Einundzwanzig, zweiundzwanzig, …

29. Juli 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Erholung für Naturfreunde: Zum Schäfchen zählen in die Lüneburger Heide

Vorsichtig öffnet Schäfer Günther Beuße das große Tor des Schafstalls im Höpen bei Schneverdingen. 140 kleine, schwarz-gelockte Lämmer kommen herausgeschossen und laufen zu den aufgestellten, schmalen Trögen. Zerkrümeltes Brot ist darin, ihr Kraftfutter. Die Lämmer sind zwischen zwei und drei Monate alt. 170 ausgewachsene graue, gehörnte Muttertiere warten bereits im Gatter hinter dem Gebäude auf ihren Austrieb. „13 Herden gibt es noch in der Lüneburger Heide“, erzählt Beuße. Seit 1968 ist er Hüteschäfer. Aus Tradition. Auch sein Vater war es. Beide waren viele Jahre bei einer Schäferei angestellt. 1980 machte Beuße sich selbständig.

Das typische Postkartenmotiv mit Lodenmantel, breitkrempigem Hut und langem Handstock (Schäferschippe) stellt Günther Beuße nicht dar. „Die Schäferschippe habe ich zu oft als „Touristensouvenir“ liegen lassen. Das wurde mir irgendwann zu teuer“, verrät er. Über der traditionellen Schäferweste trägt er eine bequeme Lederjacke, die gegen Wind und Regen schützt: „Die 52 Knöpfe der Weste symbolisieren, dass die Tiere 52 Wochen im Jahr draußen gehütet und nicht aufgestallt werden.“

In Deutschland gibt es 32 Schafrassen. „Die Heidschnucke ist eine der kleinsten“, erklärt der Schäfer, während die Tiere um die Wette blöken: „Sie stammt vom Mufflon ab, dem Bergschaf Korsikas und Sardiniens.“

Der Austrieb beginnt täglich um elf Uhr. Die Rückkehr in den Stall erfolgt gegen 18 Uhr. „Zur Heideblütezeit im August und September stehen manchmal mehr Zuschauer als Schafe vor dem Stall“, meint Beuße. Nur mal kurz eine Herde Heidschnucken knipsen, das ist Susanne und Michael aus Essen und Axel aus Hamburg nicht genug. Sie wollen die Arbeit des Schäfers einen Tag lang hautnah erleben. Es ist Juni. Eine Jahreszeit, zu der die Besenheide, die Calluna vulgaris, noch nicht blüht, aber dafür die Landschaft auch nicht von Touristen überlaufen ist.

Nach 20 Minuten haben die Jungtiere das meiste Brot verzehrt. Die beiden Border Collies Max und Leica treiben die Herde zusammen. Zu den rund 300 Schafen gesellen sich noch acht Ziegen. Die Führung übernimmt Esel Pinta. „Ein Hobby meiner damaligen Frau“, so Beuße: „Sie wollte vor 25 Jahren einen Esel haben. Nun führt er Tag für Tag die Herde an.“

Durch einen Tunnel unterqueren die Schnucken eine Bahnlinie. Da streiken fünf Jungtiere. Ihnen gefällt es auf dem Bahndamm. Während Max und Leica die Herde zusammen halten, versuchen Günther Beuße und seine Schäfergehilfen die Widerspenstigen Richtung Tunnel zu treiben. Beim zweiten Versuch gelingt es.

Zahm ist die Herde. Susanne kann gar nicht genug davon bekommen, die Tiere immer wieder zu kraulen. „Ende Mai wurden sie geschoren“, so der Schäfer. Er macht es selbst. Pro Schaf dauert die Schur drei Minuten. Obwohl sie sich weich anfühlt, ist die Wolle unbrauchbar. „Es entstehen sogar noch Kosten für die Entsorgung auf der Deponie. Im Gegensatz zu australischer und neuseeländischer Wolle ist sie zu hart und zu filzig“, berichtet Beuße: „Auch die Aufbereitung als Isoliermaterial ist heute zu teuer.“

Die Heide ist keine Ur-, sondern eine Kulturlandschaft. Sie entstand durch Raubbau des Menschen. Im Mittelalter wurden große Mengen Holz zum Schiffbau und zum Heizen der Salzsiedepfannen in der Lüneburger Saline benötigt. Auf den Kahlschlägen entwickelte sich die Heide.

„Heidschnuckenhaltung ist in Deutschland nicht mehr rentabel. Aber ohne die Tiere gäbe es auch keine offenen Heideflächen mehr, da der Wald die Flächen zurückerobern würde“, erklärt der Schäfer. Im Sommer fressen die Schnucken Gras und verbeißen die unerwünschten Baumschösslinge. Besonders die der Birke. Im Winter ernähren sie sich von den Heidepflanzen und sorgen so dafür, dass diese im nächsten Jahr wieder neu austreiben und blühen.

