Dunkelführung durch Bad Essen

11. Juli 2015 | Von | Kategorie: Nordd. Tiefland

Stadtführung zu später Stunde durchs niedersächsische Bad Essen

Alleine über dunkle Wege zu schleichen, sorgt bekanntlich eher für Angst und Beklemmung als für kribbelige Spannung. Doch wer richtig schaudern will, holt sich zum Gruseln und für die Gänsehaut einen Profi und lässt sich aus kundigem Munde Bange machen. Marion Middendorf ist so jemand, die sich durch die Geschichte und Geschichten von Bad Essen gearbeitet hat, um ihren Mitmenschen das Fürchten zu lehren. Als Gästeführerin zeigt sie ihren Zuhörern auf charmante Weise, dass hinter schmucken Fassaden manchmal auch Abgründiges zu finden ist.

Dunkelführung in Bad Essen

die St. Nikolai Kirche in Bad Essen

So könnte auch die kleine Schwester von Sherlock Holmes ausgesehen haben: Trenchcoat, die Mütze tief ins Gesicht gezogen – so kommt sie zum Brunnen hinter die St. Nikolai Kirche. Im Gepäck hat sie ein Dutzend Taschenlampen, schließlich soll es gleich dunkel werden und niemand soll in den kommenden 90 Minuten verloren gehen. Merkwürdig, die Mitwanderer werden plötzlich leiser und das Interesse, wie das LED-Licht eingeschaltet werden kann, steigt deutlich in die Höhe. Man kann ja nie wissen, wann die Leuchten benötigt werden. Im Augenblick wirft noch die Abendsonne das Licht auf den Kirchplatz.

Bad Essen in Niedersachsen

Dunkelführung mit Marion Middendorf durch Bad Essen

Dort wo sich heute die gute Stube von Bad Essen befindet, fanden in früheren Jahrhunderten die Bad Essener ihre letzte Ruhestätte. Über 30.000 Männer, Frauen, Kinder sollten es im Zeitablauf gewesen sein, die hier im Schatten der St. Nikolai Kirche einst beerdigt worden sind. Und wie es der Zufall so wollte, wurden just hier in der Nachkriegszeit neue Rohre für die Kanalisation verlegt und der Boden auf links gedreht. Nicht nur der Blick aus dem Klassenzimmer sorgte in jenen Tagen so für Ablenkung, wenn es in der „Roten Schule“ dem Unterricht wieder etwas an Spannung mangelte; auch so mancher Knochen fand durch diese Arbeiten wieder seinen Weg an die Oberfläche. Und was macht so ein aufgeweckter Lausbub dann in seiner Pause? Richtig, er schnappt sich so ein Gebein und erschreckt damit seine Mitschüler. Schon hatte der sich anschließende Unterricht wieder etwas mehr zu bieten. Plötzlich ein Klappern. Ganz unbemerkt hat Marion Middendorf einen Arm samt Hand aus der Tasche gezaubert, im rechten Moment aufs Kopfsteinpflaster geworfen, und im gleichen Augenblick schaut sie in verdutzte Gesichter. Sicher das klapprige Gebein besteht aus robustem Kunststoff, doch allein die Überraschung in den Gesichtern war diese Aktion wert.

Am Thie hinter der Kirche lauert schon die nächste Geschichte. Diesmal sorgen die Hexenverbrennungen für das notwendige Schaudern. In dieser Hinsicht war Bad Essen wahrlich keine rühmliche Ausnahme. Auch in der Region wurden Männer und Frauen, die der Hexerei beschuldigt waren, auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Ihnen wurde allerdings ein kleines Säckchen, gefüllt mit Schwarzpulver, um den Hals gehängt. Der Grund war makaber: sobald der Sprengstoff mit den Flammen in Berührung kam, explodierte die Mischung. Dadurch sollte den zum Tode Verurteilten ein allzu qualvoller Tod erspart bleiben.

Dunkelführung Bad Essen

abendliche Beleuchtung in Bad Essen

Mit deutlich mehr Romantik im Gepäck geht es weiter. „Nein, der Kussweg ist keine Erfindung des Marketings“, verrät die Gästeführerin, „Früher, sind die Bad Essener und Bad Essenerinnen über diesen Weg wieder nach Hause gegangen, wenn sie von einer Feier jenseits des Waldes gekommen sind. Eben an jener Stelle gab es dann den einen oder anderen Gute-Nacht-Kuss…“

Eine Augenweide entlang des Weges ist auch der Meyerhof. In der Dämmerung leuchtet das Weiß im Fachwerk wirklich besonders schmuck. Unter der Laterne am Wegesrand liefert Marion Middendorf noch weitere unterhaltsame Wegzehrungen. Bereits nach wenigen Schritten ist der alte Schafstall erreicht. Leise zieht die Gruppe weiter Richtung Mühle. Peu à peu kommen allmählich auch die Taschenlampen zum Eisensatz. Die Mühle bietet die ideale Geschichte über einen Mordfall. Zugegeben, das Ganze spielte sich einst in Lintorf ab, aber Mühle ist schließlich Mühle. Na ja, die eine wurde mit Wind, die andere wird mit Wasser betrieben. Egal, schaurig bleibt die Geschichte allemal, die sich einst bei Niemanns Mühle zugetragen haben soll als der Müllergeselle „Schnätt-Göttchen“ von seinem Nebenbuhler „Speck-Lammert“ umgebracht wurde. Die beiden steinernen Kreuze an der B65 künden noch heute von dieser Freveltat.

Touristinformation Bad Essen

Niemanns Wassermühle in Bad Essen

Direkt am Waldesrand wartet dann der nächste Mordfall auf die Zuhörer. Wie aufs Stichwort schwirren plötzlich mehrere Fledermäuse um die Köpfe. So lautlos wie sie kamen, so lautlos verschwinden sie auch wieder. Die Futtersuche hat bei den kleinen Säugern sicher einen höheren Stellenwert als das Erschrecken der nächtlichen Wanderer. Plötzlich knacken im Wald ein paar Zweige, das Kribbeln der Gänsehaut macht sich breit. Flugs wird die Taschenlampe dorthin gerichtet, wo das Geräusch hergekommen ist. Puh, alles ist in Ordnung. Der kurze Weg zur Himmelsterrasse wird sodann mit einer phantastischen Aussicht belohnt.

Dunkelführung Bad Essen

Abendlicher Blick über Bad Essen

Wie ein Leuchtturm dient jetzt die St. Nikolai Kirche als Orientierungspunkt. Am Horizont warnen die roten Lichter an den Windrädern. Für einen kurzen Augenblick genießen alle den weiten Blick über Bad Essen. Noch ein paar Meter zum Solebad und das Ende dieser kurzen Zeitreise ist erreicht. Für den Heimweg hat Marion Middendorf noch einen beruhigenden Tipp in der Tasche: Wer den Heimweg über den Friedhof wählt, braucht keine Angst zu haben, wenn ihm eine Person im weißen Gewand erscheint. Es muss nicht unbedingt ein Geist sein. Und, wer treibt sonst dort noch sein Unwesen? Tja, genau das, verrät eben nur Marion Middendorf selbst.

Informationen 

Tourist-Information Bad Essen
Lindenstraße 25
49152 Bad Essen
Tel.: 05472 / 9 49 20
E-Mail: touristik@badessen.de
www.badessen.info

© Helge Holz (Text und Fotos)

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