Immer am Kanal entlang

19. August 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Nordd. Tiefland

Eine Radtour entlang des Dortmund-Ems-Kanals – ein Naturerlebnis

Man nehme: zwei Großstädte, eine Wasserstraße, etwas Industrie und Romantik sowie eine kräftige Prise Natur – fertig ist eine nicht alltägliche Mischung für eine spannende Radroute entlang des Dortmund-Ems-Kanals.

Wer nicht auf die konventionellen Verkehrsmittel Auto oder Eisenbahn zurückgreifen will, kann seit einigen Jahren auch per Drahtesel an die Nordsee strampeln: Parallel zum Dortmund-Ems-Kanal verlaufen Feld- und Betriebswege vom Ruhrgebiet aus über die gesamte Strecke bis zur Emsmündung.

Sicher, der Weg zum eigentlichen Start der Route ist – bildlich gesprochen – eher ein klein wenig mit Dornen gepflastert: Großstadt-Atmosphäre eben. Gut ausgebaute Straßen werden halt auch von den anderen zwei- und vierrädrigen Vehikeln gerne in Anspruch genommen. Unromantischer könnte der Start in die wohlverdienten Ferien daher eigentlich nicht beginnen. Doch dieser Eindruck täuscht, ist nicht von langer Dauer und der Weg vom Hauptbahnhof in den Dortmunder Norden dauert auch nicht ewig. Wie ein Leuchtturm in der Brandung ist das alte Hafenamt schon von weitem zu sehen. Der rote Backsteinbau weist einem den Weg.

Dass die westfälische Metropole mehr als nur Stahl, Bier und Fußball zu bieten hat, wird am Hafen und Ausgangspunkt des Dortmund-Ems-Kanal schnell deutlich. Aus ganz Europa tummeln sich hier LKWs, haushoch stapeln sich die riesigen Container am Terminal. Der Boden vibriert, wenn große Sattelschlepper vorüber brausen. Auf ungläubiges Staunen der Vorbeiradelnden stoßen Scharen von Petrijüngern, die sich rund um das Hafenbecken breit gemacht haben. Unbeeindruckt vom geschäftigen Treiben im Hafen, der Geräuschkulisse der vorbeifahrenden Autos sitzen sie stoisch an ihre Stammplätzen. Irgendwie ist es kaum vorstellbar, dass in dieser „idyllischen“ Umgebung überhaupt Fische anbeißen wollen.

Doch wenige Minuten später hat sich das Bild grundlegend verändert. Wer die lärmende Ruhrgebietsgroßstadt entnervt hinter sich gelassen hat, wird unvermittelt mit einem pittoresken, ländlichem Flair entschädigt. Grün in allen Schattierungen ist von nun an die dominante Farbe. Kaum zu glauben, dass wir uns hier noch im Ruhrgebiet befinden.

Bereits nach 14 Kilometern ist der erste Höhepunkt der Tour erreicht: das restaurierte Schiffshebewerk in Henrichenburg. Beim Bau des Dortmund-Ems-Kanal 1892 bis 1899 musste in Waltrop Oberwiese ein Höhenunterschied von 14,00 m überwunden werden. Innerhalb von fünf Jahren wurden an Ort und Stelle 2.100 Tonnen Flusseisen für Schwimmer, Trog und Gerüste für den „Schiffs-Fahrstuhl“ verbaut. Das Funktionsprinzip dieses Aufzugs kannte schon Archimedes: Die Auftriebskraft des Wassers. In fünf 33,5 m tiefen Brunnen bewegten sich Schwimmer, die das Gewicht von 3.100 Tonnen von Trog und Schiff im Gleichgewicht hielten. Wurde etwas Wasser aus dem Trog herausgepumpt, hob sich die Wanne samt Schiff auf die obere Etage und umgekehrt. Gerade einmal 150 PS leistete der vorhandene Elektromotor. Schließlich bestand seine einzige Aufgabe darin, den Trog abzubremsen. Etwa eine dreiviertel Stunde dauerte seinerzeit ein Auf- bzw. Abstieg in diesem Hebewerk.

