Eine Fahrschule für Mountainbiker

21. Oktober 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Hamburg

Mit Muskelkraft querfeldein durch die Natur 

Fahrradfahren kann doch jedes Kind. Muss Mann, muss Frau deswegen gleich wieder die Schulbank drücken, nur weil der alte Drahtesel durch ein schmuckes Mountainbike ersetzt werden soll? Bei uns im Norden ist doch alles platt, es gibt doch keine Berge, bloß ein paar Deiche. Na ja, vielleicht noch den Bungsberg, den Harz, den Deister. Ach ja, das Wiehengebirge gibt es auch noch. Aber deswegen wieder Fahrstunden nehmen? Sicher, weil’s Spaß macht!

Kursleiter Thomas demonstiert das richtige Bremsen

Kursleiter Thomas demonstiert das richtige Bremsen

Wo man es eigentlich nicht erwarten würde, im tiefsten Ruhrgebiet bilden seit zwölf Jahren Schuldirektor Manfred Stromberg gemeinsam mit seinem Team begeisterte Mountainbiker aus. Inzwischen ist die Nachfrage im gesamten Bundesgebiet so stark angewachsen, dass die Profis gleich an mehreren Schulstandorten im gesamten Bundesgebiet ihr Wissen weitergeben. Wer die längere Anreise ins Ruhrgebiet scheut, kann sich ebenso in der Hansestadt, im Stadtteil Harburg, in die Feinheiten des Mountainbikings einführen lassen.

Die Wälder, das Tal, die Ruhr – ein paradiesisches, landschaftliches Ensemble für eine spritzige Tour auf dem Mountainbike. Viel Natur, „etwas“ hügelig und genug Auswahl an unterschiedlich anspruchsvollen Wegen, schmalen steilen Pfaden und breiten flachen Strecken, um auch wirklich jeden Gang der Schaltung einmal auszuprobieren. „Also“, erklärt Kursleiter Uwe gleich zu Beginn, „für den Fall, dass ihr mit dem Bike eine Panne haben solltet – bleibt stehen und versucht bitte nicht auf eigene Faust wieder zurück zum Schloss zu irren, angesichts der vielen Wege werdet ihr euch entweder verlaufen oder wir werden euch nicht so schnell wiederfinden. Für den letzten brauchten wir etwa zwei Stunden…“ Irgendwie klingt’s nicht gerade vertrauenerweckend. Nein, diese Tour führt nicht durch die Sahara oder die weite Steppe. Vielmehr ist es das idyllische Muttental, die Wiege des Bergbaus im Ruhrgebiet.

Doch nicht nur Museumsbahnen, Burgruinen und Bergbaugeschichte befindet sich hier an den Gestaden der namensgebenden Ruhr. Just hier am Schloss Steinhausen in Witten befindet sich eine Schule zum Erlernen des sicheren Mountainbikefahren.

Teilnehmer bei den Übungen

Teilnehmer bei den Übungen

Heute ist es wieder so weit und die 27 Fahrschüler und Fahrschülerinnen starten gleich in ihren ersten Anfängerkurs. Auf dem Boden verteilt liegen ihre sportlichen Hightech-Gefährte. Hydraulische Scheibenbremsen vorne und hinten, eine butterweiche Schaltung, selbstverständlich Federungen am Rahmen und Sattel, Bordcomputer, GPS am Lenker, verschiebbarer Sattel, die Liste an sportlichen Extras und Notwendigkeiten ist lang – kann sich durchaus mit jedem Sportwagen messen. Doch bevor es los geht, steht noch etwas Schrauben auf dem Programm. Rasch werden mit dem Imbus die Schraubverbindungen nachgezogen, alles noch einmal auf seinen Sitz kontrolliert. Ungeduldig harren die Sportler auf ihren hochgezüchteten Drahteseln bis sie auf die Piste dürfen. Ist der Lenker fest? „Der Luftdruck muss etwas reduziert werden, um eine bessere Bodenhaftung zu bekommen, die Bremshebel müsst ihr mehr in die Mitte des Lenkers legen. Lediglich der Zeigefinger dient zum Betätigen der Bremsen, die restlichen Finger halten den Lenker fest. Dann noch etwas den Luftdruck der Federung in der Vorderradgabel erhöhen, die Hinterradfederung doch noch etwas weicher einstellen“. Gerne lassen sich Uwe und sein Kollege Thomas über die Schulter schauen – doch jetzt kann es losgehen, endlich.

Im Gänsemarsch geht es mit 30 Stundenkilometer den kleinen Berg hinunter. Der Fahrtwind bläst angenehm ins Gesicht, Genussradeln eben. Dumm nur, dass es unversehens wieder ganz steil nach oben geht – ganz steil. Ein Aufstieg, der es wirklich in sich hat. Immerhin wollen heute noch gut einhundert Höhenmeter bezwungen werden. Ungeachtet der bevorstehenden Aufgaben pendelt die Tachoanzeige jetzt ständig zwischen 15 und 20 Stundenkilometer. Und das hier ist nur die Fahrt zur ersten Übung, eigentlich. Nur gut, dass kluge Ingenieure die 21-Gang-Kettenschaltung erfunden haben.

