Die „Carmargue“ im westlichsten Zipfel des Münsterlands

15. Juli 2012 | Von | Kategorie: Nordd. Tiefland

Flamingos leben im Zwillbrocker Venn an der deutsch-niederländischen Grenze

Flamingos im Zwillbrocker Venn

Nach menschlichem Ermessen sieht es nicht gerade nach einer perfekten Wohnlage aus. Zwar Verkehrsgünstig sehr gut gelegen gibt es ringsherum nur nervende Nachbarn, die ständig für Stress sorgen – auch untereinander. Hinzu kommt, dass der Nebenmann per se nur wenig Rücksicht auf seine Mitbewohner nimmt. Es ist ohrenbetäubend laut, von Lebensqualität eigentlich keine Spur. Dass das traute Heim mitten in einer Einflugschneise liegt, spielt dann auch keine so gravierende Rolle mehr. Hier ist ein rund-um-die-Uhr-Flugbetrieb garantiert – ohne Rücksicht auf Verluste. Doch, wen das alles nicht stört, der wird mit einem ganz besonderen Bonbon belohnt: einem unverbauten Blick in ein schmuckes Naturschutzgebiet. So werden es sich jedenfalls einige Flamingos gedacht haben, als sie in den 70-er Jahren zum ersten Mal das Zwillbrocker Venn gesehen haben: Ein Naturschutzgebiet, 185 Hektar groß, genau auf der deutsch-niederländischen Grenze gelegen.

Lachmöven im Zwillbrocker Venn

Wenn da nicht die vielen nervigen Nachbarn wären. Schließlich ist das Zwillbrocker Venn nahe des münsterländischen Vreden auch eine der größten Lachmöwenkolonien. Mehr als  4.000 Vertreter ihrer Art sorgen hier den ganzen Tag über für Betriebsamkeit zu Lande, auf dem Wasser und natürlich in der Luft. Obwohl, aus der Perspektive eines Flamingos, könnte es nicht bessere Bedingungen für den eigenen Lebensraum geben. Durch den Kot der Möwen wird das Gewässer stark mit Nährstoffen angereichert von denen sich Kleinlebewesen ernähren, die wiederum ganz oben auf der Speisekarte der pink-farbenen Federtiere stehen. Und so lange die Möwen nicht hektisch durchstarten und die Flucht ergreifen, wenn unbekannte Zweibeiner oder andere Eindringlinge dem eigenen Zuhause zu nahe kommen, dann ist auch die Welt der Flamingos in Ordnung und sie können es auf ihren Nestern entspannt angehen lassen… So gesehen dann doch perfekte Wohnbedingungen mit einer recht hohen westfälischen Lebensqualität.

bruetende Kormorane im Zwillbrocker Venn

Entsprechend hat sich peu à peu der westliche Zipfel des Münsterlands allmählich zur nördlichsten Kolonie freilebender Flamingos entwickelt. Und woher kommen sie nun? Haben sie sich aus zoologischen Gärten aus dem Staub gemacht und sind hier gestrandet? „Sicher nicht“, verrät die Biologin Jessica Utikal, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Biologischen Zentrum in Zwillbrock: „Die Tiere stammen vermutlich aus einer Gruppe, die in den Niederlanden ihr Winterquartier aufgeschlagen hat und sich dann Ende der 1970er Jahre weiter in Richtung Norden bewegte.“ Eine weitere denkbare Möglichkeit: sie sind einst ihren Privatbesitzern entflogen. Heute verbringen etwa 40 Flamingos ihre Zeit im münsterländischen Sommerquartier, um dann an der niederländischen Nordsee-Küste zu überwintern. Gleich drei Arten nennen das Zwillbrocker Venn heute ihr Zuhause: der Chile-Flamingo, der karibische sowie der große Flamingo.

Keine Frage dass auch die Menschen links und rechts der grünen Grenze von ihren neuen Nachbarn angetan sind. Ab März warten sie ungeduldig auf die ersten rosé-farbenen Kundschafter. „Das Zwillbrocker Venn ist einfach fantastisch“, lobt der Lokalpatriot. Gemeinsam mit seinen beiden Freunden radelt der Senior um den See. Gerade macht das Trio eine kurze Verschnaufpause am Aussichtsturm Hier lässt sich in aller Ruhe das hektische Treiben auf dem flachen See beobachten. „Ganz früh morgens, wenn die Sonne aufgeht, leuchtet das Wasser besonders schön“, verrät der Westfale. Es ist nicht zu übersehen, wie stolz er auf seine Heimat ist.

Flamingos im Zwillbrocker Venn

Heute ist der gefiederte Neubürger die Attraktion des Zwillbrocker Venns. Unzählige Besucher kommen Jahr für Jahr ins Grenzgebiet, um sich von Fauna und Flora faszinieren zu lassen. Etwas im Schatten der Hauptattraktionen stehen die Kormorane und Wildgänse, die ebenfalls die Moorlandschaft für sich entdeckt haben. Rund um das Venn führt eine gut fünf Kilometer ausgeschilderte Strecke. Drei Beobachtungsstellen gewähren einen guten Blick auf die Flamingoinsel, wo die Vögel ihre Nester gebaut haben. Ihrer Bedeutung bewusst thronen sie für alle sichtbar auf dem höchsten Punkt der kleinen Insel. Ein Tipp: Fernglas mitbringen!

In Kürze wird ein aktualisierter Rad- und Wanderführer erscheinen, der den Verlauf der gesamten Flamingoroute beschreibt. Zwischen Enschede und Vreden warten etwa 350 Kilometer auf ihre Entdeckung. Die Wege verbinden Naturschutzgebiete, Sehenswürdigkeiten und regionale Attraktion miteinander.

Wenige Gehminuten vom Zwillbrocker Venn entfernt befindet sich die Biologische Station samt Besucherzentrum von Zwillbrock. Hier wird in einer Dauerausstellung der Lebensraum einer Moorlandschaft vorgestellt.

Informationen

Biologische Station Zwillbrock e.V.
Zwillbrock 10
48691 Vreden
Tel.: 02564 9860-0
Fax: 02564 9860-29
E-Mail: info@bszwillbrock.de
Internet: www.bszwillbrock.de

Öffnungszeiten des Besucherzentrums:
Osterferien (in Nordrhein-Westfalen) bis Oktober:
Mo bis Fr: 08:00 Uhr bis 16:30 Uhr
Sa, So, an Feiertagen: 12:00 Uhr bis 17:00 Uhr

November bis Osterferien (NRW):
Mo bis Do: 08:00 Uhr bis 16:30 Uhr
Fr: 08:00 Uhr bis 14:30 Uhr

Münsterland e.V.  Tourismus
Service-Center Münsterland
Kostenlose Info- und Buchungshotline: 0800 / 93 92 919 (kostenlos aus dem dt. Festnetz)
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Internet: www.muensterland-tourismus.de

© Text und Fotos: Helge Holz

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