Blumenpflücken während der Fahrt verboten!

22. Februar 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Eisenbahnromantik auf dem „Kaffkieker“ und der „Ersten Museums-Eisenbahn Deutschlands“

Kaffkieker

Für den vom ICE und Intercity verwöhnten Bahnreisenden mag es eine radikale Umstellung sein, der Wechsel vom modernen Hochgeschwindigkeitszug in den „Kaffkieker“. Zwischen Mai und Oktober verbindet der blau-weiße Triebwagen auf dem Schienenweg die Städte Syke und Eystrup miteinander. Doch der Blick aus dem Fenster in die pittoresk-anmutende Postkarten-Idylle lässt diesen Verlust an zeitgemäßem Komfort leicht verschmerzen. Wahrlich im Blümchenpflücktempo ruckelt der „Kaffkieker“ durch die norddeutschen Geest-Landschaft, damit die Reisenden auch wirklich jede Milchkanne kennenlernen und jeden visuellen Eindruck bis zum letzten Augenblick genießen zu können. Eben eine Fahrt in die Eisenbahnvergangenheit, so wie sie noch die Großeltern gekannt haben.

Und mitten drin auf der Tour ein besonderes Bonbon, das auf Naturliebhaber und Eisenbahnromantiker wartet: Just in Bruchhausen-Vilsen befindet sich die älteste Museumseisenbahn im Bundesgebiet. Auf einer Spurweite von 1000 Millimeter wird hier der Alltag einer Kleinbahn erzählt und gelebt.

1964 riefen Hobbyeisenbahner aus Hamburg den Deutscher Eisenbahn-Verein ins Leben. Ihr selbst gestecktes Ziel: auch spätere Generationen sollen Einblicke in den Betriebsablauf einer alten „Bimmelbahn“ haben. Der Verdrängungswettbewerb von Straße und Schiene verhalf diesen Idealisten aus der Hansestadt schließlich diesen Wunsch zu verwirklichen. Nachdem sie bei den verantwortlichen Stellen auf offene Ohren stießen, stand einer Wiederbelebung der früheren Kleinbahn „Hoya-Syke-Asendorf“ nichts mehr im Wege. Nach rund zwei Jahren Vorbereitungszeit hieß es dann am 2. Juli 1966 „Fahrt Frei“ für den ersten Schmalspurzug auf der gut acht Kilometer langen Strecke zwischen Bruchhausen-Vilsen und Asendorf.

Nicht nur für den Verein selbst war es ein historisches Datum. Zum ersten Mal setzte sich in Deutschland ein Zug einer Museumseisenbahn in Bewegung. Dieses Debüt wurde alsdann im Vereinsnamen verewigt: „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“. Was damals mit nur einem „alten“ Reisezugwagen aus dem Jahre 1904 anfing, wuchs stetig weiter. Nach nunmehr 45 Jahren Vereinsgeschichte blicken die Gründer und ihre Vereinskolleginnen und -kollegen heute auf einen stattlichen Fuhrpark aus Dampflokomotiven, Triebwagen, Diesellokomotiven sowie zahlreichen Personen- und Güterwagen. Fast alle sind in mühevoller Kleinarbeit von den eisenbahnbegeisterten Männern und Frauen in ihrer Freizeit restauriert und wieder fahrbereit aufgearbeitet worden. Zwischen Mai und Oktober präsentieren sie die Ergebnisse ihrer Arbeit der breiten Öffentlichkeit. An zahlreichen Wochenenden lassen sie die „gute alte (Eisenbahn)Zeit“ mit Pendelfahrten auf der Schmalspurbahn wiederaufleben.

