Ein ganz dicker Brocken

26. Februar 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Nordd. Tiefland

Wer im Harz das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden will, zuckelt bequem mit der Brockenbahn auf den Gipfel.

Sicher, natürlich kann der Wandersmann auf Schusters Rappen den Brocken erklimmen, so wie es einst Goethe und Heine in ihren Erzählungen beschrieben haben. Der neue alte Goethe-Wanderweg von Torfhaus auf die Brockenspitze ist dafür gut geeignet. Erst recht seit Oktober 2010. Nach seinem Umbau ist es nun auch für Wanderer möglich auf diesem Wege den höchsten Berg in Norddeutschland selbst in den Wintermonaten zu erklimmen.

Brocken im Winter

Schöner, bequemer und nicht minder eindrucksvoll geht’s per Bahn auf die Brockenspitze – schließlich führt der eiserne Weg durch eine der schönsten Landschaften im Norden Deutschlands. Gerade in der kalten Jahreszeit ist ein derartiger Ausflug besonders spektakulär. Nicht nur dass die verschneite Winterlandschaft mit pittoresken Postkartenmotiven für die Naturfreunde aufwartet, auch die Eisenbahnromantiker kommen hier in Sachsen-Anhalt voll auf ihre Kosten, wenn sie mal wieder zum „Dampflokluftschnuppern“ in die Personenwaggons der Schmalspureisenbahn klettern.

Wer standesgemäß per Bahn angereist ist, startet seine Zeitreise bereits in Wernigerode, der „bunten Stadt im Harz“, wie die Wernigeröder selbstbewusst ihre Heimat beschreiben. Der Kontrast zwischen Gegenwart und Vergangenheit kann kaum deutlicher ausfallen. Hier an den beiden Bahnhöfen der „großen“ und schmalen Bahn lässt sich hautnah die Geschichte der heimischen Verkehrstechnik erleben. Gleich nebenan, neben dem modernen Triebwagen auf der Magistrale nach Halle und Magdeburg, wartet bereits schnaufend eine „kleine“ Dampflokomotive der Harzer Schmalspurbahnen (HSB). „Kleine Dampflok“ ist irgendwie relativ, denn das schwarze Ungetüm bringt satte 700 PS auf die 1.000 mm Schienen. Diese Leistung ist auch notwendig. Auf ihrem Weg zum Brocken wird sie noch so manche Steigung überwinden müssen – Bedingungen wie sie sonst nur in den Alpen zu finden sind. Immerhin ist der Brocken mit seinen 1.142 m über NN der höchste Berg in Norddeutschland.

Die Wegweiser zu den Bahnsteigen der „Bimmelbahn“ sind eigentlich zuviel des Guten. In der Luft liegt bereits der charakteristische Hauch von verbrannter Dampflok-Kohle. Es reicht aus, der eigenen Nase zu folgen. „Wenn ich aus dem Urlaub wieder nach Hause komme, führt mich mein erster Weg wieder zum Bahnhof, diesen typischen Eisenbahn-Geruch vermisse ich ungemein“, verrät eine Wernigeröderin lächelnd.

Brocken Bahn

Noch ein kurzer Pfiff  zum Abschied mit der Dampfpfeife und der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Geduldig warten Autofahrer und Fußgänger vor der Schranke, bis der „Quirl“ – wie die Eisenbahn im Volksmund liebevoll genannt wird – die enge Straßenkurve passiert hat. Kaum hat der beige-rote Lindwurm die Stadtgrenze hinter sich gelassen, zeigt das schwarze Dampfross eindrucksvoll, was in ihm steckt. Am klaren, blauen Winterhimmel zeichnet sich die weiße Rauchfahne deutlich ab. Im Blümchenpflücktempo quält sich der Zug die steilen Gleise herauf. Auf dem Weg zum Brocken kommt jeder der Mitreisenden auf seine Kosten: Ein Ohrenschmaus für jeden Eisenbahnfan sind die donnernden Auspuffschläge und das laute Zischen der Heißdampfzylinder. Eine Augenfreude für Naturliebhaber sind die glitzernd leuchtende Eiskristalle im Schnee. Doch die wahren Genießer hält es nicht lange im warmen Eisenbahnabteil, vielmehr zieht es ihn, zieht es sie auf die ungeheizten Plattformen am Wagenende, um die Eisenbahnromantik hautnah zu erleben und natürlich auch, um paar ansprechende Fotos fürs Familienalbum zu schießen.

