Dampfnostalgie in Sachsen-Anhalt – 125 Jahre Harzer Schmalspurbahn

14. Januar 2012 | Von | Kategorie: Nordd. Tiefland

Von Weitem sieht sie aus wie eine Spielzeug-Eisenbahn. Eine dicke weiße Rauchwolke quillt aus dem Schornstein der Dampflokomotive und ein Eisenbahngeräusch wie aus Kindertagen zieht durch die Landschaft. Seit 125 Jahren fährt die Harzer Schmalspurbahn durch Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge bis auf den Brocken – und manchmal steht auch ein Laie aus einem der Schnupper-Lokomotivführer-Lehrgänge im Führerhaus.

 

Brockenbahn am Wasserkran

Brockenbahn am Wasserkran

125 Jahre ist es her, dass die Selketalbahn das erste Mal auf einer nur einen Meter breiten Spur durch den westlichen Teil Sachsen-Anhalts, von Gernrode nach Mägdesprung, fuhr. In den folgenden Jahren, zwischen 1887 und 1899, wurde das Streckennetz der Harzer Schmalspurbahn weiter ausgebaut. Heute ziehen sechs Dieselloks und 25 Dampflokomotiven die Wagen über das mehr als 140 Kilometer lange Schienennetz der Selketal-, Brocken- und Harzquerbahn.

17 alte Eisenrösser stammen aus den 1950er Jahren. Zwei historische Mallet-Lokomotiven aus dem Jahr 1897 sind vor allem bei Sonderzugfahrten im Einsatz. Eine Fahrt mit einer der Harzer Schmalspurbahnen ist nicht nur, aber vor allem im Winter ein besonderes Erlebnis, wenn die dick verschneiten Bäume wie Zuckerwatte aussehen und der kalte Wind den Blick vom Brocken über das wiedervereinte Deutschland frei von Wolken hält.

Fast bis zum Gipfel: die Brockenbahn

Winterdampf in Schierke

Winterdampf in Schierke © Harzer Schmalspurbahn

Die Brockenbahn, 1899 fertig gestellt, ist die wohl bekannteste und beliebteste Strecke. Sie führt vom kleinen Örtchen Drei Annen Hohne bei Wernigerode am Rande des Nationalparks Harz über Schierke bis auf den Brocken. Dort liegt der Bahnhof auf 1125 Meter – nur 16 Meter unter dem Gipfel. Er ist damit höchster Bahnhof einer Schmalspurbahn in Deutschland. Ohne Zahnräder, dafür mit 700 PS stampfen die Züge auf den höchsten Berg Norddeutschlands.

Das steilste Stück der Brockenbahn beginnt gleich hinter Drei Annen Hohne. Den Reisenden bietet sich dabei ein überwältigendes Panorama aus dem Zugfenster: tiefverschneite Tannenwälder, Hochflächen und der Blick auf den Brocken, diesen mythischen Berg – den deutschesten aller Berge, wie Heinrich Heine in seinem Buch „Die Harzreise“ schrieb.

Wildromantisch um die Wendeschleife: die Selketalbahn

Die wild-romantischste Strecke hat wohl die Selketalbahn zu bieten. Etwa 60 Kilometer fährt die Bahn von Quedlinburg über typische Harzorte wie Gernrode und Harzgerode bis nach Hasselfelde und hinüber nach Thüringen, zum Bahnhof Eisfelder Talmühle. In engen Kurven schlängelt sich die Schmalspurbahn durch die urwüchsige Landschaft, vorbei an schroffen Felskanten, verschneiten Wiesen und Feldern, zugefrorenen Teichen und alten Buchen- und Eichenwäldern. Die Wendeschleife in Stiege bietet einen weiteren Superlativ: Sie ist die kleinste in Europa.

Durch den einzigen Tunnel für Schmalspurbahnen: die Harzquerbahn

Wie der Name schon sagt, fährt die Harzquerbahn quer über den Harz – von Nord nach Süd. 60 Kilometer sind es von Wernigerode über den Brockenbahn-Bahnhof Drei Annen Hohne bis Nordhausen in Thüringen. Auf der dreistündigen Fahrt durchfährt die Bahn den einzigen Schmalspurbahn-Tunnel in den neuen Bundesländern und schnauft über Hochebenen und durch tiefe, waldreiche Täler.

Ein Ausschnitt deutscher Geschichte

Touristen lieben die Harzer Schmalspurbahn. Schon immer. Die Strecke auf den Brocken war seit ihrer Eröffnung 1899 extrem beliebt. In den Sommermonaten tummelten sich zahlreiche Besucher auf dem Bergplateau und genossen die Aussicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings lagen der Harz und damit vor allem der Brocken im Zentrum des innerdeutschen Spannungsfeldes. Trotzdem fuhr die Bahn noch einige Jahre den Berg hinauf. Als 1950 die ersten Deutschen Wintersportmeisterschaften in Schierke stattfanden, wurde sogar ein zusätzlicher Bahnhof in Eckerloch gebaut. 1957 waren die sieben täglich verkehrenden Züge regelmäßig so überfüllt, dass nicht jeder, der wollte, auch wirklich mitfahren konnte.

Am 13. August 1961 wurde im Zuge der Grenzschließung der DDR und des Mauerbaus in Berlin allerdings auch der Reiseverkehr auf den Brocken eingestellt. Nur noch wenige Güterzüge durften in den folgenden Jahren auf den Brocken fahren, der nun im Todesstreifen lag. Erst nach dem Fall der Mauer kam der Verkehr auf der Brockenbahn wieder in Schwung. Nach Bürgerinitiativen und Reparaturarbeiten an Gleisen, Brücken und den alten Dampfloks, fuhr im September 1991 wieder der erste Reisezug auf den Brocken.

Von Rockoper bis Ehrenlokführer

Heute arbeiten rund 260 Mitarbeiter bei der Harzer Schmalspurbahn GmbH (HSB). Jährlich werden rund 1,1 Millionen Fahrgäste – Pendler wie Touristen – in 88 Reisezugwagen transportiert.

Ehrenlokführerausbildung bei den Harzer Schmalspurbahnen

Neben dem regulären Reiseverkehr bietet die HSB auch einige touristische Produkte an. Besonders beliebt ist die Fahrt mit dem „Mephisto-Express“ von Wernigerode auf den Brocken, wo zwischen März und November an mehreren Wochenenden im Goethesaal „Faust – die Rockoper“ aufgeführt wird und seit 2011 auch „Faust II – die Rockoper“.

Wer schon immer davon geträumt hat, Lokomotivführer zu werden, der kann bei den Harzer Schmalspurbahnen einen dreitägigen Schnupperkurs belegen und sich zum Ehrenlokführer ausbilden lassen. Unter realen Bedingungen fährt der Lehrling volle Schichten eines Lokführers mi tund wird – sozusagen im laufenden Betrieb – in die Geheimnisse der Wartung, Pflege und des Antriebs der alten Eisenrösser eingewiesen.

Weitere Infos unter www.hsb-wr.de.

Harzer Schmalspurbahnen GmbH
Friedrichstraße 151
38855 Wernigerode
Tel. 03943 558-0
Fax 03943 558-112
E-Mail: info@hsb-wr.de

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