Was bei der Einweihung am 11. August 1899 noch als technische Meisterleistung die Zeitgenossen begeisterte, versank nach seiner Stilllegung 1969 in einen tiefen Dornröschenschlaf. Inzwischen erstrahlt es als technisches Museum wieder in neuem Glanz. Inzwischen zählt selbst das „neue“ Schiffshebewerk schon wieder zum alten Eisen, das nur wenige Schritte entfernt 1962 die Aufgaben seines Vorgängers übernommen hatte. Hier dauerte ein Auf- bzw. Abstieg gerade mal 17 Minuten. „Neu“ ist allerdings relativ, denn trotz der interessanten Technik ist es seit wenigen Jahren selbst überflüssig geworden: Die modernen Schubverbände passten einfach nicht mehr durch dieses Nadelöhr, so dass – quasi als Tribut an die neue Schiffsgeneration – eine moderne Schleusenanlage das Hebewerk-Ensemble ersetzen musste. Bis zum Ziel werden noch zahlreiche Schleusenanlagen die Radler begleiten, schließlich liegt Dortmund 70 Meter höher als Emden.

Auf den folgenden Kilometern zeigt sich dann das Münsterland von seinen schönsten Seiten: Schmucke Alleen säumen den Radweg. Der einzige „Lärm“, der zu hören ist, ist das Vogelgezwitscher. Es wird zum ständigen Begleiter der Pedalritter. Gerade in Lüdinghausen lohnt sich eine kleine Pause. Hier in der Steverstadt befinden sich gleich zwei Burgen vis-à-vis gegenüber: die namensgebende Burg Lüdinghausen und die Burg Vischering. Eindrucksvoll dokumentieren noch heute beide den weltlichen und geistlichen Machtanspruch ihrer damaligen Burgherren. Es ist halt nicht zu übersehen, dass sich hier die 100-Schlösser-Route die Kanal-Tour kreuzen. Wer noch etwas Kraft in den Beinen hat, sollte noch kurz einen Schlenker Stippvisite nach Nordkirchen auf seiner Tagesetappe einplanen. Die sechs Kilometer hin und wieder zurück lohnen sich auf jeden Fall: In Nordkirchen befindet sich über die Grenzen des Münsterlands bekannte das „Westfälische Versailles“. Eine prachtvolle Schlossanlage, die den Vergleich mit dem französischen Vorbild wahrlich nicht scheuen muss.

Gleich im benachbarten Senden ist ein weiterer Zwischenstopp zu empfehlen. Wer richtig Glück hat, und in geraden Jahren am letzten Samstag im August in der Gemeinde ist, auf den wartet dann im Bürgerpark eine besondere Attraktion; ganz Senden ist dann auf den Beinen und verwandelt für einen Abend den idyllischen Park ein farbenprächtiges Lichtermeer. Bei Live-Musik und Tausenden von Kerzen, Lampions zeigen Jongleure und Feuerakrobaten zusammen mit den Münsterländern, was sie unter einer gelungenen Feier verstehen.

Dass der südliche Teil des Dortmund-Ems-Kanals zwischen Datteln und Bevergern nicht nur dem Tourismus dient, lässt der Blick in die Statistik erahnen. Pro Jahr nutzen etwa 23.000 Schiffe diese Wasserstraße und transportieren darüber 13 Millionen Tonnen an Frachtgut. Im nördlichen Bereich, zwischen der Schleuse in Gleesen und Papenburg, schippern ca. 7.100 Güterschiffe mit knapp vier Millionen Tonnen Ladung über den Kanal, nicht zu vergessen die zahlreichen Sportboote und Freizeitkapitäne die ebenfalls die 1899 gebaute Nord-Süd-Verbindung nutzten.

