Bossard – ein Ort für die Kunst

1. April 2013 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Ein Gesamtkunstwerk in der Lüneburger Heide

Elke Sturmhoebel (Text und Fotos)

Kunststätte Bossard in Jesteburg – Rückseite des Kunsttempels

Den Bauern im niedersächsischen Jesteburg war die Kunststätte suspekt. Ein Judentempel sei das, hieß es während der Nazi-Zeit. Der malt Nazi-Bilder, lautete das Urteil nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute gilt die Kunststätte Bossard in Deutschland als einmalig in ihrer Art. Im Juni 2012 wurde ihr der renommierte Kulturerbepreis „Europa Nostra Awards“ verliehen.

Sie hätten sich für Politik nie interessiert, hatte seine Frau, die Bildhauerin Jutta Bossard, erzählt, die 1996 verstarb und die Kunststätte einer Stiftung übergab. Johann Michael Bossard, geboren 1874 in der Schweiz, hatte nur seine Kunst im Sinn. Als Professor für Bildhauerei an der Hamburger Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld, der heutigen Hochschule für Bildende Künste, hatte er von 1907 an sein gutes Auskommen. Doch Bossard war ein universeller Künstler und träumte von einer Welt, in der die Menschen im Einklang mit Kunst und Natur leben. Bei Jesteburg in der Lüneburger Nordheide begann er 1911 seine Vision eines Gesamtkunstwerks aus Architektur, Plastiken, Malerei, Kunsthandwerk und Gartenkunst umzusetzen. Mit Unterstützung seiner jungen Frau machte er bis zu seinem Tod 1950 sein Ding. Wilma Krull, die ledige Schwester von Frau Bossard, hielt dem Künstlerehepaar den Rücken frei. Sie führte den Haushalt, kümmerte sich um Garten, Federvieh, Milchschafe. Auch ein Schwein wurde gemästet.

Kunststätte Bossard – Skulpturenallee im Garten

Wer als Besucher das erste Mal nach Jesteburg kommt und vor dem Kunsttempel steht mit den unzähligen Baukeramiken an dreieckigen Mauerpfeilern, reibt sich verwundert die Augen. Solch ein expressionistisches Bauwerk aus dunklem Klinker, das an das Hamburger Chilehaus erinnert, hätte man mitten im Wald nie erwartet. Als Bossard das 30 000 Quadratmeter große Grundstück vor hundert Jahren billig erwarb, lag es allerdings nicht im Wald versteckt, sondern etwas erhaben in der Heide mit weitem Blick in die Landschaft.

Baukeramik am Kunsttempel

Begonnen wurde 1912 mit dem Wohn- und Atelierhaus nach eigenen Entwürfen. Danach brach sich eine ungeheure Gestaltungslust und Arbeitswut ihren Bann. Alles wurde bemalt: Möbel, Geschirr, Kacheln, Fensterscheiben, Wände, sogar der Flügel im Musikzimmer. Kein Fleckchen, das nicht künstlerisch gestaltet wurde. Unzählige Skulpturen, Plastiken und Gebrauchsgegenstände wurden modelliert. Weit mehr als fünftausend Kunstwerke haben die Bossards hinterlassen. Dabei hatte Johann Bossard zunächst nur an Wochenenden und in den Ferien in der Nordheide gearbeitet. Erst 1944, nach der Pensionierung, zog er ganz hierher.

Das Musikzimmer im ersten Obergeschoss malte er zuerst aus. Zugleich schafft der Raum Klarheit über die Menschen, die Bossard verehrte. An den Wänden ringsum hat er seine geistige Ahnengalerie auf variablen Holzplatten verewigt: Darunter Heraklit, Goethe, Wagner, Dante, Leonardo da Vinci, Schopenhauer, Nietzsche, auch Papst Julius II. als Förderer Michelangelos. Freia und Odin – Synonym für das Ehepaar Bossard – kamen später hinzu, nachdem der Professor 1926 seine 23-jährige Schülerin Jutta Krull geheiratet hatte.

Musikzimmer im Wohnhaus: Freia und Odin – Synonym für das Ehepaar Bossard

Mit dem Gott Odin, der für den Verlust eines Auges Wissen und Weisheit erlangte, fühlte sich Bossard auf schicksalhafte Weise verbunden. Auch er hatte als Kind ein Auge nach einer schweren Scharlach-Erkrankung verloren. Die altnordische Mythologie faszinierte Bossard. Das spiegelt sich auch in dem prächtigen Edda-Saal wider, seinem ersten Atelier, dem Weltensucher Odin gewidmet.

der Kunsttempel – geschaffen 1926

Der Kunsttempel entstand 1926. Seine Dachkonstruktion – auf einer Fläche von zwölf mal zwölf Metern und mehr als zehn Meter hoch – wird von vier Säulen aus Holzständern getragen. Die ummantelten Zementreliefs stellen Auf- und Niedergang der Menschen und ihrer Kulturen dar. Drei Bilderzyklen aus dem biblischen und weltlichen Themenkreis hat Bossard für den Kunsttempel geschaffen. Der 1928 entstandene Zweite Tempelzyklus mit Szenen aus der menschlichen Lebenswelt war schon bald nach Fertigstellung durch Feuchtigkeit stark beschädigt. Seit gut drei Jahren wird er wieder gezeigt. Für die aufwändige Restaurierung der 26 Wandtafeln erhielt die Kunststätte Bossard in Lissabon als einziges deutsches Projekt den europäischen Kulturerbepreis.

Johann Bossard stellte sich seinerzeit vor, dass Heidewanderer in stiller Andacht in seinen Kunsttempel einkehren würden. Zu seinen Lebzeiten kam jedoch niemand. „Die Meinen werden mich dereinst schon finden“, hatte er seiner Frau versichert. Er behielt recht. Seit 1997 ist die Kunststätte Bossard ein Museum. Zahlreiche Führungen, Musikveranstaltungen und Bildhauerkurse werden den Sommer über dort angeboten.

Informationen

Kunststätte Bossard in 21266 Jesteburg, www.bossard.de.

Öffnungszeiten:
Vom 01.03.bis 31.10, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, im Winter nur samstags und sonntags von 10 bis16 Uhr. In den Sommermonaten hat am Wochenende auch das Café geöffnet.

Eintritt:
Erw. 7 Euro. Besucher unter 18 Jahren frei. Schüler und Studenten ab 18 Jahren 3,50 Euro. Anmeldung für Führungen am Sonntag um 11 Uhr und 14.3o Uhr.

Anreise:
Mit dem Auto über die A7, Abfahrt Ramelsloh oder über die A1, Abfahrt Dibbersen. Von dort ist die Kunststätte ausgeschildert.

Mit der Bahn bis Buchholz, weiter mit dem Bus bis Lüllau/Wiedenhof und dann 3 km zu Fuß. Zwischen Mitte Juli und Mitte Oktober fährt zwischen Buchholz und Jesteburg zusätzlich der Heide-Shuttle.

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