Hallig Langeneß: Zwischenlandung im Wattenmeer – Das große Fressen

16. Februar 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Schleswig-Holstein

Elke Sturmhoebel (Text und Fotos)

Da hilft nichts: Mit dem Sommerfahrplan kommen die Rinder auf die saftgen Fennen der Halligen, um sich schlachtreif zu fressen. Mit großen Augen glotzen die Schwarzbunten über den Rand des Viehtransporters auf das wogende Meer und wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Schon wieder sprüht die Gischt über die Reling der Fähre MS Hilligenlei. „Almauftrieb“ nennen die Halligleute dieses Verfahren, wenn das Pensionsvieh Anfang Mai zur Sommerfrische anreist.

Nur wenige Touristen verlassen in Langeneß das Schiff. Auf der Überfahrt von Schlüttsiel nach Amrum sind die meisten bereits in Hooge hängen geblieben. Der Fahrradverleih am Anleger fordert Neuankömmlinge zur Selbstbedienung auf.

Es ist noch gar nicht sommerlich auf Langeneß. Wolkenschatten hasten in Windeseile über die Weiden. Böen pusten in den dicken Pelz der Schafe. Die Lämmer drängen sich schutzsuchend an den Bauch der Mutter. Am Himmel formieren sich riesige Schwärme von Knutts und Säbelschnäblern zu schnell schwenkenden Wolken. Im Windschatten der Warfen landen Ringelgänse. Rrott-rrott vermelden sie und tauchen den Schnabel ins dichte Gras.

Der Wind treibt die wenigen Gäste in Inkes Café auf der Ketelswarf. Pharisäer sei das beste bei diesem Wetter, meint die Wirtin. Dazu empfiehlt sie ihren selbstgebackenen Pflaumenkuchen. Das kleine Café ist das gemütlichste, allerdings auch das einzige Halligcafé. Gleich nebenan geben zwei reetgedeckte Friesenhäuser Einblick in alte Halligkultur: Im Gertsen-Haus aus dem Jahre 1725 wohnte noch bis vor einigen Jahren die Nichte des Kapitän Boy Petersen, der dreißig Mal mit dem Fünfmast-Vollschiff „Preußen“ um Kap Horn segelte. Eine Ausstellung im Haus dokumentiert diese Abenteuer. Noch prächtiger ist das Kapitän-Tadsen-Museum ausgestattet. Das Gebäude wurde 1825 nach einer schweren Sturmflut auf den alten Grundmauern wieder errichtet. Der Eigentümer, der auf einem holländischen Handelsschiff fuhr, brachte aus Delft handbemalte Kacheln mit. 1600 Wandfliesen schmücken daher den Pesel, die gute Stube, und das Gedöns, das Wohnzimmer für jeden Tag. Viel Schnickschnack steht darin, „um den Besuchern zu zeigen, was man hat“, erzählt Renate Boysen vom Tourismusbüro. Bei dem Rundgang macht sie beiläufig auf das Eierbrett in der Speisekammer aufmerksam. Es hat unterschiedlich große Kuhlen für alle möglichen Vogeleier. In früheren Zeiten besorgten sich die Halligbewohner ihre Frühstückseier eben nicht im Kaufmannsladen, sondern direkt beim Erzeuger. Der nächste Morgen soll eines Besseren belehren. In aller Frühe macht sich jemand in Gummistiefeln vom Acker und legt behutsam fünf große gesprenkelte Eier in den Fahrradkorb. Auf der Weide brütet eine Kolonie Silbermöwen.

Über Nacht hat sich der Wind gelegt. Die Sonne scheint vom Himmel, der jetzt aussieht wie frisch gewaschen. Ein vielstimmiger Vogelchor erfüllt die jodhaltige Luft. Kiibik, Kluit, Kie-witt, Tü-ip, tirrr, nutt, rrott-rrott und andere Laute sind zu hören. Dazwischen das klagende Geschrei der Möwen. Unzählige Brut- und Rastvögel bevölkern im Frühjahr die Halligen und bedienen sich auf den Weiden und im Watt vom reich gedeckten Tisch. Auffallend dieser Tage die Ringelgans. Besondere Kennzeichen: Weißer Halsring, weißer Bürzel und dunkler Bauch. Von Mitte März bis Mitte Mai braucht man nicht lange nach ihr zu fahnden. Bis zu 50 000 Vögel machen auf ihrem Weg in die arktischen Brutgebiete eine Zwischenlandung auf den Halligen. Bei Anflug im Wattenmeer haben die Ringelgänse nur eines im Sinn: Fressen, fressen, fressen. Wenigstens zwanzig Prozent ihres Gewichts müssen sie zulegen, um die 4000 km lange Weiterreise zur nordsibirischen Halbinsel Taimyr zu überstehen.

