Leben wie die Rittersleut‘

1. September 2013 | Von | Kategorie: Die Reportage, Nordd. Tiefland

 Mittelaltermärkte erfreuen sich großer Beliebtheit

mit Pfeil und Bogen durchs Mittelalter

Wie haben die Menschen im Mittelalter gelebt? War das überhaupt so etwas wie ein „Leben“, so ganz ohne Smartphone und weltweiter Rufbereitschaft? Was wäre wenn es uns plötzlich ins Mittelalter verschlagen würde. Könnten und wollten wir überhaupt auf die Annehmlichkeiten einer modernen Zentralheizung, auf Elektrizität oder gar auf fließend Wasser verzichten? Irgendwie doch eine gruselige Vorstellung. Spätestens jetzt ist klar, warum es „finsteres“ Mittelalter heißt…

Trotzdem, der Gedanke hat einen gewissen Charme. Wie würde so ein Leben wohl aussehen? Eine Frage, die sich schnell beantworten lässt, selbst per Internet. Schnell ein paar Begriffe ins Formular der Suchmaschine eingetippt schon sprudeln seitenweise die Termine für diverse Mittelaltermärkte und -veranstaltungen auf den Bildschirm. Die Faszination ist also vorhanden, sich mit der Materie auseinanderzusetzen und mit eigenen Augen in die Welt von Rittern, Hexenmeistern, Burgfräuleins und allerlei fahrendem Volk einzutauchen. Dafür braucht niemand einen Computer.

Mittelaltermärkte erfreuen sich großer Beliebtheit

Wohl dem, der in der Nähe einer Burg oder eines Schlosses lebt. Gerade im Schatten eines dieser historische Gemäuer machen sich derartige Veranstaltungen besonders gut. So könnte es auch vor acht- oder neunhundert Jahren hier ausgesehen haben: Eine Burg, geschützt von einem Wassergraben, rundherum zeltet allerlei fahrendes Volk; Marketender bieten ihre Waren feil. Handwerker demonstrieren vor Ort ihre traditionellen Arbeitsweisen. Gleich nebenan liest die Wahrsagerin aus den Händen wissbegieriger Mitmenschen. Auf der großen Wiese zeigen Gaukler, Tänzerinnen und Rittersleut‘ ihre Künste.

Wären da nicht die vielen Besucher in moderner Kleidung und allesamt mit digitalen Fotoapparaten und Videokameras bewaffnet, der Betrachter könnte meinen, er würde durch das finster Mittelalter wandeln, so perfekt sind oft die Akteure in ihre historischen Rollen eingetaucht. Dabei startete so mancher heute aktive Mitteralt’ler selbst als Besucher die Reise in die Vergangenheit und wechselte dann auf die andere Seite, um an den Wochenende die Leidenschaft zur Historie ausleben zu können. Um einem Vorbild, einem bestimmten Berufsstand näher zu kommen, bedarf es oft einer akribischen Recherche: Bücher wurden gewälzt, Bilder und historische Gegenstände ganz genau untersucht, nur um den Vorbildern gerecht werden zu können.

das Eisen wird geschmiedet

Mehr als 120 dieser Ritter, Landsknechte, Burgfräuleins, Söldner, Marketender samt einer Schar mittelalterlicher Handwerker lassen sich heute an der Burg nieder. Nein, nicht um die schmucke Wasserburg mit aller Macht stürmen zu wollen, sondern vielmehr um den am Mittelalter interessierten Besuchern den Alltag der Vorfahren näher zu bringen. Der Begriff  des „Mittelalters“ ist weit gefasst, erklärt der „Wikinger“, der gemeinsam mit seinen Recken die Vergangenheit wieder aufleben lässt, „Damit wird die Epoche um 600 nach Christus bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts bezeichnet“ ergänzt der Sprecher seiner Gruppe. Also genug Inspiration für ein Dutzend Frauen und Männer, um zwei Tage lang ihre westfälische Vergangenheit gegen fiktive, sächsische Wurzeln eintauschen zu können. Was sie während dieser Zeitreise alles erleben, nun daran lassen sie die Besucher der Ritterlagers teilhaben.

