Binzer „Sommerfrische“

1. April 2014 | Von | Kategorie: Die Reportage, Mecklenburg-Vorpommern

Im Stil der Belle Epoque

Belle Epoque in Binz – die vornehme Gesellschaft vor der 370 Meter langen Seebrücke

Die Brise, die am ersten Mai von der Ostsee durch die unbelaubten Bäume über die Binzer Strandpromenade weht, ist noch frisch. Doch die wenigen Sonnenstrahlen lassen bereits unzählige Sterne auf der spiegelglatten, blauen Wasseroberfläche tanzen. Die Sonne könnte der vornehmen Blässe der vorbeiflanierenden Damen sogar einen leicht rötlichen Touch verpassen, würden diese ihren Teint nicht schützend unter der neuesten Hutkreation oder einem Sonnenschirm verbergen. So bleiben ihre gepuderten Gesichter so weiß wie die Wände der rund 50 steinernen Diven, die wie eine Perlenkette die Strandmeile säumen: Die Villen im Stil der Bäderarchitektur, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurden.

„Fürst Wilhelm Malte I. erklärte bereits 1816 Putbus zum Seebad“, berichtet Gästeführer Klaus Boy im eleganten grauen Gehrock. „Nur war der Ort viel zu weit vom Strand entfernt. „Baders“ und „Strandlöpers“ wurden per Kutsche nach Binz geschaukelt, das damals noch ein kleines Dorf war. Aber so richtig entwickelte sich das spätere Seebad mit heute 5.500 Einwohnern erst ab 1883.“ Logierhäuser entstanden in der Putbuser Straße. Gastwirt Wilhelm Klünder ließ das „Strandhotel“ mit 140 Betten als erstes Hotel am Meer errichten. Nach der Wende musste es abgerissen werden wie rund 15 Prozent aller Häuser, da sie marode waren. Alle anderen ließen sich aufwendig aufpäppeln und strahlen seitdem weißer denn je. „Alle drei Jahre muss nachbessert werden, denn Wind und Salzluft nagen an den schönen Fassaden.“ Zwar ist die Bäderarchitektur zur Zeit des Jugendstils zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg entstanden, doch es ist ein Mix aus verschiedenen Epochen wie Gotik, Renaissance und Klassizismus. „Die weiße Farbe ist das herausragendste Merkmal, wobei heute auch Beige und helles Grün erlaubt sind“, sagt Boy: „Balkone, Loggien und Veranden, spendeten Schatten gegen die unfeine Bräune. Wer es sich leisten konnte, gab seinem Haus ein bisschen mediterranes Flair mit Türmchen, Erkern, Säulen und Pfeilern.“ Je mehr eine Pension von außen her machte, desto zahlungskräftigere Gäste erwartete man. Zu DDR-Zeiten wurden aufgrund der „Aktion Rose“ die meisten Villen enteignet, zu Mietshäusern, staatlichen Ferien- und Kinderheimen umfunktioniert.

Bäderarchitektur an der Strandpromenade – Villa Haiderose, erbaut 1896

Da es sich vor so viel traditionsreicher Kulisse auch heute noch wunderbar flanieren lässt, wurden 2009 im Rahmen der Feierlichkeiten zu „125 Jahre Seebad Binz“ die „historischen Tage“ ins Leben gerufen. Binzer Geschäftsleute, Gastronomen, Hoteliers und Privatleute zeigen sich im Stil der Belle Epoque. Machen eine Zeitreise zurück um 1900 als Urlaub noch als „Sommerfrische“ bezeichnet wurde.

Von Anfang an dabei ist Vera Runge. In schwarzroter Robe und mit breitkrempigem Hut steht die gebürtige Belgierin hinter dem Ladentisch ihrer Galerie „wellenKünst“ in der Margaretenstraße. Einer Kunstmeile, die von der Strandpromenade abzweigt und hinter weißen Mauern charmante Schmuckwerkstätten, Glas- und Keramik-Boutiquen zu bieten hat. Monika und Sigurd Bartuschat hingegen verzichten an diesem Morgen darauf, sich um das Wohlergehen ihrer Gäste in der 1905 errichteten Pension Edelweiß zu kümmern. Sie unternehmen stattdessen einen Ausflug mit dem Schmalspurdampfzug zum Jagdschloss Granitz.

Binzer Kleinbahnhof – die vornehme Gesellschaft wartet auf den Rasenden Roland

Am Kleinbahnhof wartet bereits ein illustres Völkchen auf die Einfahrt des „Rasenden Rolands“, der seit Ende des 19. Jahrhunderts zwischen Putbus, Binz und Göhren über 750 Millimeter breite Gleise schnauft. Die Fahrt mit der alten grünen Lok und in historischen Waggons mit Holzbänken und Bollerofen dauert nur wenige Minuten.

