Da kommt Fernweh auf

30. März 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Hamburg, Schleswig-Holstein

Zu Besuch bei Schleswig-Holsteins Schiffsbegrüßungsanlagen – in Wedel an der Elbe und in Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal

Schulauer Fährhaus, Willkomm Höft

„Muss I denn, muss I denn zum Städtele hinaus“, schallt es vom Steg über die Elbe. Kurz darauf erklingt die deutsche Nationalhymne. Das Containerschiff „Komet“ verlässt den Hamburger Hafen und wird am Schulauer Fährhaus mit Musik verabschiedet. „Da kommt Fernweh auf“, seufzt ein älterer Herr einer Lüneburger Reisegruppe und lauscht aufmerksam den Lautsprecherdurchsagen zu Herkunft, Länge, Breite, Geschwindigkeit, Bruttoregistertonnen und Reiseziel des Ozeanriesen. Wenige Augenblicke später senkt sich wieder die Hamburger Flagge am 40 Meter hohen Mast zum Gruß. Es erklingt die panamaische Nationalhymne. Containerschiff „Ever Unific“ wird mit „Welcome to Hamburg – wir freuen uns, Sie in unserem Hafen begrüßen zu können“ willkommen geheißen.

Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft, Elbe

„Willkomm Höft“ lautet der Name der Schiffsbegrüßungsanlage am Schulauer Fährhaus in Wedel vor den Toren der Hansestadt. Seit 1952 werden hier täglich Schiffe, die in den Hamburger Hafen einlaufen oder über die Elbe in die Weltmeere hinausfahren, begrüßt und verabschiedet. Sanft schwappen Wellen ans Ufer. Ein Fahrgastschiff und der ehemalige Lotsenschoner „Elbe 5“ gleiten vorbei. „Schiffe, die kleiner als 500 Bruttoregistertonnen sind oder den nationalen Küstenbereich nicht verlassen, werden nur mit dem Dippen (Senken) der Flagge der Hansestadt empfangen“, erklärt Gerd Kruse. Der ehemalige Ortsamtsleiter wechselt sich mit fünf „Diskjockeys“ in der Begrüßungsanlage ab. Rentner wie er – mit irgendwann erwachter Liebe zur See und zu Schiffen. In der kleinen Kabine fällt sofort die enorme Menge Audiokassetten ins Auge. „Über 150 Nationalhymnen haben wir gespeichert“, erläutert Kruse: „An geschäftigen Tagen grüßen wir bis zu 50 Schiffe“. Unter dem Panoramafenster mit Elbblick sind mehr als sechzehntausend Karteikarten mit Details zu Frachtern, Container- oder Kreuzfahrtschiffen verstaut. „Informationen über Schiffsbewegungen auf der Elbe bekommen wir per Fax oder E-Mail vom Hamburger Schiffsmeldedienst.“ Auch zwei Monitore geben Auskunft über herannahende große Pötte. Schiffe en miniature kann man im Keller des Hauses im Buddelschiff- und Muschel-Museum bewundern.

Schiffsbegrüßungsanlage Rendsburg, NOK

Etwa 100 Kilometer weiter Richtung Nordwesten tritt Ernst Maasch auf die Terrasse vor seinem Begrüßungspavillon und winkt der Besatzung der „Timca“ zu, während die niederländische Nationalhymne ertönt. Über 200 Meter misst der schneeweiße Containerriese. „Zirka 120 Schiffe passieren pro Tag den Nord-Ostsee-Kanal. Fast dreimal mehr als beim Panama- oder Suez-Kanal“, sagt Maasch mit leuchtenden Augen: „Er ist der meist befahrene künstliche Seeschifffahrtsweg der Welt.“ 99 Kilometer zieht sich die 1895 von Kaiser Wilhelm II. eröffnete Wasserstraße durch Schleswig-Holstein. Sie verläuft von Brunsbüttel an der Elbe bis Kiel an der Ostsee und erspart den Schiffen die Passage um die Nordspitze Dänemarks und somit Zeit und Geld. Eine Kanaldurchfahrt dauert ungefähr acht Stunden. Die internationale Bezeichnung des „NOK“ lautet übrigens „Kiel Canal“.

