Die Sehnsucht nach Ferne

28. Oktober 2012 | Von | Kategorie: Bremen, Die Reportage

Ausstellung „Abenteuer – Entdecker – Forscher“ im Bremer Übersee-Museum vom 6. Oktober 2012 bis zum 31. März 2013

Der erste Medienrummel ist verflogen. Mit Pinsel und blauer Farben bessert die Museumsmitarbeiterin noch schnell die letzten weißen Flecken auf der Ausstellungs-„Landkarte“ aus, damit die Besucher ein wortwörtlich einheitliches Bild von Abenteuer, Forschungsdrang und Entdeckerleidenschaft mit nach Hause nehmen können. Dabei hatte es das Team um Dr. Hartmut Roder vom Bremer Übersee-Museum diesmal nicht leicht, um die geeigneten Protagonisten für ihre aktuelle Ausstellung zu finden: gleich 400 Kandidaten standen ihnen zur Auswahl, um aus dieser Gesamtheit das Leben von zwölf Personen der (Zeit-)Geschichte den Besuchern näher zu präsentieren. „Die Zahl ‚zwölf‘ hat jedoch keinen mystischen Hintergrund“, verrät Hartmut Roder und fährt fort: „Wir haben für die neue Ausstellung ‚Abenteuer Entdecker Forscher‘ einfach nur 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung gehabt“. Um dem Lebenswerk dieser Persönlichkeiten gerecht werden zu können, beschränkten sich die Hanseaten halt auf ein Dutzend Frauen und Männer. Leichter wurde es dadurch auch nicht. Welche Männer? Welche Frauen? Nur Europäer? Asiaten? Afrikaner? Araber? Fragen über Fragen.

Schnell wurde den Ausstellungsmachern klar, dass die Facetten des Themas deutlich vielschichtiger als anfangs gedacht waren. Oft eint die Sehnsucht nach Ferne die Abenteurer wie Entdecker gleichermaßen. Doch nicht nur der Wissensdurst ihrer Mitmenschen und Regenten bot diesen professionellen Reisenden Lohn und Brot. Neben Ruhm und Ehre versprachen sich die Herrscher ganz pragmatisch ökonomische wie politische Vorteile. Entsprechend üppig förderten sie den Tatendrang ihrer Weltenbummler, sei es zu Lande, sei es zur See. Und dass ohne überhaupt zu wissen wohin sie ihre Touren führen mögen oder ob diese Expedition gar ihre letzte sei. „Wer zu neuen Ufern aufbrechen wollte oder noch aufbrechen will, muss auch über ‚den Mut zum Scheitern‘ verfügen und flexibel genug sein, etwas zu finden, was er oder sie anfangs gar nicht gesucht hatte“, ergänzt Museumsdirektorin Dr. Wiebke Ahrndt. So unterschiedlich die Motive der agierenden Personen war, so unterschiedlich sind auch die Biografien der Hauptdarsteller der Ausstellung: vom Theologen über die Künstlerin bis hin zum gefürchteten Piraten,  sie alle haben sich in ihrem „Zweitberuf“ der Suche nach dem Unbekannten verschrieben.

Globus zur Zeit von James Cook

Gleich auf zwei Rundwegen können nun die Besucher auf eine Zeitreise gehen. So warten der Abenteurer-Entdecker-Pfad und der Forscherpfad auf ihre Entdecker. Gestartet wird im 14. Jahrhundert im fernen Orient, führt durch Wüsten, Polarmeer und Tiefsee bis in die Gegenwart. James Cook zollte originale Fundstücke seiner Südsee-Expedition bei. Ein zeitgenössischer Weltenbummler baute nach einem Aufruf in der Tageszeitung sogar die Heckklappe seiner Ente ab, um sie für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Der Globetrotter hatte auf dem Blech seine Reiseroute rund um den Globus verewigt. So zeigen sich auf einer gesamten Etage mehr als 400 Exponate aus Deutschland, Europa und Übersee. „Allein das Zusammentragen diese Stücke war ein Abenteuer für sich“, erinnert sich der Ausstellungsmacher. Nicht jeder Kollege seiner Zunft wollte sich von seinen Schätzen trennen, sei es auch nur für eine kurze Dauer oder machte restriktive Vorschriften, wie seine Pretiosen angemessen ins rechte Licht gesetzt werden müssten.

