Grenzenlose Freiheit über den Wolken

7. Mai 2012 | Von | Kategorie: Die Reportage, Hamburg, Niedersachsen

Was Gräfin Freisicht und Graf Aeronauticus im Weidenkorb erlebten – eine Ballonfahrt vor den Toren Hamburgs

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Wovon Liedermacher Reinhard Mey seit vielen Jahren schwärmt, das wollen acht mutige „Luftikusse“ an diesem Frühlingsabend nacherleben, allerdings nicht wie besungen im Flugzeug, sondern im Heißluftballon.

Startvorbereitungen

Pünktlich um neunzehn Uhr rollt ein Landrover mit der Aufschrift „Ballonfahrten“ und einem riesigen Weidenkorb auf dem Anhänger in Richtung Startplatz, einer Wiese im Norden der Lüneburger Heide. Tagsüber herrscht meist permanente Thermik. Dies sind durch Sonneneinstrahlung verursachte aufwärtsgerichtete Warmluftbewegungen. Sie sind gut für Segelflieger, aber nicht für Ballonfahrten. Deshalb starten Heißluftballons entweder morgens kurz vor Sonnenaufgang oder abends zwei bis drei Stunden vor Sonnenuntergang.

Bevor die Fahrt beginnt, muss erst einmal gearbeitet werden. Pilot Axel verteilt Aufgaben und Arbeitshandschuhe unter den Passagieren. Eine Ballonfahrt ist nicht gerade preiswert, aber es gibt auch genügend Anlässe, sich dieses Erlebnis schenken zu lassen. Katja bekam einen Gutschein zum 30. Geburtstag. Genau wie Werner. Nur bei ihm war es bereits der 75., wie beide beim gemeinsamen Ausrollen der endlos erscheinenden Ballonhülle feststellen.

Aufblasen der Ballonhüllen

Unterdessen schieben Beate und Holger zwei Gebläsemaschinen ans untere Ende der rot-blauen Ballonhülle. Sie gönnen sich die Fahrt zum zehnten Hochzeitstag. Nach circa 30 Minuten enthält die Hülle ausreichend Luft. Der Korb wird auf die Seite gedreht und eingehängt. Der Brenner erhitzt die Luft in der Hülle, bis sie warm genug ist und der Ballon sich langsam aufrichtet. Jetzt muss alles schnell gehen. Acht aufgeregte, angehende  Ballonfahrer steigen in den Korb. Drei-, viermal zischt der Brenner, dann heißt es „Leinen los“. Die Bodencrew löst das Halteseil.

Ballons kurz vor dem Start

„Glück ab und gut Land“, ruft der Pilot. Es ist der Gruß der Ballonfahrer. Nichts rüttelt oder schaukelt. Vor den Toren Hamburgs hebt sich der Ballon ganz sanft vom Boden – begleitet von applaudierenden Angehörigen und Zuschauern. Noch ist offen, wohin die Reise geht: Näher an die Stadtgrenze heran oder weiter hinaus ins flache Land. Der Wind kommt heute aus Nordwest und treibt den Ballon auf die „Heidehauptstadt“ Lüneburg zu. In einigen Vorgärten brutzeln Steaks und Würstchen auf dem Grill. Aufgeschreckt vom Geräusch des Brenners schauen die hungrigen „Erdlinge“ nach oben und winken. Ein Häusermeer norddeutscher Backsteingotik glitzert in der Abendsonne. Das mittelalterliche Rathaus, der historische Wasserturm, die Kirchtürme von St. Johannis, St. Michaelis und St. Nikolai werden schnell kleiner. Die Kameras klicken. Erste Luftbildaufnahmen sind im Kasten.

Ballonführer Axel hält ständigen Funkkontakt zum Begleitfahrzeug und auch zu anderen Ballonpiloten, die dem abendlichen Himmel entgegen schweben. Wie ein Regenwurm schlängelt sich die Ilmenau zwischen Feldern und Wiesen hindurch. Es sind ihre letzten Kilometer, bevor sie die Elbe erreicht. Ein Kuckuck ruft. Straßen und Bahnschienen wirken wie eine Modellanlage, auf der sich Spielzeugautos überholen und ein ICE in Richtung Hamburg-Hauptbahnhof dahingleitet. Immer höher steigt der Ballon auf seiner Fahrt zum Logenplatz am Himmel. 2.400 Meter sind erreicht: Kein Laut, nur ab und zu durchbricht das Geräusch „schschsch“ des Brenners die Stille. „Es ist nicht mit dem Gefühl in einem Flugzeug über den Wolken zu fliegen zu vergleichen,“ meint Holger: „Dort ist der Passagier durch eine Scheibe getrennt. Hier ist es Natur pur.“ Wolken wie Wattebäusche zum Anfassen nah und doch unerreichbar.