MTB-Scheibenbremse vorne hinten

MTB-Scheibenbremse vorne hinten

„Es ist zwar etwas für Anfänger, aber eine gewisse Minimalkondition sollten die Fahrer und Fahrerinnen bereits mitbringen“, rät Thomas, der gleich die erste Übung präsentiert: Stehen auf den Pedalen – die Brot-und-Butter-Haltung auf dem Mountainbike, erst recht im Gelände. Gesessen wird auf dem Sattel nur zum Trampeln. „Momentan braucht ihr euch um die Schaltung nicht zu kümmern. Zunächst müsst ihr lernen, extrem langsam zu fahren und wie ihr gleichzeitig das Gleichgewicht halten könnt“ klingt es in den Ohren. An einer leicht abschüssigen Strecke setzen die acht Fahrer flugs das eben Gelernte in die Praxis um. Nicht minder unwichtig das Bremsen. Routiniert legt Thomas eine Vollbremsung hin. Körpergewicht voll aufs Hinterrad, blockiertes Hinterrad, fein dosierte Vorderradbremse. Neidische Blicke der Teilnehmer inbegriffen. Doch je länger die Bremsübungen, desto kürzer wird der Bremsweg. Prüfungsziel erreicht. Und schon steht das „Lesen“ des Geländes und der Wegstrecke auf dem gut sechsstündigen Lehrplan.

Zwischen 20 und 60 liegt das Alter der meisten Kursteilnehmer. Selbst mit sechs oder gar 72 Jahren kann man sich fürs Geländefahren auf dem Fahrrad begeistern, wissen die Ausbilder zu berichten. Eine Trennung gibt es nicht. Ob Mann oder Frau, in den Einsteigerkursen können beiderlei Geschlechter an ihren individuellen Fahrstilen feilen. Parallel dazu organisiert Bikeride zusätzlich auch spezielle Kurse für Frauen. In einem meiner Kurse befand sich ein Pärchen, er ein begeisterter Mountainbikefahrer, sie ist lediglich mitgekommen erinnert sich Thomas. „Das Training hatte ihr dann doch so viel Spaß gemacht, dass sie am Ende des Tages sogar besser war als ihr Partner…“

Ein Finger an den Bremsen

Ein Finger an den Bremsen

Spätestens vor der Mittagspause sind auch für Außenstehende die ersten Erfolge sichtbar. Jetzt geht es schon mit 40 Stundenkilometer den Berg hinunter und dem Buffet entgegen. In gebührendem Abstand wird noch ein Ehepaar umrundet, und schon geht’s wieder den steilen, holprigen Abhang runter. Sicherheitshalber hatte der Ehemann beim Vorbeifahren noch seinen kleinen Dackel hochgehoben und fest an seine Brust gedrückt. Wer von den beiden einen ängstlicheren Blick hatte? Nun, angesichts der Kürze des Augenblicks, war es nicht mehr herauszufinden. Notwendig wäre es jedenfalls nicht gewesen, schließlich steht eine sichere Bergabfahrt mit dem Tagesprogramm der Fahrschul-Klasse.

Informationen

Seit 1999 bildet Schuldirektor Manfred Stromberg gemeinsam mit seinem Team begeisterte Mountainbiker an mehreren Schulstandorten im gesamten Bundesgebiet aus. Wer die längere Anreise ins Ruhrgebiet scheut, kann sich ebenso in Hamburg-Harburg in die Feinheiten des Mountainbikings einführen lassen. Es werden jeweils die Basic-Kurse 1 und 2 angeboten, auf Anfrage auch Basic-Kurs Nr. 3. Die Kurse dauern wahlweise ein oder zwei Tage.

Ebenso bietet bikeride Kurse für Frauen sowie spezielle Kurse für Kinder an. Neben Tageslehrgängen sind auch mehrtägige Kurse und nationale wie internationale Fahrten im Angebot.

Der Basic-1-Kurs für Kinder dauert ungefähr nur halb so lange, wie sein Pendant für Erwachsene – etwa drei Stunden – und vermittelt auf spielerische Weise Fahrsicherheit und Fahrspaß auf besonders angelegten Strecken. Wie im Grundkurs für erwachsene Fahrer dreht sich alles um die korrekte Position auf dem Fahrrad, das richtige Bremsen und das sichere Fahren im hügeligen Gelände.

Weitere Informationen, Preise, Buchungsmodalitäten und die genauen Termine für die einzelnen Kurse und Touren gibt es auf der Homepage von Bikeride, www.bikeride.de.

Adresse: bikeride Mountainbikeschule, Schloß Steinhausen, Auf Steinhausen 28, 58452 Witten, Telefon, 03679 727337, E-Mail: info@bikeride.de.

© Text und Fotos: Helge Holz


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