Im Wattwagen nach Hamburg

14. Januar 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Hamburg

Die traditionellste Art Hamburgs Stadtteil Neuwerk mitten im Nationalpark Wattenmeer zu erreichen, ist die mit dem Wattwagen

Jan Brütt stellt die Leiter an. Anders ist es auch nicht möglich, die 120 Zentimeter hohe Kutsche zu besteigen. Denn diese Kutschen müssen durchs Wasser. Und wenn die Priele tief sind, reicht es den Pferden so manches Mal bis zum Bauch.

Sechs gelbe Kutschen mit der Aufschrift „Wattenpost“ stehen vor dem alten Bauernhaus hinter der Duhner Strandpromenade. Nach und nach füllen sie sich mit Tagesausflüglern, die vom niedersächsischen Nordseeheilbad Cuxhaven aus die Insel Neuwerk kennen lernen möchten.

Mit der Wattenpost nach Neuwerk

„Wir befördern bereits in der sechsten Generation die Post von Cuxhaven nach Neuwerk“, erzählt Jan Brütt: „Im Jahr 1880 nahm unsere Familie diesen Dienst auf.“ Damals brachte Peter Brütt jede Woche hoch zu Ross einen Postsack vom Festland zur Insel. Fünf Jahre später spannte Sohn Christian zwei Pferde vor einen Ackerwagen. „Das war die Geburtsstunde des Wattwagens, wie er bis heute erhalten geblieben ist“, sagt Jan Brütt: “Nur dass er jetzt hauptsächlich Urlauber transportiert.“ Während der Sommermonate fährt ein Zusteller mit dem Ausflugsschiff M.S. Flipper, das vom Anleger „Alte Liebe“ ablegt, mit nach Neuwerk und verteilt dort die Post. „Aber von Oktober bis April kommt sie nach wie vor mit der Kutsche“, so Jan Brütt: „Zweimal pro Woche – montags und donnerstags.“

Das erste gelbe Vehikel setzt sich in Bewegung. Kutscher Wilfried Möller schließt mit seinem Wagen und acht Gästen auf. Ein kurzes Stück zuckeln die beiden Pferde am Strand entlang. Dann geht es hinein in die Nordsee. Der Weg nach Neuwerk ist 13 Kilometer lang und mit Buschbaken gekennzeichnet. Ebbe und Flut bestimmen die Abfahrtzeit, weshalb sie sich täglich ändert.

Die Silhouette Cuxhavens verschwindet langsam im Dunst. Richtung Osten ziehen Schiffe wie auf einer Kette aufgereiht auf dem Weltschifffahrtsweg vorbei. Frachter, Container- und Kreuzfahrtschiffe auf ihrer Fahrt von der Nordsee in die Elbe Richtung Hamburger Hafen und umgekehrt. 60.000 im Jahr sollen es sein.

Ein paar kreischende Möwen begleiten den Kutschen-Konvoi noch eine Weile. Doch bald ist nur noch das Traben der Pferde auf dem schlammigen Untergrund zu hören. Windig ist es auf dem Meer. Die Lippen beginnen das Salz der Nordsee zu schmecken. Endlich reißt die Wolkendecke auf. Ein paar wärmende Sonnenstrahlen tun jetzt gut. Die Kutschen überholen die ersten Wattwanderer. Und ab und zu überholen sie sich selbst. „Nur ein Hauptfahrer darf die Kolonne anführen. Er muss sich mit den Gezeiten auskennen“, erklärt Wilfried Möller: „Man fängt als Beifahrer an und darf zunächst nur innerhalb der Kolonne mitfahren.“

Zwei Trecker mit Anhängern, die Lebensmittel für die 40 Einwohner und für einige der 120.000 Touristen, die die Insel pro Jahr besuchen, gebracht haben, tuckern entgegen. Nachdem sich der Seenebel verzogen hat, taucht der Anfang des 14. Jahrhunderts erbaute Neuwerker Leuchtturm am Horizont auf. Er ist das älteste noch erhaltene Gebäude Hamburgs. „Hamburg Hauptbahnhof Endstation“, ruft Willi Möller, als die Kutsche an der mit Gras bewachsenen Rampe hält. Nach eineinhalbstündiger Fahrt ist die Freie und Hansestadt Hamburg erreicht, wie auf dem roten Schild am Ortseingang zu lesen ist. Obwohl 130 Kilometer vom Hamburger Rathaus entfernt, ist Neuwerk zusammen mit den Nachbarinseln Scharhörn und Nigehörn ein Stadtteil der Hansestadt.