Ganz Neugierige probieren sich selbst an Pfeil und Bogen oder fordern Fortuna an den Ständen mit historischen Glücksspielen heraus. „Eigentlich ist es eher die romantische Fassung der historischen Vorlagen. Mit diesen Vorfahren aus jenen Tagen möchte heute eigentlich niemand von uns tauschen“, verrät insgeheim einer dieser kühnen Recken und fährt fort: „Zweidrittel der Bevölkerung war unterernährt, die Kindersterblichkeit entsprechend hoch. Auf den Kreuzzügen drohte neben der völligen Verarmung nur der Tod. Wer doch in Gefangenschaft geriet, auf den wartete die Sklaverei, auf Frauen ein Platz im Harem eines Potentaten. Reich wurden die wenigsten.“ Ungeachtet dieser heute doch eher unrealistischen Perspektiven tauchen die Teilnehmer trotzdem in diese trübe Vergangenheit ein und verwandeln sich in eine Pilgergruppe um 1230, die auf dem Rückweg aus Jerusalem in die alte Heimat ist. „Echte Personen aus jenen Tagen sollte man nicht kopieren“, rät der Fachmann, „der Aufwand alles so originalgetreu wie möglich machen zu müssen, wäre einfach zu groß“.

Zu viel Mittelalter und Wein machen müde, aber ob es die blauen Socken damals schon gab?

Entsprechend groß sind auch die Vorbereitungen zu diesen Ritterspielen. Mehrmals am Tag greifen die Akteure zu Kettenhemd und Schwert, um ihren Zuschauern die ritterliche Kriegskunst näher zu bringen. Im wahrsten Sinne des Wortes kein leichtes Unterfangen. Allein das Kettenhemd bringt gut und gerne 20 Kilo auf die Waage. Bis zu 20.000 handgeschmiedete Ringe aus Stahl enthält dieses „Kunstwerk“. Noch mehr Muskelkraft ist erforderlich, wenn der kühne Recke in einer kompletten Rüstung seine Gegner aufmischen will. Dann gilt es erst einmal 50 Kilo Eisen in Schwung zu setzen…

Feuerschlucker bei der Arbeit

Was in in jenen dunklen Tagen einst ein Spiel auf Leben und Tod war, ist heute streng choreografiert, verrät der Herold und ergänzt: „ansonsten wäre es für die zwei- und vierbeinigen Akteure einfach zu gefährlich.“ In der Tat, selbst den Hafermotoren scheint es Spaß zu machen, wenn sie mit ihrem Ritter über den Parcours galoppieren und sich miteinander messen. Dabei stehen oft die einzelnen Kampftechniken gar nicht so im Mittelpunkt des Geschehens. Eigens für derartige Wettkämpfe stöbern die Ritterschaften nicht selten in der regionalen Sagenwelt und spielen die Überlieferungen nach. Dann klicken erst recht überall die Kameras.

Selbst im Mittelalter war das „Ritterspielen“ kein billiges Vergnügen. Die Wirtschaftskraft von sieben Dörfern waren notwendig, um einen einzigen Ritter überhaupt ernähren zu können. Mindestens drei Pferde für Turniere, Schaukämpfe und Kriegsdienste benötigte seinerzeit ein kühner Recke, dazu noch Waffen und die entsprechende Blechverpackung samt Packpferden. „Bezogen auf die Gegenwart hätte ein Ritter gut 350.000 Euro für eine komplette Ausrüstung auf den Tisch des Hauses legen müssen“, so die pilgernden Kreuzzügler. Was man aus so einem Vermögen alles machen konnte, zeigen wenige Schritte weiter andere Helden. Mit schweren Schwertern, Dolchen, Äxten, Hellebarden üben sie sich in der mittelalterlichen Kriegskunst.

die schöne Töpferin

Gleich nebenan wagen die Gaukler das Spiel mit den Kräften der Physik. Ohne Frage, sicher hätten sie im Mittelalter gut mit den Größen des Minnesangs konkurrieren können, schließlich lockte Jonglage mit Feuer, Bällen und Keulen auch damals schon das Publikum zur Bühne. Der Kenner weiß: Gerade nach dem Einbruch der Dunkelheit kommt das Spiel mit dem Feuer besonders gut an. Dann kann ein mittelalterliches Spektakel an einer Burg sogar schaurig schön enden: Gänsehaut-Kribbeln ist angesagt, wenn Rittersleute samt Medicus die von der Pest heimgesuchte Bevölkerung auf dem Weg zur Burg „einsammeln“, nur um sie hinterher wieder aus der Stadt herauszubringen.

Informationen

Vom Frühjahr bis in die Weihnachtszeit hinein gibt es zahlreiche Mittelalter-Spektakel. Informationen zum Thema und zu einzelnen Veranstaltungen in Norddeutschland finden sich im Internet. Nachfolgend eine kleine Auswahl:

http://www.mittelalter-server.de

http://www.mittelalter-abc.de

http://www.suendenfrei.de

http://www.spectaculum.de

http://www.ars-westfalica.de

http://www.fogelvrei.de

http://www.schloss-gottorf.de/haithabu

http://www.burgsatzvey.de

http://www.leben-im-mittelalter.net

http://www.carnica-spectaculi.de

© Text und Fotos: Helge Holz

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