Einsteigen bitte!

1. Oktober 2017 | Von | Kategorie: Die Reportage

Am 8. Oktober 2017 findet zum 17. Mal der „Verkehrshistorische Tag“ in Hamburg statt. Dann zeigt der Hamburger Nahverkehr, welche Oldies er auf Schiene, Straße und Wasser zu bieten hat.

von Dagmar Krappe (Text/Fotos) und Axel Baumann (Fotos)

Einsteigen bitte! Verkehrshistorischer Tag in Hamburg

Alsterdampfer St. Georg auf der Binnenalster vor dem Hotel Vier Jahreszeiten

Einmal im Jahr rattert, quietscht, trötet und dampft es mit nostalgischem Charme auf Schienen, Straßen, Alster und Elbe. Dann lassen fünf Vereine ihre alten Schätzchen, die einst im Hamburger Nahverkehr unterwegs waren, gemeinsam einen Tag lang durch die Hansestadt kreuzen. „Zum 125. Geburtstag des Dampfschiffs „St. Georg“ wurde der „Verkehrshistorische Tag“ im Jahr 2001 ins Leben gerufen“, erzählt Matthias Kruse, Vorsitzender des 1988 gegründeten Vereins „Alsterdampfschiffahrt“, der für die Hauptorganisation der Veranstaltung verantwortlich ist. Zwischen dem ältesten und jüngsten beteiligten Fahrzeug liegen rund 110 Jahre. „Dampfschiff „St. Georg“ von 1876 ist ein richtiger Oldie, aber auch Omnibus Daimler-Benz O 305 von 1984 darf sich schon Oldtimer nennen“, meint Kruse. Der Clou des „Verkehrshistorischen Tags“ ist, dass man durch zahlreiche Umsteigepunkte die Möglichkeit hat, unterschiedliche S- und U-Bahnen, Busse und Schiffe zwischen Billstedt, Blankenese und Barmbek zu kombinieren.

Verkehrshistorischer Tag Hamburg

vier historische U-Bahn-Triebwagen auf der ehemaligen Ringlinie (heute Linie U3)

Die Reise durch die vergangenen Jahrzehnte beginnt am U-Bahnhof Barmbek. Hier warten zusammengekuppelt vier historische Triebwagen, die alle bis 1970 im Einsatz waren. Der gelb-grün lackierte Waggon mit der Nummer 11 ist der älteste noch betriebsfähige U-Bahnwagen Deutschlands. Er ging 1912 auf die Schiene. Nur acht Jahre jünger ist das Fahrzeug mit der Nummer 220. Erst knapp 70 Jahre alt ist der beige-rote TU1. Beim „Silberling“ TU2 aus Nirosta-Stahl handelt sich um einen um 1960 modernisierten Waggon Baujahr 1929. 1912 wurde die Ringlinie (die heutige U3) zwischen Barmbek und Rathausmarkt in Betrieb genommen. Aktuell teilen sich vier U-Bahnen das etwa 100 Kilometer lange Streckennetz. Die U4 ist seit 2012 die neueste Trasse in die HafenCity.

Verkehrshistorischer Tag Hamburg

ehemalige HADAG-Fähre DES „Bergedorf“ im Museumshafen Oevelgönne

Auf der Ringlinie zuckelt der Nostalgiezug Richtung Hauptbahnhof. Hinter der Haltestelle Rathaus gleitet er aus der dunklen Röhre ans Tageslicht. Linksseitig sind nun die besten Plätze mit Ausblick auf die roten Backsteingebäude der Speicherstadt und die imposante Elbphilharmonie. Barkassen, Fähren, Raddampfer ziehen durchs Hafenbecken. Zwischen ihnen lässt die Sonne goldene Sterne auf dem Fluss tanzen. Ausstieg an den Landungsbrücken. An Brücke 1 dümpelt DES „Bergedorf“. Ab 1955 war sie mit 25 weiteren Schiffen als HADAG-Fähre auf der Elbe unterwegs. Längst hat sie als schwimmendes Café im Museumshafen Oevelgönne ihren „Altersruheplatz“ gefunden. Für kurze Sonderfahrten wagt sie sich aber immer noch auf den großen Strom. Heute nimmt die „Bergedorf“ Kurs auf Blankenese und Wedel-Schulau. Hamburgs Wahrzeichen „Michel“ (Sankt Michaelis Kirche) und das weiß leuchtende Hotel „Hafen Hamburg“ oberhalb des Anfang des 20. Jahrhunderts aus Tuffstein erbauten Abfertigungsgebäudes der Landungsbrücken verschwinden im Mittagsdunst. Auf der Backbordseite recken sich unzählige Container-Ladekrane in den Himmel. Am Anleger Teufelsbrück wartet bereits der nächste Oldtimer, ein roter Magirus-Deutz-Reisebus aus dem Jahr 1962. Er bringt einige Schiffspassagiere, die bereits hier die Fahrt beenden, zum S-Bahnhof Altona.