Für Naturschützer ist die Geschichte der Ringelgans eine Erfolgsstory. In den 50er Jahren noch vom Aussterben bedroht, hat sich der Bestand der Wildgänse durch Jagdverbot und anderer internationaler Schutzmaßnahmen auf etwa 250 000 Exemplare stabilisiert. Bauern indes sind über den Kahlschlag auf den Fennen nicht erfreut. Auch die Kotwürstchen, die Ringelgänse auf Schritt und Tritt hinterlassen, sind ihnen ein Dorn im Auge. „Früher wurde nur geschimpft auf die verfressenen Vögel“, sagt Boy-Peter Andresen, ehemaliger Bürgermeister von Langeneß. Doch seitdem die Ringelgans als Lockvogel vermarktet werde und Touristen kämen, würden die Vögel mehr und mehr akzeptiert. Die meisten Halligbauern vermieten auch Ferienwohnungen und da kommt ihnen ein früherer Saisonstart gerade recht.

Auf Hooge finden sich auch die meisten Tagestouristen ein. Langeneß, mit 18 Warften und 120 Bewohnern die größte Hallig, ist weitläufiger und für eine Stippvisite weniger attraktiv. Die touristische Infrastruktur beschränkt sich auf eine Gaststätte beim Anleger, einen Kaufmannsladen am anderen Ende der 10 km langen Straße und Inkes Café auf halber Strecke. Zu den Ringelganstagen werden geführte Wattwanderungen, Salzwiesen- und ornithologische Exkursionen mit Ringelgansgeschichten und auch eine Ringelgans-Rallye veranstaltet.

Die Ringelgänse indes stehen nicht so gern im Rampenlicht. Die scheuen Vögel fühlen sich beim Fressen schnell gestört, fliegen auf und verlieren dabei die nötige Energie für den Weiterflug. Zum Leidwesen der Vogelschützer empfinden die Ringelgänse die ökologisch korrekten Fußgänger als Feinde. Auch Radfahrer werden nur akzeptiert, wenn sie in die Pedale treten und schnell das Weite suchen. Autos hingegen betrachten die Ringelgänse scheinbar als Inventar des Futtertrogs – die Vögel nehmen sie gar nicht zur Kenntnis.

Am besten beobachtet man die Ringelgänse durch Ferngläser, außerhalb ihrer Fluchtdistanz. Der Zivi von der Schutzstation Wattenmeer ist mit einer kleinen Besucherschar unterwegs. Brütende Kiebitze, Sandregenpfeifer und Rotschenkel hat er im Spektiv gesichtet. Auch Austernfischer, die durch die Salzwiesen staksen. Gerade ist wieder ein Trupp Ringelgänse gelandet. Friedlich geht es aber gar nicht zu in der Gänseschar. Einige Ganter recken zornig die Hälse und fauchen sich an. Um ein schönes Weibchen geht es bei den Scheingefechten nicht, sondern einzig und allein darum, wer mit dem Fressen beginnen darf. Ringelgänse würden ein regelrechtes Wiesenmanagement betreiben, erklärt der kundige Begleiter. Ist die Weide abgefressen, kommen die Feinschmecker nach vier Tagen zurück, um sich nun über die nachgewachsenen Sprossen herzumachen. Über das Andelgras, den Rotschwingel und die leckeren Suden.

Für dieses Ungemach erhalten die Landwirte seit 1987 Ausgleichszahlungen aus dem Halligprogramm des schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministeriums. Doch eine Gans, die goldene Eier legt, ist die Ringelgans noch lange nicht. Maximal 80 Euro Gänsegeld gibt es pro Hektar. „Der tatsächliche Schaden liegt aber bei 250-300 Euro“, sagt Frerk Johannsen, Milchbauer auf der Hankenswarf. Manchmal müsse im Mai mit Heu gefüttert werden, damit das Vieh nicht verhungert.

Gerade ist wieder ein Viehtransport mit der Fähre gekommen. Ein Trecker übernimmt den Anhänger, um die Fracht auf die Weide zu befördern. Die Ringelgänse fühlen sich durch die Kühe aber nicht gestört. Sie sind anderweitig beschäftigt. Schon bald werden sie den Flug in die Arktis antreten. Bis dahin haben sie sich ein so dickes Bäuchlein angefressen, dass sie Mühe haben abzuheben.

Informationen

Die 18. Ringelganstage auf den Halligen finden vom 18. April bis 03. Mai 2015 statt:
Detailliertes Programm und Pauschalangebote unter: www.ringelganstage.de

Anreise
Vom Fährhafen Schlüttsiel mit dem Schiff der Wyker Dampfschiffs-Reederei. Dauer der Überfahrt nach Langeneß 1 Stunde, 45 Minuten: www.faehre.de

Auskunft
Tourismusbüro der Halligen Langeneß und Oland, Ketelswarf 1, 25863 Hallig Langeneß, Telefon: 04684 217, Fax: 04684 289, E-Mail: info@langeness.de, www.langeness.de

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