Die Rendsburger Begrüßungsanlage gibt es seit 1996. An einer Stelle, an der sich drei Beförderungsmittel kreuzen. Während Frachter, Tanker und Kreuzfahrtschiffe mit maximal 15 Stundenkilometern Geschwindigkeit am „Ships Welcome Point“ vorbeiziehen, rattert alle zehn Minuten ein Regional- oder Güterzug über die historische Eisenbahnbrücke, die seit 1913 den Kanal überspannt. Zwei Monate nach der Einweihung wurde eine an zwölf Seilen hängende Schwebefähre unter der Brücke befestigt, deren Fahrplan seit damals unverändert geblieben ist. Zwischen fünf und 23 Uhr schwebt sie im viertelstündigen Rhythmus über den Kanal, um maximal vier Autos und 60 Personen kostenlos auf die andere Seite zu bringen. Eine ähnliche Attraktion gibt es nur noch ein weiteres Mal in Deutschland. Im niedersächsischen Osten gleitet eine noch fünf Jahre ältere Fähre über die Oste, einem Nebenfluss der Elbe.

„Wann kommt denn die „AIDAdiva“ vorbei“, möchte eine vierköpfige Frauengruppe aus Schwerin wissen. „Gar nicht“, muss Ernst Maasch sie enttäuschen: „Sie ist für die Passage durch den NOK zu groß. Das größte Kreuzfahrtschiff, das derzeit den Kanal passiert, ist die „Balmoral“. Sie hat eine Länge von knapp 220 Metern. Ihre Ankunft ist für den frühen Abend geplant.

Schwebefähre Rendsburg

Wer schwindelfrei ist, kann die „Wilson Malm“ aus Malta, den Stückgutfrachter „Falcon“ aus Schweden oder das Containerschiff „Aura“ aus Großbritannien auch aus der Vogelperspektive bestaunen. Von Mai bis Oktober können Interessierte mit Gästeführer Dirk Petersen die 178-stufige Wendeltreppe der Eisenbahnhochbrücke erklimmen. „Wie alle weiteren neun Brücken entlang des Kanals hat sie eine Durchfahrthöhe von 42 Metern“, informiert der Gästeführer auf der Aussichtsplattform.

Das Telefon in Ernst Maasch’ Pavillon klingelt unaufhörlich. Doch er muss seine Anrufer vertrösten. Die Ankunft der „Balmoral“ verzögert sich. Sie wird erst drei Stunden später als angekündigt die Begrüßungsanlage passieren. „Macht nichts. Wir wollen sowieso weiter Richtung Hamburg“, entscheidet das Damenquartett, schwingt sich aufs Fahrrad und radelt dem Traumschiff einfach entgegen.

Informationen:

Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft, Wedel
Schulauer Fährhaus
Parnaßstraße 29
22880 Wedel
Begrüßungsanlage: Tel. 04103-9200-15, geöffnet von 8 bis 20 Uhr (im Winter bis zum Sonnenuntergang)

Das Restaurant mit Aussichtsterrasse ist täglich von 9 Uhr bis zum Sonnenuntergang geöffnet: Tel. 04103-9200-0. www.schulauer-faehrhaus.de

Buddelschiff- und Muschelmuseum: Öffnungszeiten: 1. März bis 31. Oktober: täglich von 10 bis 18 Uhr. In den übrigen Monaten nur samstags, sonntags, feiertags.

Tipp: Radwandern auf dem Elbhöhenweg vom Hamburger Hafen bis zur Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft, Weglänge zirka 23 Kilometer

Schiffsbegrüßungsanlage Rendsburg
Begrüßungsanlage: Tel. 04331-57316, tagesaktuelle Abfrage der Ankunftszeit der Luxusliner in Rendsburg, geöffnet von 10 Uhr bis zum Sonnenuntergang

Auskunft über die den NOK befahrenden Kreuzfahrtschiffe ist auch erhältlich bei der Verkehrszentrale Brunsbüttel, Tel. 04852-885122

Restaurant Brückenterrassen an der Eisenbahnhochbrücke und Schwebefähre
Tel.: 04331-22002. Das Restaurant ist Di bis So von 8 Uhr bis 20 Uhr geöffnet:
www.brueckenterrassen.de oder www.brueckenbote.de

Besichtigung der Eisenbahnhochbrücke: 1. Mai bis 30. September, sonntags, jeweils 14 und 15 Uhr, (nur nach Voranmeldung bei der Touristinformation), Preis pro Person 3 Euro

Touristinformation Nord-Ostsee-Kanal
Schiffbrücken-Galerie
24768 Rendsburg
Tel. 04331-21120 oder 6963843
www.tinok.de (Liste, der den NOK befahrenden Kreuzfahrtschiffe)
www.nok-sh.de
www.nok-route.de

Tipp: mehrtägige Rad- und Wandertouren entlang des Nord-Ostsee-Kanals inkl. Gepäcktransfer.
Nord-Ostsee-Kanal-Fahrten mit MS „Adler Princess“ oder mit dem Raddampfer „Freya“ von Brunsbüttel nach Kiel oder umgekehrt: www.adler-princess.de, Tel. 01805-123344

© Text: Dagmar Krappe, Fotos: Axel Baumann/Dagmar Krappe

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