Heute parken zwölf Kutschen unterhalb des Leuchtturms. Im Hochsommer können es an die 40 sein. Neuwerk ist übersichtlich. Da es nur eine Stunde Aufenthalt gibt, verteilen sich die Ankömmlinge schnell. Einige eilen in eines der Restaurants wie „Turmschänke“, „Zum Anker“ oder „Altes Fischerhaus“, um einen Neuwerker Eiergrog zu probieren und sich damit für die Rückfahrt aufzuwärmen. Andere schauen beim Inselkaufmann Lange vorbei und decken sich dort mit Fischbrötchen und Postkarten ein. Wer die drei Quadratkilometer große Insel nicht auf dem Hauptdeich umrunden, sondern nur von oben betrachten will, dem empfiehlt Wilfried Möller, die 138 Stufen bis zur Aussichtsplattform des Leuchtturms zu erklimmen. Von hier oben scheinen die Containerschiffe am Horizont nicht länger als ein Streichholz zu sein.

Umfangreiche Informationen über die Insel, das Wattenmeer und seine Tier- und Pflanzenwelt liefert das 2004 eröffnete Nationalpark-Haus. Besonders nach Stürmen findet man versteinertes Harz im Neuwerker Watt. Im Haus Bernstein gibt es eine große Ausstellung zu diesem Thema. Die Galerie Brinkmann lockt den Kunstliebhaber. Und schließlich gibt es noch den „Friedhof der Namenlosen“. „Hier wurden alle Seefahrer bestattet, die von der Flut in früheren Tagen an Neuwerks Ufer geschwemmt wurden“, meint der Wattwagenführer.

Eine Stunde Aufenthalt ist viel zu wenig. Wer Natur und Ruhe genießen und seltene Vögel vom Kampfläufer über den Spitzschwanz-Strandläufer bis zur Zitronenstelze beobachten möchte, wird wieder kommen. Dann mit Koffer und Fernglas. Oder er verpasst einfach die Kutsche und bleibt gleich da.

Information:
Anreise nach Cuxhaven
mit der Bahn bis Bahnhof Cuxhaven

mit dem PKW: A7 Richtung Hannover/Hamburg bis Abfahrt Heimfeld, B73 bis Cuxhaven, dort den Hinweisschildern „Helgoland/Fährhafen“ und „Alte Liebe“ folgen (Weiterfahrt per Schiff) oder bis Kreisel Cuxhaven, Richtung Kurgebiete / Duhnen ca. 8 km durch Cuxhaven-Stadtgebiet bis Duhnen Zentrum / Dorfbrunnen

(Weiterfahrt per Wattwagen)
Anreise von Cuxhaven nach Neuwerk
mit dem Schiff
ab Hafen „Alte Liebe“ mit M.S. Flipper, April bis Oktober, Fahrtdauer 90 Minuten
Reederei Cassen Eils GmbH & Co. KG
Bei der Alten Liebe 12
27472 Cuxhaven
Tel. 04721 35082
www.neuwerkreisen.de
www.cassen-eils.de/neuwerk/

mit dem Wattwagen (Voranmeldung erforderlich):
Ausflugsdauer 4 Stunden inkl. 1 Stunde Inselaufenthalt
Einfache Fahrtdauer 90 Minuten

Es gibt zahlreiche Anbieter in und um Cuxhaven und auf Neuwerk.
Auskunft erteilt die Touristinformation Cuxhaven.

Wattenpost Jahn Brütt
Duhner Strandstraße 19
27476 Cuxhaven-Duhnen
Tel. 04721 48139
www.wattenpost.de

Dirk und Silke Fock
Am Flockengrund 21
27476 Cuxhaven-Sahlenburg
Tel. 04721 201093
www.fock-cuxhaven.de

Touristinformation
Nordseeheilbad Cuxhaven GmbH
Cuxhavener Straße 92
27476 Cuxhaven
Tel. 04721 4040
www.cuxhaven.de

© Text und Fotos: Dagmar Krappe

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