Herz ist Trumpf im Alten Land

1. September 2012 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Von Mitte August bis Ende Oktober dreht sich im größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Deutschlands alles um den Apfel

Äpfelbäume im Alten Land

Sie leuchten in der Sonne: rot, rotgrün und grüngelb. Sie heißen Jonagold, Jamba, Elstar, Cox Orange, Boskoop oder Astramel. Und sie warten alle nur auf das Eine: in den nächsten Wochen gepflückt zu werden.

„Auf 16 Hektar bauen wir 20 verschiedene Apfelsorten an. Von saftig-süß bis herb-säuerlich“, berichtet Obstbauer Hein Lühs: „Dazu kommen noch zwei Hektar Kirsch- und einige Birnen- und Pflaumenbäume.“ Er ist einer von etwa eintausend Obstbauern im Alten Land. Wer sich nur auf die Vermarktung der Früchte durch die Vertriebsgesellschaft Elbe-Obst verlässt, der ist zu stark von Angebot und Nachfrage abhängig. Aus diesem Grunde setzen viele Bauern zusätzlich auf Direktvermarktung durch Hofläden oder auf Wochenmärkten, stiegen in den Tourismus und in die Gastronomie ein.

Langsam tuckert ein betagter Traktor durch die Baumreihen und bringt neue Kisten für die 20 Erntehelfer, die bereits mit der Pflückung der Frühsorte Jamba begonnen haben. Da nicht alle Äpfel an einem Baum gleichzeitig reifen, suchen sie nur die reifsten Früchte nach Größe und Farbe aus. Auffällig sind die niedrigen Bäume. „Kleinwüchsige Bäume stecken ihre Kraft nicht in Wurzeln und Äste, sondern bilden schneller Früchte“, erklärt Lühs: „Ab dem dritten Jahr liefert ein Baum ungefähr 15 Kilogramm Äpfel. 15 Jahre lang.“ Insgesamt produzieren die Obstbauern im Alten Land über 300.000 Tonnen Äpfel pro Saison. Jeder vierte Apfel, der in Deutschland verzehrt wird, stammt aus dieser Region.

Motiväpfel am Baum

Ein paar Reihen weiter, sind flinke Hände damit beschäftigt, lichtundurchlässige Kunststoffschablonen auf Äpfel zu kleben. Schon vor über 30 Jahren entdeckte Familie Lühs eine Marktnische: „Wir begannen damit, Motiväpfel zu entwickeln. Dort wo aufgrund der Folie kein Licht an die Apfelschale kommt, bildet sich keine Farbe.“ Und so prangen im Hofladen rotbackige Äpfel mit verschiedenen Mustern wie Herzen, Tannenbäumen, Sternschnuppen oder lachenden Gesichtern. „200 unterschiedliche Motive haben wir im Angebot. Wer rechtzeitig bestellt, kann auch sein Firmenlogo am Baum wachsen lassen. Es hingen sogar schon zwei verschiedene Parteien an einem Zweig“, meint Lühs. Wer den Bestelltermin verpasst hat, dem kann trotzdem noch geholfen werden. Mit modernster Lasertechnik werden Farbpigmente aus der Schale des Apfels ausgeblichen, so dass Bilder und Schriftzüge entstehen. „Sogar Heiratsanträge in Apfelform gingen bereits über den Ladentisch.“ Seit einigen Jahren kann man seinen Antrag auch gleich bei einem Picknick oder Rundgang im Herzapfelgarten machen. Über 250 alte und neue Apfelsorten rahmen als Hochstammbäume den „Schalen-“ und den „Herzrundweg“. Quiz- und Hinweistafeln informieren rund um die süßsaure Frucht.

Bauernhaus mit Brauttür

„Woher stammt der Name „Altes Land“?“ Diese Frage bekommt Gästeführer Dieter Schilling oft gestellt. In Altländer Tracht mit Zylinder steht er auf der Hogendiekbrücke in Steinkirchen. Die Brücke am Lühedeich erinnert an Holland. „Ist auch gar nicht so verkehrt“, weiß Schilling: „Anfang des 12. Jahrhunderts schloss der Erzbischof von Bremen mit dem holländischen Priester „Henricus“ einen Vertrag über die Besiedelung der Marschen.“ In mehreren Generationen machten die holländischen Siedler das Land bewohnbar. „Schließlich gab es das „Alte Land“, das schon urbar gemacht war, und das „Neue Land“, das noch kultiviert werden musste. Irgendwann konnte die gesamte Region bewirtschaftet werden. Das „Neue Land“ gab es somit nicht mehr. Der Name „Altes Land“ blieb übrig“, erläutert Schilling. Heute erstreckt es sich auf einer Länge von 30 Kilometern südlich der Elbe zwischen Stade, Buxtehude und Hamburg-Finkenwerder.

