lichtsicht 5

1. Januar 2016 | Von | Kategorie: Niedersachsen, Nordd. Tiefland

Damit kann kein Kino mithalten: Bewegte Bilder auf der 312 Meter langen Leinwand in Bad Rothenfelde.

An Selbstbewusstsein mangelt es Peter Weibel jedenfalls nicht: „Die „lichtsicht 5“ ist die größte und schönste Lichtsicht-Biennale!“ Damit hat der Professor und künstlerischer Leiter bereits während der Pressekonferenz die Messlatte sehr hoch angelegt, mit der er das künstlerische Spektakel ankündigen will. Um es kurz zu machen: Er sollte Recht behalten. An Kreativität hat es den Künstlern und Künstlerinnen wahrlich nicht gemangelt, um die gigantischen „Leinwände“ im kleinen niedersächsischen Städtchen Bad Rothenfelde zu bespielen.

Lichtsicht-Biennale Bad Rothenfelde

„lichtsicht 5“ – Robert Wilson „Video Portraits“ (2004 – 2015) © Helge Holz

Der Kurort mag zwar für den Unkundigen als altbacken oder gar muffig gelten – halt etwas für die älteren Semester -, doch wer sich auf die Region einlässt, erkennt schnell wie aufgeschlossen und zukunftsorientiert der Süden des Osnabrücker Landes ist. Hätte sich sonst just hier in der „Provinz“ die modernste aller zeitgenössischen Kunstformen angesiedelt? Seit zehn Jahren findet im Zwei-Jahres-Rhythmus die Projektions-Biennale statt, wo die großen ihrer Zunft ihre Videoprojektionen präsentieren. Was könnte sich besser dazu eignen als eines der größten Gradierwerke auf dem Globus. Und da ist es schon, das Alleinstellungsmerkmal von Bad Rothenfelde. Mit so einem Superlativ können noch nicht einmal die großen Metropolen wie Berlin, Paris oder London konkurrieren. Hinzu kommt der Flair eines schmucken Kurparks.

Lichtsicht Biennale Bad Rothenfelde

„lichtsicht 5“ – Eyal Gever „Water Dance“ (2015) © Helge Holz

Doch bis Anfang Februar 2016 werden das alte wie neue Gradierwerk noch eine weitere Aufgabe erfüllen müssen: Beide dienen dann als Leinwand für die Videoprojektionen. Satte 11.000 Quadratmeter Schwarzdorn dienen als „Spielplatz“ für die Kunstschaffenden. Dazu noch eine Prise Salz und 800 Liter Wasser, die pro Minute die Saline herunter rieseln und fertig ist das Rezept für eine Erfolgsgeschichte.

Bereits im Frühjahr 2015 starteten die ersten Vorbereitungen für die aktuelle Lichtsicht-Biennale. Regelmäßig pendelte der amerikanische Künstler Robert Wilson über den Atlantik, um seine Videoporträts für die 5. Lichtsicht perfekt in Szene zu setzen. Wie gut ihm diese Arbeit gelungen ist, können die Betrachter selbst überprüfen, wenn sie seine 60 Porträts anschauen, die über die Projektionsflächen flimmern. Auf die Generation „Smartphone“ setzt dagegen Holger Förterer. Wer die entsprechende App herunterlädt, kann mit seiner Installation „Feuerwall“, das Gradierwerk in ein Flammenmeer verwandeln und gleichzeitig ausgewählte Bilder von seinem eigenen Smartphone auf den Schwarzdorn projizieren und zuschauen, wie die Fotografie allmählich „verbrennt“. Doch Vorsicht, das Bild ist hinterher auch wirklich von der Festplatte des kleinen Begleiters endgültig verschwunden. „Diese Arbeit hat mit Abschied und Loslassen zu tun. Ich möchte damit die Lust am digitalen Vergessen und am persönlichen Erinnern anregen“, skizziert Holger Förterer den Leitgedanken seiner Arbeit.