„Sie wollen zum Brocken? Dann müssen Sie in Drei Annen Hohne umsteigen. Ist nicht zu verfehlen. Es ist der Bahnhof gleich hinter dem Tunnel“, empfiehlt der Schaffner. Mit 70 Metern Länge ist der Tunnel am Thumkuhlenkopf wahrlich kein Gigant, aber da er der einzige Tunnel bei einer deutschen Schmalspurbahn ist, sollte es dennoch keine Probleme geben, ihn wahrzunehmen. Das Blaue vom Himmel könne er nicht versprechen, dazu ist das Wetter oben auf der Brockenspitze einfach zu unbeständig, fährt der Kondukteur fort. Der Volksmund gibt ihm recht: 300 Tage im Jahr, soll’s oben auf der Spitze nebelig und trübe sein. Doch heute hat die frohe Runde in den Abteilen Glück. Bis zum Ziel leuchtet der Himmel im klarsten Azurblau. Bereits nach 90 Minuten ist die gemächliche Tour bis zum Gipfel zu Ende.

„Eile mit Weile“ heißt es auch für Reisende, die noch weiter bis nach Nordhausen fahren. Rund drei Stunden müssen sie für ihren Trip einplanen. Die am Fenster vorbeiziehende Landschaft entschädigt aber in jeder Hinsicht. Was die rasante Geschwindigkeit angeht, hat sich seit den Gründerjahren hier nicht viel geändert. Dennoch, das Schneckentempo hat der Beliebtheit dieser Bimmelbahn keinen Abbruch getan – ganz im Gegenteil. In der Gunst des Publikums hat der Quirl die modernen Hochgeschwindigkeitszüge längst abgehängt.

Harz Querbahn

Noch heute wie, vor hundert Jahren zollen die Techniker der alten Ingenieurskunst Respekt. Um Höhe zu gewinnen, wurde seinerzeit jeder Winkel eines Tals ausgenutzt. Dicht am Hang kleben regelrecht die schmalen Gleise. Die engen Kurven machen sich lauthals bemerkbar. Ständig quietschen an irgendeinem Waggon die Räder. Was dem einen Freud ist dem anderen Leid. Alle paar Monate müssen die Fahrzeuge deshalb ins Betriebswerk, wo die Radreifen neu abgedreht werden. Apropos Betriebswerk, mittwochs und freitags sowie nach Vereinbarung, können Bahnenthusiasten einmal hinter die Kulissen schauen und den Mechanikern über die Schulter blicken. Allein 25 Dampflokomotiven werden hier im BW am Westerntor gewartet. Drei Dampfrösser haben schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten ihren Dienst versehen. Seit 1897 sind sie im Einsatz. Heute werden diese grünen Mallet-Lokomotiven zu besonderen Anlässen angeheizt, um Nostalgie-Sonderzüge über die Gleise zu ziehen. Relativ „jung“ ist dagegen die Baureihe 99 72. Seit den 50er Jahren trägt diese fünfachsige Maschine die Hauptlast der Transportaufgaben.

Wer von der großen kleinen Bahn einfach nicht genug bekommen kann, für den haben die Schmalspurbahner weitere Angebote im Köcher: Wer sich seinen Kindheitstraum erfüllen will, kann oder darf, auf den warten Dampflokmitfahrten auf einigen Streckenabschnitten oder mehrtägige Kurse zum Ehrenlokführer. Auch zahlreiche Veranstaltungen und thematische Sonderzüge runden das Angebot ab. Regelmäßige Führungen durch das Bahnbetriebswerk gewähren einen Einblick hinter die Kulissen.

Informationen:

Harzer Schmalspurbahnen GmbH
Friedrichstr. 151
38855 Wernigerode
Tel. 03943 / 558-0

Für Fragen und Angebote rund um die Dampflok:
Tel. 03943 / 558-151 und im Internet: www.hsb-wr.de
E-Mail: kundenservice@hsb-wr.de

© Text und Fotos: Helge Holz

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