Fachwerkkirche St. Marien in Grünendeich

Wer die Region erwandert, per Rad oder Auto erkundet, trifft in allen Orten auf rote Backsteinhäuser mit weiß gestrichenen Balken und Reetdächern. Viele tragen verzierte Giebel. Einige sind mit kunstvoll geschnitzten Brauttüren versehen. „Altländer Bauernhäuser sind Zeugnisse der Barockzeit. Die meisten entstanden zwischen 1645 und 1780“, so Schilling. Zu den Höfen gelangte der Besucher über hohe, weiße Prunkpforten. Etwa 20 dieser Tore gibt es heute noch. Eine weitere Besonderheit sind die markanten Fachwerkkirchen. Aufgrund des schweren Marschbodens steht der aus Holz errichtete Turm abgetrennt neben dem Kirchenschiff. Die St. Marien-Kirche aus dem 17. Jahrhundert in Grünendeich ist die älteste der zehn Kirchen. Das Zentrum der Region ist Jork. Hier informiert das Museum „Altes Land“ ausführlich über die Siedlungsgeschichte und den Obstbau.

im Alten Land gibt es Herzäpfel am Baum

Wer statt der Apfelernte lieber die Blütezeit erleben möchte, der hat im nächsten Frühjahr Gelegenheit dazu. Alle Jahre wieder – von Mitte April bis Ende Mai – hüllt sich das Alte Land in ein weiß-rosa Gewand. Zunächst sprießen die Kirsch-, wenig später die Apfel-, Birnen- und Zwetschgenblüten. Und sogar zu dieser Jahreszeit muss niemand auf den Biss in einen knackigen Apfel verzichten. „Kistenweise lagern wir monatelang das Obst in Kühlhäusern ein. Je nach Apfelsorte bei 1 bis 4 Grad Celsius“, erzählt Hein Lühs: „Durch niedrigen Sauerstoffgehalt im Raum verfallen die Äpfel in eine Art Winterschlaf. Dadurch bleiben ihre Inhaltsstoffe erhalten.“ Auch wenn im Frühjahr das Tannenbaummotiv ausverkauft sein dürfte, einen Altländer Herzapfel gibt es garantiert noch.

Weiterführende Informationen

Lage:
Südlich der Elbe zwischen Stade, Buxtehude und Hamburg-Finkenwerder

 

Touristikzentrale Altes Land
Osterjork 12
21635 Jork
Tel.: 04162-914755
Fax: 04162-203713
E-Mail: info@mein-altes-land.de
www.tourismus-altesland.de
www.mein-altes-land.de

Jährlich wiederkehrende Veranstaltungen:

September bis November: Altländer Apfeltage
Zweites September-Wochenende: Tag des offenen Hofes
In allen Orten Veranstaltungen mit Informationen rund um den Apfel, Kulinarischem und vielen Attraktionen für Kinder.

Erstes Mai-Wochenende: Blütenfest in Jork mit Wahl der Blütenkönigin und Festumzug in Altländer Trachten: www.altlaender-bluetenfest.de

Juni/Juli: Altländer Kirschenwoche / Altländer Kirschmarkt

Nach Anmeldung bieten verschiedene Betriebe ganzjährig Obsthofführungen mit Obstproben an.

Herzäpfel und Äpfel mit anderen Motiven gibt es beim 

Herzapfelhof Lühs
Osterjork 102
21635 Jork
Tel. 04162-254820-0
www.herzapfelhof.de
Eine Auswahl an Angeboten rund um den Apfel:
Zweistündige Herzapfelhofführung inkl. Beköstigung
Picknick im Herzapfelgarten
Apfelselbstpflücke und einstündige Hofführung
Kostproben „Äpfel der Saison“ – eine Stunde Informationen über den Herzapfelhof und Verkostung leckerer Äpfel
Apfelbaumpatenschaften

Altländer Gästeführungen
Westerjork 49 (Museum Altes Land)
21635 Jork
Tel. 04162-1333
www.altlaender-gaestefuehrungen.de
April bis Oktober, sonntags um 11 Uhr öffentliche, kostenlose Führungen in wechselnden Orten. Dauer 1,5 Stunden.

Öffnungszeiten des Museums Altes Land:
April – Oktober: Di – So 11 – 17 Uhr; November – März: Mi, Sa, So 13 – 16 Uhr 

© Text: Dagmar Krappe, Fotos: Axel Baumann/Dagmar Krappe

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