Just im Schatten der Schleuse in Münster befindet sich gleichfalls die „Schaustelle Kanal“. In dieser Ausstellung dokumentiert die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung die Geschichte und Gegenwart des Dortmund-Ems-Kanals. Exemplarisch beleuchtet wird hier ebenso die Bedeutung des Kanals für das westfälische Münster und die Binnenschifffahrt.

Rund 340 Kilometer lang ist die gesamte Verbindung zwischen Dortmund und Norddeich. Wie ein roter Faden weist dabei eine hellblaue Welle mit vier grünen Speichen den Streckenverlauf. Fernab von stark befahrenen Straßen führt der Radweg über ehemaligen Leinpfade und Betriebswege vom Ruhrgebiet aus durch das Münster- und Emsland zur Nordseeküste. Für Abwechslung auf den einzelnen Etappen ist dabei gesorgt: Während im Pott architektonische Zeitzeugen der Industrialisierung der Region ihren Stempel aufdrücken, dominieren im angrenzenden Münsterland malerische Schlösser und Wasserburgen die Szenerie. Wer Lust hat, kann sogar sein Rad gegen ein Kanu eintauschen und diesen Abschnitt auf der Ems fortsetzen oder im Heißluftballon seine Fahrt fortsetzen – vorausgesetzt der Wind bläst in die richtige Richtung…

Natur pur heißt es ebenfalls links und rechts der Ems im niedersächsischen Nordwesten. Wer von derartig viel Grün wider Erwarten die Nase voll hat, kann dann in Papenburg staunend am Emsufer stehen, wenn in Millimeterarbeit ein Ozeanriese aus der Werft rangiert wird. Oder er nutzt gleich die Gelegenheit, an einer Werksführung teilzunehmen. Über die eigentliche Kanalstrecke hinaus führt der Radweg die letzten Kilometer quer durch Ostfriesland bis zur Küste. Malerische Windmühlen, weiß getünchte Klappbrücken über Fehnkanäle kündigen das zum Greifen nahe Ziel der Radwanderung an.

Informationen
Der Dortmund-Ems-Kanal musste erst 100 Jahre alt werden, bevor auch die Radreisenden das Potenzial der nassen Verbindung von Dortmund und Emden erkannt haben. Die Strecke verläuft ohne nennenswerte Steigungen, nicht selten auf ehemaligen Leinpfaden und abseits großer Straßen. Wer möchte, und am eigentlichen Ziel in Emden nur einen Zwischenstopp einlegen will, kann über die Fehnroute weiter bis an die Küste radeln.

Der Streckenverlauf: Dortmund, Datteln, Olfen, Lüdinghausen, Senden, Münster, Ladbergen, Hörstel, Rheine, Lingen, Meppen, Lathen, Dörpen, Rhede, Leer, Emden, (Norden, ostfriesische Inseln). Die Gesamtlänge des Kanals beträgt 223 Kilometer. 15 Staustufen kompensieren dabei die Höhenunterschied von 70 Metern.

An der Münsteraner Schleuse hat die Wasser- und Schifffahrtsdirektion West ein Informationszentrum aufgebaut. Hier gibt es allerlei Informationen rund um den Ausbau der nassen Nord-Süd-Verbindung. (Öffnungszeiten April bis Oktober: Di – Do: 15.00 – 18.00 Uhr, Fr – So + Feiertage: 14.00 – 18.00 Uhr, montags geschlossen). Für Schulklassen sind nach telefonischer Anmeldung beim Wasser- und Schifffahrtsamt in Rheine (Tel 0251 / 23938-1) andere Termine möglich. Adresse: Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine, Schleuse Münster, Dingstiege 2, 48155 Münster, Mail: abz-muenster@wsv.bund.de , Internet: http://www.wsa-rheine.de/service/schaustelle_kanal/index.html

Verkehrsverein Rheine:
Ein Reise-Angebot für eine viertägige Radtour entlang des Dortmund-Ems-Kanals hat beispielsweise der Verkehrsverein Rheine in seinem Repertoire. Adresse: VV Rheine, Bahnhofstraße 14, 48431 Rheine, Tel. 05971 / 80 06 50 Fax: 05971 / 8 00 65 20, Internet: http://www.rheine.de, Mail: verkehrsverein@tourismus.rheine.de.