Bevor die eigentliche Tour beginnen kann, muss die kleine dreiachsige Dampflokomotive, wie ihre große Schwestern, mit einem lauten Pfiff auch die letzten Besucher von den Gleisen scheuchen. Die Heizerin legt noch einmal Kohlen nach, der Lokomotivführer löst die Bremsen, reguliert die Dampfmenge und schon setzt sich das schwarz-grüne Ungetüm mit seinem Museumszug in Bewegung. Vom Ausgangspunkt der Reise in Bruchhausen-Vilsen geht es vorbei am Bahnbetriebswerk. Die Szenerie wird von einem Spalier von Videofilmern und Hobbyfotografen komplettiert, die das Ereignis auf ihrem Chip verewigen wollen. Schon drei Minuten später ist die erste Station Vilsen-Ort erreicht. Vor dem restaurierten Bahnhofsgebäude steht in historischer Uniform der Bahnhofsvorsteher auf dem Bahnsteig, um dem vorbeiziehenden Zug seinen Respekt zu zollen. In Heiligenberg wartet schon der Zug aus der Gegenrichtung auf seine Weiterfahrt. Die Kühe links und rechts des Bahndamms würdigen dem vorbeiziehenden Zug höchstens einen desinteressiert wirkenden Blick, von der erwarteten Flucht keine Spur. Für sie sind das Schnaufen und Pfeifen der Lokomotive scheinbar ein gewohnter Anblick. Nach vierzig Minuten Fahrzeit vorbei an alten Bauernhöfen, herrlich blühenden Obstbäumen, Wiesen und Wäldern ist der Endpunkt erreicht. Unter ständiger Beobachtung der Digitalkameras wird in Asendorf die Lok an das hintere Ende umgesetzt und wartet jetzt auf die Rückfahrt. Für Fahrradfahrer bietet die Museumsbahn einen zusätzlichen Service. Sie können ihre Drahtesel im Gepäckwagen abstellen und den Fahrradsattel gegen einen Sitzplatz eintauschen.

Am Bahnhof Bruchhausen-Vilsen selbst können im angrenzenden Betriebswerk der Museumsbahn die Technikinteressierten im wahrsten Sinne des Wortes Eisenbahnluft schnuppern. Der Geruch von Schmieröl, Kohle und Dampf begleitet die Besucher beim Gang durch die Halle. Noch nicht instand gesetzte Waggonskelette stehen verschämt neben den auf hochglanzpolierten Fahrzeugen. Ohne viel Erklärungen sieht der Betrachter wie viel Arbeit in der Aufarbeitung eines Wagens steckt. Vor dem Gebäude rangieren die Museumseisenbahner mit ihren Lokomotiven, ergänzen die Wasser- und Kohlenvorräte und rangieren normalspurige Güterwagen auf die Rollböcke der schmalspurigen Kleinbahn. Den Zaungästen zeigt sich so der vielfältige Alltag einer typischen Kleinbahn. Ihr selbst gestecktes Ziel haben sie also erreicht, die Eisenbahnfreunde aus Bruchhausen-Vilsen.

Informationen

Sowohl die „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“ als auch der „Kaffkieker“ sind zwischen dem 1. Mai und Anfang Oktober unterwegs.

Deutscher Eisenbahn-Verein e. V.
Postfach 1106
27300 Bruchhausen-Vilsen,
Tel.  04252 / 93 00 21(Bahnhofsbüro)
Fax  04252 / 93 00 12 (Bahnhofsbüro)
an den Fahrtagen Tel. 04252 / 93 00 34 Fahrkartenschalter
Internet: http://www.museumseisenbahn.de
E-Mail: info@museumseisenbahn.de

TourismusService Bruchhausen-Vilsen
Tel. 04252 / 93 00-50
Fax 04252 / 93 00-53
Internet: http://www.bruchhausen-vilsen.de
E-Mail: info@bruchhausen-vilsen.de

Mittelweser-Touristik GmbH
Tel. 05021 / 9 17 63-0
Fax 05021 / 9 17 63-40,
Internet: http://www.mittelweser-tourismus.de
E-Mail: info@mittelweser-tourismus.de

Verkehrsbetriebe Grafschaft Hoya GmbH
27318 Hoya
Tel. 04251 / 93 55-0
Fax 04251 / 93 55-39
Internet: http://www.VGH-Hoya.de
Internet: http://www.kaffkieker.de

© Text und Fotos: Helge Holz

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