Große Kunstschau im historischen Hoetger-Bau

Museum am Modersohn-Haus „Sammlung Bernhard Kaufmann, Worpswede“, Tel. 04792 4777, www.museum-modersohn.de

Otto-Modersohn-Museum, Fischerhude, Tel. 04293 328, www.modersohn-museum.de

© Dagmar Krappe (Text) und Axel Baumann (Fotos)

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