Schlittenhundegespann von Fridtjof Nansen

Die für Muslime wichtige Pilgerreise nach Mekka war für den Marokkaner Ibn Battuta das Schlüsselerlebnis. Mit ihm startet der Abenteurer-Entdecker-Pfad. Fast drei Jahrzehnte streifte er durch den Nahen Osten, kam in die Mongolei, arbeitete in Indien als Jurist, besuchte China, erforschte die ostafrikanische Küste, überquerte den Äquator, zog dann noch 1000 Kilometer weiter – und das alles bereits im 14. Jahrhundert. Gut 50 Länder lernte er in dieser Zeit kennen. Hätte es bereits damals ein Dromedar mit einen Tachometer gegeben, am Ende seiner Reisen hätten 120.00 Kilometer mehr auf dem Zähler gestanden. Auf seiner Habenseite konnte der Marokkaner spannende Reiseberichte verbuchen, die er für die Nachwelt auf Papier brachte. Die Bedeutung seines Lebenswerks ist ambivalent. Während in der arabischen Welt seine Arbeit heute wieder an Stellenwert gewinnt, erkannten die abendländischen Gelehrten erst Anfang des 19. Jahrhunderts den Wert seiner Aufzeichnungen und dass obwohl Ibn Battuta seinen Kollegen Marco Polo an zurückgelegten Kilometern deutlich übertraf. Was einst Marco Polos Nachfolger so erlebte, lässt sich beim Blick auf den kleinen Basar erkennen. Wer sich die Zeit nimmt, taucht schnell in ein marokkanischen Souk ein. In den Gassen spielen Kinder, Händler feilschen mit ihren Kunden; genüsslich pafft ein Mann an der Wasserpfeife und beobachtet das muntere Treiben. Es fehlt nur noch der Duft von Gewürzen. Schon könnte der Zaungast vergessen, dass es sich nur um ein Modell handelt.

Nachbau einer Dschunke des chinesischen Admirals Zheng He

Mit „Hightech“ des ausgehenden 14. Jahrhunderts ist weiter östlich in China Zheng He auf seine Entdeckungsreise gegangen. Der chinesische Admiral der kaiserlichen Flotte soll sogar das reale Vorbild der arabischen Sagengestalt „Sindbad der Seefahrer“ sein. Auf sieben Expeditionen schaffte er es gemeinsam mit seiner Mannschaft bis an die ostafrikanische Küste. Mangelnde Geduld kann man dem chinesischen Seemann nicht nachsagen. Eigens für den Bau seiner Flotte sollen 50 Millionen Bäume angepflanzt worden sein. Bis diese dann groß genug waren, um daraus Schiffe zu bauen… Doch die Ausdauer machte sich für seinen Arbeitgeber bezahlt. Neben naturkundlichen und geografischen Wissen sorgte anschließend ein reger Außenhandel mit den neuen Nachbarn für eine ordentliche Amortisation der Investitionen in die Forschung.

Ihren Stolz können die Museumsexperten für ein eher unscheinbar filigranes Exponate nicht verhehlen: zwischen den wuchtigen Kanonen und dem steinernen Kreuz wirkt das Schwert etwas zierlich. Es war jedoch der treue Begleiter eines großen europäischen Entdeckers: Vasco da Gama hieß der kühne Recke, der es auf seinen Entdeckungsfahrten mitgenommen hatte. Nachdem er es bis zum Kap der Guten Hoffnung geschafft hatte, ging es weiter bis ins ferne Indien. Hier betrat er als erster Europäer den indischen Boden und ebnete so dem portugiesischen Königreich den Weg, um zu einer Weltmacht jener Zeit aufzusteigen.

Deutlich rustikaler ging es im Umfeld des Briten William Dampier zu. Bereits mit 18 Jahren kam er zur christlichen Seefahrt, wechselte dann aber ins Piratenlager. Während seiner Raubzüge entdeckte er Neu-Britannien, setzte als erster Brite seinen Fuß auf australischen Boden, tüftelte an Nautik und Meteorologie oder feilte an seinen Reiseerlebnissen. An Stoff für seinen Bericht mangelte es ihm sicher nicht. Mit 40 Jahren hatte er bereits die Welt komplett umsegelt, ist einmal mit seinem Schiff untergegangen, hat zahlreiche Seeschlachten er- und überlebt oder sich mit seiner Schiffsmannschaft angelegt. Mit dem schottischen Matrosen Alexander Selkirk hatte er sich dermaßen in der Wolle gehabt, dass dieser sich lieber auf einer der chilenischen Juan-Fernandez-Inseln aussetzen ließ, als mit diesem Kapitän auch nur eine Seemeile weiter zu fahren. Eine Meinungsverschiedenheit, die bis heute literarisch weiterlebt: Daniel Defoe diente dieser Disput als Vorlage für seinen Roman „Robinson Crusoe“. Was ist eigentlich aus Alexander Selkirk geworden? Nun, vier Jahre hat es gedauert bis sich die Wogen zwischen den beiden Kontrahenten wieder geglättet haben und William Dampier den Helden der Romanvorlage wieder an Bord holte.