Emsland Touristik GmbH:
Ordeniederung 1, 49716 Meppen, Tel. 05931 / 44 33 5, Fax. 05931 / 44 34 4, Mail: Emsland-Touristik@t-online.de Internet: http://www.emsland-touristik.de. Auf der Heimatseite von Emsland-Touristik befinden sich ebenfalls aktuelle Meldungen über Baustellen am Kanal.

Service-Center Münsterland:
Hüttruper Heide 71 – 81, 48268 Greven, Tel. 02571 / 94 93 92, Fax 02571 / 94 93 99, Info- und Buchungs-Hotline: 0800 / 93 92 919 (kostenlos aus dem deutschen Festnetz), Internet: http://www.muensterland.com, Mail: touristik@muensterland.com.

Tourist-Information Senden:
Münsterstr. 30, 48308 Senden, Telefon: 02597 / 6 99-114, Fax. 02597 / 6 99-700; Mail: touristinfo@senden-westf.de, Internet: http://www.senden-westf.de.

LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg:
Am Hebewerk 2 45731 Waltrop, Tel. 02363 / 97 07-0. Internet: http://www.schiffshebewerk-henrichenburg.de bzw. http://www.lwl.org/LWL/Kultur/wim/portal/S/henrichenburg/ , mail:  schiffshebewerk@lwl.org,
Öffnungszeiten: Di – So und an Feiertagen: 10:00 bis 18:00, geschlossen: montags (außer an Feiertagen) sowie vom 24.12.2011 bis einschließlich 03.01.2012.

Meyer-Werft, Papenburg:
Ein Besuch der Meyer-Werft in Papenburg ist nur nach vorheriger Anmeldung bei der Papenburg Tourismus GmbH möglich. Etwa 300.000 Besucher nutzen jedes Jahr dieses Angebot, um einen eigenen Blick auf die luxuriösen Kreuzfahrtriesen riskieren zu können. Telefonisch unter 04961/ 83 96-0 oder online über http://www.papenburg-tourismus.de/DE/Reiseangebote/tickets-meyer-werft.php ist die Anmeldung möglich
Adresse: Papenburg Tourismus GmbH, Postfach 17 55, 26857 Papenburg, Tel. 04961 / 83 96 0, Fax. 04961 / 83 96 96, Mail: info@papenburg-tourismus.de, Internet: www.papenburg-tourismus.de.

Für Radtouren im Allgemeinen und für die Route am Dortmund-Ems-Kanal im Besonderen bietet das Land Nordrhein-Westfalen im Internet weiterführende Informationen unter http://radservice.radroutenplaner.nrw.de an.

Allgemeine Informationen rund um den Dortmund-Ems-Kanal gibt es bei den zuständigen Wasser- und Schifffahrtsämtern in Duisburg-Meiderich und Rheine.
Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg-Meiderich
Emmericher Straße 201, 47138 Duisburg
Postfach 12 07 51, 47127 Duisburg
Mail: wsa-duisburg-meiderich@wsv.bund.de
Internet: http://www.wsa-duisburg-meiderich.wsv.de
Schifffahrtsbüro: Tel.: 0203 / 4504-334
Bootsanmeldungen: Tel.: 0203 / 4504-336 (Mo – Do: 09:00 – 12:00 Uhr)

Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine 
Münsterstraße 77, 48431 Rheine
Postfach 22 63, 48412 Rheine
Mail: wsa-rheine@wsv.bund.de
Internet: http://www.wsa-rheine.de
Schifffahrtsbüro: Tel.: 05971/ 916-333 Fax: 05971 / 916-336
Bootsanmeldungen: (Mo – Fr): 08:30 – 12:00 Uhr; (Mo – Do): 13:30 – 15:00 Uhr

© Text und Fotos: Helge Holz
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