Verkehrshistorischer Tag Hamburg

Fahrtenleiter Tino Schuster vor Traditionszug 470 128 des Vereins „Historische S-Bahn Hamburg“

„Stadtrundfahrt“ signalisiert die Anzeigetafel auf Gleis 1. Im nächsten Moment trötet es, als kündige sich eine Dampflok an. Genauso klingt die Hupe, die Triebwagenführer Michael Rodler ertönen lässt, als er mit drei beige-blauen Waggons der „Historischen S-Bahn“ in den Bahnhof einrollt. 1969 erblickte der Traditionszug mit der Baureihennummer 470 128, das Licht der Hamburger Schienenwelt und blieb über 30 Jahre lang unverwüstlich. „Ende 1907 fuhr die erste elektrische Wechselstrom-Stadt- und Vorortbahn zwischen Blankenese und Altona und kurz darauf bis Ohlsdorf. Die damalige Trasse verläuft größtenteils heute noch so und wird von der Linie S11 befahren“, berichtet Fahrtenleiter Tino Schuster: „Zunächst wurden hin und wieder noch Dampfvorortzüge eingesetzt, da die Elektrotechnik noch nicht ganz ausgereift war. Ab 1939 stellte man nach Berliner Vorbild auf Gleichstrom um. Dafür wurde seitlich des Gleises eine Stromschiene errichtet. Somit entfielen die Oberleitungen, Tunnel konnten eine niedrigere Deckenhöhe haben.“ Durch Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und Kriegsschäden dauerte es allerdings noch 15 Jahre, bis der Wechselstrombetrieb endgültig ein- und auf 1.200 Volt Gleichstrom umgestellt werden konnte.

Verkehrshistorischer Tag Hamburg

Lokführer Michael Rodler steuert den Traditionszug-S-Bahnzug 470 128 über Hamburgs Gleichstromnetz

Ungefähr 145 Kilometer beträgt das Streckennetz der heutigen vier Haupt- und zwei Verstärker-S-Bahnlinien. Die rund 30 neuesten Kilometer von Neugraben bis Stade werden von Zweistrom-Fahrzeugen betrieben. Ein Dachstromabnehmer entnimmt aus der Oberleitung Wechselstrom, der mittels eines Transformators in Gleichstrom umgewandelt wird. Auf dem Netz der Gleichstrom-S-Bahn und in den Tunnelstrecken wird der Stromabnehmer im Dach versenkt. Die Fahrt des Museumszugs muss deshalb in Neugraben enden. „Wenn ich groß bin, werde ich Lokführer.“ Ein häufig geäußerter Kindheitswunsch. Doch für die meisten stellt das Leben irgendwann andere Weichen. Für Michael Rodler hat sich dieser Traum erfüllt. Seit über 25 Jahren ist er mit Leib und Seele Lokführer bei der Deutschen Bahn. „Die S-Bahn Hamburg GmbH ist ein Tochterunternehmen der DB“, erklärt Rodler: „Ihr gehören die S-Bahnen. Der Verein „Historische S-Bahn Hamburg“, der rund 120 Mitglieder zählt, gründete sich 1999, um sich für den Erhalt und Betrieb alter S-Bahn-Wagen einzusetzen.“ Der Verein ist Betreiber zweier Traditionszüge, dem beige-blauen 470 128 und dem blauen ET/MT 171 082 von 1955, der derzeit auf seine Hauptuntersuchung wartet.

Verkehrshistorischer Tag Hamburg

Landungsbrücken – Am „Verkehrshistorischen Tag“ lässt sich die Hansestadt mit unterschiedlichen Traditionsfahrzeugen entdecken

Durch den City-Tunnel, der über knapp sechs Kilometer den Bahnhof Altona mit dem Hauptbahnhof verbindet, rauscht der 470 128 zum Jungfernstieg. Hier trötet das älteste betriebsfähig erhaltene Fahrzeug des Hamburger Nahverkehrs. 63 Jahre lang war der ölgefeuerte Dampfer „St. Georg“ im Liniendienst zwischen Jungfernstieg, Barmbek, Mühlenkamp und Winterhuder Fährhaus eingesetzt. Sein ursprünglicher Name lautete „Falke“. Nach dem Krieg wechselte er über Umwege von der Hansestadt in die Hauptstadt Berlin. Der Verein „Alsterdampfschiffahrt“ kaufte ihn schließlich zurück. Seit 1994 dreht das Schiff wieder mit einer 2-Zylinder-Dampfmaschine seine Runden in der Hansestadt. „St. Georg“ nimmt Fahrt auf Richtung Lombardsbrücke, die die Binnen- mit der Außenalster verbindet. Ein Blick zurück garantiert den schönsten Blick auf Hamburgs Innenstadt-Panorama. Der krönende Abschluss eines verkehrshistorischen Tages.

Informationen

Der nächste „Verkehrshistorische Tag“ in Hamburg findet am 8. Oktober 2017 statt. Nähere Informationen: Tel. 040 792 25 99, www.verkehrshistorischer-tag.de

Der Verein Historische S-Bahn Hamburg e.V. bietet mehrmals im Jahr unterschiedliche Fahrten über das Gleichstromnetz an: www.historische-s-bahn.hamburg

Das Fahrtenprogramm des Vereins Alsterdampfschiffahrt e.V. befindet sich unter www.alsterdampfer.de

Allgemeine Informationen über Hamburg gibt es bei
Hamburg Tourismus
Tel. 040 300 51 701
www.hamburg-tourismus.de

© Dagmar Krappe (Text + 3 Fotos), Axel Baumann (3 Fotos)

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