Die Ostfriesenpalme schmeckt auch im Oldenburger Münsterland

28. Juli 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Beliebter Wintersport: Boßeltouren mit Grünkohl und Pinkel.

Nette Radtouren durch den Nordkreis Vechta, schöne Ausflüge in die Region, eine farbenfrohe Natur, eine schmucke Blütenpracht, leuchtende Getreidefelder im Sommer oder der goldene Herbst – all das spricht eigentlich für einen Urlaub zwischen März und Oktober, eben in der „wärmeren“ Jahreszeit. Aber wie sieht es im Winter aus? Werden dann im Oldenburger Münsterland die Bordsteine hochgeklappt und auf wärmere Tage gewartet? Mitnichten.

Echte Nordlichter lassen sich doch nicht von klirrender Kälte, Schnee oder Regen abhalten! Schließlich beginnt im Januar das neue Jahr gleich mit einem Höhepunkt, mit dem Beginn der Grünkohlsaison. Ein Muss für jeden Norddeutschen, insbesondere wenn die beiden Grünkohl-Hochburgen Bremen und Oldenburg in der Nähe liegen.

Aber kann so ein wichtiges Ereignis noch gesteigert werden? Es kann. Gerade, wenn das Festmahl mit einem Kohlgang oder gar mit einer Boßeltour verknüpft wird.

Bevor also die frohe Runde zum gemütlichen Teil einkehren kann, um die Ostfriesen-Palme samt Pinkel und Kassler zu genießen, geht es raus in die Kälte. Im Kreise der Nachbarschaft, der Kollegen trifft man sich mit Mann und Maus bei ihrem Grünkohlkönig und seiner Königin. Drei bis vier Nachmittage haben die amtierenden Monarchen an der Route gefeilt, wann eine Pause eingelegt werden kann und welche Fragen es zu beantworten gilt.

Machen auch die Kinder und Jugendlichen eigene Boßel-Touren? „Nein, erklärt Eva mit einem breiten Grinsen, dass ist ihnen zu spießig. Erst wenn sie älter werden, kommen sie auf den Geschmack.“ Glück für die Eltern, denn so bleibt der Bollerwagen fest in väterlicher und mütterlicher Hand. Immerhin ist an so einem Nachmittag das kleine Gefährt neben den beiden Boßelkugeln das wichtigste Sportgerät. Schließlich befinden sich hier alle notwendigen hefehaltigen Kaltgetränke, um sich auf den folgenden Kilometern warm zu halten.

Heute herrschen Klaus I. und Petra II. über ihre Mitstreiter vom FC Royal, einer Freizeitmannschaft aus Wildeshausen. Das gemeinsame Ziel ist das gut elf Kilometer entfernte Rechterfeld, wo „Obby’s Schützenhalle“ samt einer zünftigen Grünkohlparty wartet.

Ursprünglich stammt das Boßelspiel aus Ostfriesland und ist dort ein beliebter Wintersport.

Längst hat die Begeisterung jenseits der Deiche so große Wellen geschlagen, dass die einzelnen Boßelgruppen nicht nur in offiziellen Wettbewerben ihr Können untereinander messen, selbst im tiefen Süden, im Süden des Oldenburger Münsterlands lassen sich die Freunde des Boßel-Spaßes von diesem Kräftemessen faszinieren.

Das Boßelspiel erinnert ans Kegeln. Doch statt einer auf Hochglanz polierten Kegelbahn dient den kühnen Recken halt eine wenig befahrene Nebenstraße als Wettkampfarena. Gewonnen hat die Gruppe, die ihre Kugel am weitesten rollen oder werfen kann. Hört sich einfacher an, als es ist. Schließlich haben Schlaglöcher, Pfützen, Spurrillen und Schotterpisten ebenfalls ein Wörtchen mitzureden…

Im Oldenburger Münsterland wurde der sportliche Import noch verfeinert und mit dem Titel des Grünkohlkönigs gekrönt. Ihm und seiner Mitregentin obliegt die Aufgabe, dann im kommenden Jahr die neue Boßeltour zu organisieren.