Büste von Sibylla Merian

Mit deutlich kleineren Dingen befasste sich Maria Sibylla Merian. Nachdem ihr das Malen und Zeichnen von Pflanzen zu unbefriedigend war, widmete sie sich den bis dato von der Wissenschaft eher stiefmütterlich beachteten Insekten und bereitete mit ihren Forschungsarbeiten den Weg für die heute so moderne Wissenschaft der Ökologie.

„Um dem Kapitän Gesellschaft leisten zu können“ war der Grund, weshalb Charles Darwin unentgeltlich auf der Beagle mitfahren durfte. Das Expeditionsteam machte sich auf den Weg, um die südamerikanische Küste zu vermessen. Was er auf den Galapagos-Inseln sah und erlebte, scheint ihn noch lange nach dieser Reise bewegt zu haben. Erst 20 Jahre nach seiner Fahrt zu den Antipoden veröffentlichte er seine Überlegungen zur Evolution und revolutionierte damit das Weltbild jener Tage.

Wer dabei Lust verspürt, einmal selbst in die Rolle eines Forschers oder Abenteurers zu schlüpfen, kommt hier ebenfalls auf seine Kosten. An zahlreichen interaktiven Station lassen sich eigene Experimente realisieren. Im „Future lab“ werden die aktuellen Projekte des Landeswettbewerbs „Jugend forscht“ präsentiert. Auch die Phänomenta aus Bremerhaven steuert Experimente bei. Ein besonderes Bonbon haben sich die Ausstellungsmacher überlegt. Schauspieler schlüpfen in die Rolle der Protagonisten und leihen ihnen die Stimme. Mit einem Entdecker-Rucksack lässt sich dann die Ausstellung auf eigene Faust erkunden. Ähnlich wie einst Marie Curie werden die Nachwuchsforscher große Augen machen, wenn sie die (natürliche) Radioaktivität für sich entdecken und das knacken des Geigerzählers dann für eine schaurige Gänsehaut sorgen. „Der Drang etwas zu entdecken ist lebenswichtig, überlebenswichtig und sicher auch ein Bestandteil unserer Gene“, dessen ist sich Hartmut Roder sicher.

Informationen

Die Ausstellung „Abenteuer – Entdecker – Forscher“ im Bremer Übersee-Museum ist bis zum 31. März 2013 zu sehen. Jeden zweiten Donnerstag im Monat (Beginn: 15 Uhr) finden die traditionellen Museumsgespräche statt. Jeden zweiten Sonntag im Monat (Beginn: 15 Uhr, Kosten 2 Euro + Eintritt) gibt es öffentliche Führungen. Vorträge runden die Ausstellung ab. Im Kooperation mit bras – Bremer Geschichtenhaus füllen Schauspieler die Protagonisten mit Leben und berichten über ihr Leben. Für Familien und Kinder zwischen 6 und 12 Jahren liegen die Entdecker-Rucksäcke parat. Ansprechpartnerin für die Angebote ist die Museumspädagogin Olga Rosenthal (Tel 0421 / 160 38 171, E-Mail: o.rosenthal@uebersee-museum.de)

Eintrittspreise (für die Abenteurer-Ausstellung)
Erwachsene: 5 Euro, 4 Euro ermäßigt
Kinder (6-17 Jahre): 2 Euro

Kombiticket (für Dauer- und Abenteurer-Ausstellung)
Erwachsene: 8,50 Euro, 6,50 Euro ermäßigt
Kinder: 3,50 Euro
Familien: 17,50 Euro

Öffnungszeiten
Di – Fr              09 – 18 Uhr
Sa + So            10 – 18 Uhr
während der Ferien in Bremen: Di – So 10 – 18 Uhr
montags geschlossen, ebenso am 1.1., Ostermontag, 1.5., Pfingstmontag, 24.12., 25.12. und 31.12.

Überseemuseum Bremen
Bahnhofsplatz 13
28195 Bremen
Tel. 0421 / 160 38 190 (Kasse)
E-Mail: kasse@uebersee-museum.de
www.uebersee-museum.de

 

BTZ Bremer Touristik Zentrale
Service-Telefon 01805 / 10 10 30 (0,14 Euro/min aus dem deutschen Festnetz)
oder Tel. 0421 / 30 800 10

© Text und Fotos: Helge Holz

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