Wer stundenlang durch die Heide wandert und den Tieren beim emsigen Fressen zuschaut, bekommt Hunger. Zwischen zwei Wachholderbüschen hat der Schäfer ein blauweiß-kariertes Tischtuch ausgebreitet. In dessen Mitte stellt er einen hölzernen Schlachtertrog mit belegten Broten und allerlei anderen Köstlichkeiten. Der Renner ist in Wachholder geräucherter Heidschnuckenschinken aus eigener Zucht. Susanne zögert. Sie denkt an die kleinen Lämmer, die sie eben noch gestreichelt hat. Doch Günther Beuße ermuntert sie: „Schafe sind nicht nur zum Anschauen da. Männliche Tiere sind nach acht Monaten schlachtreif. Davon lebt der Schäfer.“

Irgendwann sind Mensch und Schnucken satt und ziehen weiter. Sie kommen am künstlich angelegten Heidegarten Höpen vorbei. 75 verschiedene Heidesorten und 80.000 Pflanzen gibt es hier. Irgendeine Sorte blüht immer. An den Heidegarten grenzt ein für die Gastronomie umgebauter Schafstall. Dort finden im Frühjahr Schafschurvorführungen und während der Saison Schäferabende rund um die Heidschnucke statt. Von weitem grüßt der Wilseder Berg. Mit 169 Metern ist er die höchste Erhebung der Lüneburger Heide. An seinem Fuß liegt das 40-Seelen-Heidedorf Wilsede. Es ist nur per Kutsche, per Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen. Unter hohen Eichen und Buchen versteckt, stehen Reetdach-Fachwerkhäuser. Das Heidemuseum „Dat Ole Huus“ vermittelt einen Einblick in das Leben auf einem Heidehof um 1850.

Je näher sie dem vertrauten Schafstall kommen, desto schneller fangen die Heidschnucken an zu rennen. Für die drei Schäfergehilfen geht ein erlebnisreicher Tag mit viel frischer Luft zu Ende. Für den Fall, dass jemand trotzdem nicht einschlafen kann, hat der Schäfer noch ein altes Rezept parat: „Schäfchen zählen“. Hilft nach diesem Tag garantiert.

Informationen

Lage:
Die Lüneburger Heide liegt im Städtedreieck Bremen, Hamburg und Hannover, begrenzt durch die Flüsse Weser, Elbe und Aller. Sie ist kein geschlossenes Gebiet, sondern unterteilt sich in viele größere und kleinere Flächen. Die größte zusammenhängende Heidefläche Westeuropas mit circa 230 Quadratkilometern ist der Naturschutzpark Lüneburger Heide rund um den Wilseder Berg zwischen Undeloh, Bispingen und Schneverdingen. Dazu kommen einzelne Heideflächen in den Regionen Lüneburg und Soltau–Bad Fallingbostel. Die zweitgrößte Fläche bildet der Naturpark Südheide im Raum Celle. Weitere Heideflächen befinden sich nahe der Städte Verden, Gifhorn und Uelzen.

beste Reisezeit:
Mai bis Oktober
Heideblüte: Anfang/Mitte August bis Mitte/Ende September

Anfahrt:
Autobahn A1 Richtung Bremen bis Abfahrt Rade, B3 Richtung Soltau, hinter Welle auf die L 171 nach Schneverdingen oder
Autobahn A7 Richtung Hannover bis Abfahrt Bispingen, L170 nach Schneverdingen

Pauschalen:

„Unter Schafen – Schnucken gucken“
2 Nächte ab 112 Euro pro Person im DZ (Pension), ab 159 Euro pro Peron im DZ (Hotel), inklusive „Ein Tag mit dem Schäfer“ und Heidepicknick

oder nur „Ein Tag mit dem Schäfer“ und Heidepicknick: 29 Euro

Schneverdingen Touristik
Rathauspassage 18
29640 Schneverdingen
Tel. 05193 938 00
Fax 05193 938 90
www.erlebniswelt-lueneburger-heide.de
www.naturpark-lueneburger-heide.de
www.lueneburger-heide.de

weitere Attraktionen:

Heideblütenfestwoche Schneverdingen mit Wahl der Heidekönigin:
28.08. – 31.08.2014

Schafschurvorführungen
Schäferabende mit Heidschnuckenspezialitäten
Leistungshüten der Heideschäfer
Heide-Kutschfahrten
Ganzjährig blühender Heidegarten Höpen

Heidemuseum Wilsede „Dat ole Huus“
Öffnungszeiten: Mai bis Oktober täglich von 10 bis 16 Uhr
Eintrittspreis: 3 Euro pro Person, Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre frei

© Text: Dagmar Krappe, Fotos: Axel Baumann/Dagmar Krappe

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