Fahrt im historischen Waggon des Rasenden Roland zum Jagdschloss Granitz

Zu Fuß geht es weiter durch mit Anemonen bedeckten Wald auf den 106 Meter hohen Tempelberg, auf dem das Schloss thront. „Der Berliner Architekt Johann Gottfried Steinmeyer ließ das verputze Backsteingebäude für Fürst Wilhelm Malte I. zwischen 1837 und 1846 erbauen“, erzählt Klaus Boy: „Den 38 Meter hohen Mittelturm entwarf Karl Friedrich Schinkel.“ In historischen Gewändern die gusseiserne Wendeltreppe mit ihren 154 Stufen stolperfrei zu erklimmen, um den Rundblick von der Aussichtsplattform zu genießen, erfordert bei einigen Damen erhöhte Konzentration auf den Rocksaum. Man ist ein wenig aus der Übung. Nach einem Rundgang durch Rittersaal, Bibliothek und Speisezimmer vertreiben sich die Gutbetuchten die Zeit bei einem Picknick und Boole-Spielen im Hof des Schlosses.

Boole-Spiele am Jagdschloss Granitz

Zurück im Ortszentrum, folgt ein Bummel über den Kunsthandwerkermarkt im Kurpark. Die Jüngsten amüsieren sich unterdessen im Dampfkarussell oder lassen sich von Floh Bruno im Flohzirkus, Taschenzaubereien und Murmelspielen beeindrucken. Schließlich schlendert die Hautevolee zum mondänen Kurhaus in der Nähe der 370 Meter langen Seebrücke. 1902 entstand die erste zum Lustwandeln für die „Luftsnappers“. Die jetzige stammt aus dem Jahre 1994.

Anbaden in der acht Grad kalten Ostsee

Hinter dem Musikpavillon warten Wagemutige in quergestreiften Badekostümen darauf, sich in die acht Grad kalte Ostsee zu stürzen und die Badesaison zu eröffnen. Die vornehme Gesellschaft beobachtet das Treiben eine Weile von der Promenade aus. Applaudiert dezent. Dann wird es Zeit, sich zurückzuziehen. In die Bar der Villa Salve, einem kleinen Hotel und Restaurant an der Strandpromenade aus dem Jahre 1899. Hier lässt man noch einmal die Erlebnisse des Tages Revue passieren. Nippt an einem coolen Drink aus vergangener Zeit: einem Gibson, einem Mint Julep oder einem Tom Collins. Binz hat Stil. Heute wie damals.

Informationen

Kurverwaltung Gemeinde Ostseebad Binz
Heinrich-Heine-Str.7
18609 Ostseebad Binz
Tel.: 038393 148 148
Fax: 038393 148 299
E-Mail: info@ostseebad-binz.de
www.ostseebad-binz.de


Ausflugstipps
Fahrt mit dem Rasenden Roland
www.ruegensche-baederbahn.de
Jagdschloss Granitz
www.jagdschloss-granitz.de

Übernachtungsmöglichkeiten/Restaurants

Villa Haiderose
Strandpromenade 14
18609 Ostseebad Binz
Tel. 038393 5139
www.villahaiderose.de
1896 als Ferienvilla erbaut. 1999 als renoviertes 5-Sterne-Appartementhaus mit neun Suiten wiedereröffnet.
Sehr individueller Service. Kleiner Wellnessbereich mit verschiedenen Arrangements.

Hotel Am Meer & Spa
Strandpromenade 34
18609 Ostseebad Binz
Tel. 038393 44-0
www.hotel-am-meer.de
4-Sterne-Superior-Boutique-Hotel. 1995 im Stil der Bäderarchitektur in Kombination mit modernen Elementen neu errichtet. Restaurant „meerbar“ und Terrasse mit Strand- und Ostseeblick. Bibliothek Blue Moon Lounge mit Panoramablick über Binz.

Hotel Villa Salve
Strandpromenade 41
18609 Ostseebad Binz
Tel. 038393 2223
www.ruegen-schewe.de
Über 100 Jahre alte Villa im Bäderarchitekturstil mit Meerblick von Restaurant und Terrasse. Traditionsreiche Cocktailbar.

Hotel Loev & Spa
Hauptstr. 20 – 22
18609 Ostseebad Binz
Tel. 038393 39430
www.loev.de
In der Fußgängerzone, Nähe Seebrücke gelegen. Brasserie und Bar.

© Dagmar Krappe (Text und Fotos)

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