Glück ab und gut Land!

Langsam geht der Ballon wieder tiefer. Manchmal scheint er still zu stehen. Zehn weiße Windkrafträder heben sich in der Ferne vom dunkler werdenden Horizont ab.. Wie Stecknadeln mit grünen Köpfen wirken die Bäume aus der Vogelperspektive. Saftig grüne Wiesen und braune Äcker wechseln sich mit weithin leuchtenden gelben Rapsfeldern ab. Leider sind die Heideflächen im Frühling noch nicht lila, sondern braun. Vier Rehe äsen auf einer Lichtung. Die Sonne verabschiedet sich im Westen als roter Feuerball. Im Osten legt sich langsam die Dunkelheit wie eine Bettdecke über die Landschaft.

Zwei Dörfer tauchen auf. Hunde bellen. Das Leben auf der Erde kommt wieder näher. Höhe 300 Meter: Die Stunde in luftiger Höhe nähert sich dem Ende. Ungefähr 20 Kilometer weit hat es der Ballon geschafft. Noch wenige Meter. „Festhalten und in die Hocke gehen“, ruft der Pilot. Mit einem harten Schlag setzt der Korb auf. Die Ballonhülle bleibt noch einige Zeit in der Luft stehen, bis sie sich langsam auf einer mit Disteln übersäten Wiese zu Boden neigt. Nacheinander klettern die Insassen aus dem Korb.

Die erste Heißluftballonfahrt mit Tieren als Korbinsassen geht auf das Jahr 1783 in Frankreich zurück. Zwei Monate später gelang den beiden Brüdern Joseph und Etienne Montgolfier mit zwei Adligen die erste bemannte Heißluftballonfahrt über Paris. Deshalb wird auch heute noch jeder Passagier nach der Landung durch die traditionelle Ballontaufe geadelt.

Alle Teilnehmer hocken in einer Reihe im Gras. Die Zeremonie beginnt. Mit einem Feuerzeug entflammt der Pilot bei jedem Fahrgast eine Haarsträhne und löscht „das Feuer“ mit Sekt. Katja wird zur „Gräfin Freisicht im Weidenkorb über den Wolken“, Werner zum „Graf Aeronauticus zur Distelwiese“ ernannt. Sie erhalten ihren Taufbrief und sind somit in den Adelsstand der Ballonfahrer erhoben.

Im Begleitfahrzeug geht es zurück zum Ausgangspunkt, wo die geparkten Autos warten. Alle sind sich einig: 60 Minuten lang „war die Freiheit grenzenlos“.

Information:

Dauer einer Ballonfahrt vom Aufrüsten bis zur Rückkehr zum Startplatz
4 – 5 Stunden

Startzeiten
Hauptsaison: Mitte April bis Ende Oktober. Aufgrund der Thermik frühmorgens oder abends. Einige Anbieter fahren ganzjährig. 

Kleidung
Kleidungsmäßig entspricht eine Ballonfahrt einer Bergwanderung zur gleichen Jahreszeit: Knöchelumspannendes, festes Schuhwerk mit flacher Sohle, Jacke und Hose, die auch schmutzig werden dürfen, Kopfbedeckung gegen die Wärme des Brenners. 

Alter der Teilnehmer
Eine Altersbeschränkung für Teilnehmer gibt es nicht. Jeder, der sich gesundheitlich fit fühlt, kann mitfahren. Kinder sollten zwölf Jahre und mindestens 130 Zentimeter groß sein, um über die Korbbrüstung hinwegschauen zu können. 

Anbieter von Heißluftballonfahrten in ganz Deutschland unter:
www.ballonfahrten.de

Veranstaltungskalender des Deutschen Freiballonsport-Verbands für Großereignisse mit Heißluftballonen, Gasballonen, Luftschiffen, etc.:www.dfsv.de

Heißluftballon-Unternehmen, die Fahrten über Hamburg und im Hamburger Umland anbieten:

A.O. Ballonreisen
Tel. 04181 39097
www.ballonreisen.de

Hanseballon
Tel.04187 7899
www.hanseballon.de

Aero Ballooning Company
Tel. 040 20004741
www.aeroballooning.de

Balloon Adventure Hamburg
Tel. 040 87007608
www.balloon-adventure.de

Ballonteam Hamburg
Tel. 040 232512
www.ballonteamhamburg.de

Ballonwerbung Hamburg GmbH
Tel. 040 7901750
www.flieg-mit-mir.de

© Text und Fotos: Dagmar Krappe

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