Wind und Wetter trotzt heute Nachmittag fast der gesamte FC Royal. Die Mitspieler verteilen sich auf die beiden Gruppen. Ihr gemeinsames Erkennungsmerkmal, eine appetitliche Brezel am Bande. Dem Gebäck fällt eine wichtige Aufgabe zu: „Wenn die Erde anfängt zu wackeln, reinbeißen!“ erklärt augenzwinkernd Mitspieler Markus. Der Regenschauer ist noch nicht ganz verklungen, startet die Runde in den sportlichen Reigen. Gleich nach wenigen Schritten kommt das erste Problem, ein Kreisverkehr. So praktisch diese Knotenpunkte für den Autoverkehr auch sind, an eines haben die Stadtplaner jedoch nicht gedacht, an Boßelspieler. Ist ein Kreisverkehr nun eine Kreuzung oder ist es keine? Eine durchaus berechtigte Frage, schließlich besagen die Statuten, dass an einer Kreuzung halt gemacht werden muss, um die bis dato ausgetrockneten Kehlen wieder anzufeuchten. Diesmal wird ein Auge zugedrückt und weitergegangen. Kurz hinter dem Wald beginnt dann der eigentliche Wettkampf. Hier zählt die Routine. Mit viel Fingerspitzengefühl zirkeln die Profis die gut einen Kilo schweren Kunststoffkugeln bravourös um die Hindernisse. Kein Wunder, gut drei Boßeltouren stehen bei den meisten Mitspielern pro Saison auf dem Terminkalender. Auf dem Nachbarweg boßelt sich ebenfalls eine weitere Gruppe ihrem Ziel entgegen. Kommt man sich da nicht in die Quere? Eigentlich nicht, grinst der Kenner, schließlich wird doch an jeder Kreuzung gehalten…

Zur selben Zeit, wenn die Gruppen zu ihren Touren aufbrechen, beginnt auch für Aloys Olberding, genannt „Obby“ die Arbeit. Gut 80 Kilogramm Grünkohl wollen bis zum Abend gekocht werden. 200 Personen sollen dann davon satt werden. Unverzichtbar für das Gericht ist die Pinkel-Wurst aus Hafergrütze, Fett und Schweinefleisch. In ihrem Sud wird dann der Grünkohl gekocht, dazu gibt es Kassler, etwas Senf, je nach Geschmack mit Salzkartoffeln oder Bratkartoffeln mit Speck. Nicht fehlen darf ein gekühltes Bier.

2003 hatte Obby die Idee das winterliche Nationalgericht mit einer Party zu verbinden – wie es in Oldenburg oder in Bremen längst Tradition ist. Sein Konzept ist aufgegangen. Bis zu 50 Kilometer lange Anreisewege nehmen heute seine Gäste in Kauf; rund 7.000 Portionen der Ostfriesischen Palme lassen sich die Genießer pro Saison im Schützenhof schmecken, Tendenz weiter steigend.

Informationen:
Relativ unbekannt ist, dass auch Touristen und Urlauber in die norddeutsche Sportart eintauchen können und in geselliger Runde sich an Boßeltouren beteiligen können.

Zwischen Januar und März bietet Hotelier René Ebermann vom Hotel Stüve in Visbek ein entsprechendes Arrangement. Boßeltour samt Grünkohlparty buchbar beim Flair-Hotel Stüve, Hauptstraße 20, 49429 Visbek, Tel. 04445 967910, Internet: http://www.hotel-stueve.de.

Obby’s Schützenhof Rechterfeld, Dorfstr. 24, 49429 Rechterfeld-Visbek, Tel. 04445 961107, Internet: http://www.obbys.de (Grünkohlparty)

Die Tourist-Information Nordkreis Vechta e.V., Kapitelplatz 3, 49377 Vechta, Tel. 04441 858612, Fax. 04441 858613, Internet: http://www.lust-auf-ausflug.de, E-Mail: info@nordkreis-vechta.de vermittelt ebenfalls Boßeltouren und kann weitere Inspirationen für Ausflüge und Rahmenprogramme anbieten.

© Text und Fotos: Helge Holz

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