LIchtsicht-Biennale Bad Rothenfelde

„lichtsicht 5“ – William Kentridge „More Sweetly Play The Dance“ © Helge Holz

Mit der visuellen Breite der Saline spielt William Kentridge aus Johannesburg. Als Südafrikaner hat er seine Heimat nach Norddeutschland geholt. Fast scherenschnittartig wirken die Prozessionen der afrikanischen Musiker, die er über den Schwarzdorn marschieren lässt. Einblicke in die Hinterhöfe von Melbourne gewährt dagegen Daniel Crooks. Sein HD-Video „A Garden of Parallel Paths“ zeigt das Leben in den kleinen Versorgungswegen der australischen Metropole.

Kollege Computer war für Eyal Gever eine große Unterstützung. Neueste 3D-Simulationstechnik stand dem israelischen Künstler Pate, damit seine kühne Idee Wirklichkeit werden konnte. Er filmte die Tänzerin Sharon Eyal. Diese Aufnahmen projizierte er auf die Wasserfontäne im Kurpark. Das Spektakuläre daran: Wasserfontäne wie Tänzerin bewegen sich synchron zur Musik. Wissenschaftlich nüchtern zeigen sich Ryoji Ikeda und die Künstlerin Rosalie. Während der eine astronomische wie physikalische Phänomene für den kunstinteressierten Betrachter „sichtbar“ macht, bedient sich die Stuttgarterin gleich medizinischen Vorlagen aus der realen Welt: Bewegte Röntgenbilder von Tieren zeigen eindrucksvoll das Zusammenspiel des Skelettes. Zum Mitmachen geeignet sind die Arbeiten der Künstlergruppe „LASACT“ um Alexander Rechenberg, Daniel J. Becker, Michael König, David Murmannn und Adrian Rennertz. Ihre Installation ist interaktiv. Wer sich mit ihrer App in ihr WLAN einloggt, kann via Smartphone die Laserprojektion beeinflussen. Erst wenn mehrere Zuschauer mitmachen, entstehen aus dem digitalen Chaos harmonische Strukturen auf dem Schwarzdorn. Random International setzt ebenfalls auf den Spieltrieb. Wer sich vor die großen Projektoren und Scheinwerfer stellt, wirft einen Schatten. Dieser wird dann mit geometrischen Mustern überlagert.

LIchtsicht 2015 Bad Rothenfelde

„lichtsicht 5“ – Random International „Aspect (white)“ © Helge Holz

Auch die eingesetzte Technik kann sich sehen lassen. Gleich 54 Hochleistungs-Beamer sorgen für den Aha-Effekt an beiden Gradierwerken. Zusätzlich hilft ein Laserprojektor, die künstlerischen Ideen genau umzusetzen. Was gut für die Atemwege ist, gestaltet sich jedoch als Spielverderber für die Technik. Diese virtuelle Kunst hat nicht nur digital ein Verfallsdatum: Die salzhaltige Luft lässt die Technik einfach schneller korrodieren. Die Nordsee mag zwar einen Salzgehalt von 3,5 Prozent haben, hier in Bad Rothenfelde beträgt der Salzgehalt 20 Prozent.

Informationen:

Die „lichtsicht 5“ endet am 7. Februar 2016. Mit Einbruch der Dunkelheit starten die Projektionen. Der Eintritt ist frei. Das Areal ist barrierefrei.

Öffentliche Führungen werden donnerstags, freitags und an den Wochenenden angeboten. Sie dauern zwischen 60 und 75 Minuten. Der Treffpunkt ist der Lichtsicht-Shop vor dem Kurmittelhaus (Frankfurter Str. 3). Gegen ein Pfand lassen sich auch Audio-Guides ausleihen.

  1. Führung: 18:00 Uhr
  2. Führung: 19:30 Uhr

Adresse:

Salinenstraße, 49214 Bad Rothenfelde

Anfahrt: über die A33, Ausfahrt Bad Rothenfelde, dann der Beschilderung „Saline“ folgen
Anreise per Bahn: entweder über Osnabrück oder Bielefeld über den „Haller Willem“ bis Dissen / Bad Rothenfelde

Führungen:

Kur und Touristik Bad Rothenfelde GmbH
Tel. 05424 / 22 18-0
E-Mail: touristinfo@bad-rothenfelde.de
Internet: www.bad-rothenfelde.de
E-Mail: info@lichtsicht-biennale.de
Internet: www.lichtsicht-biennale.de

Lichtsicht Bad Rothenfelde

„lichtsicht 5“ – Eyal Gever „Water Dance“ (2015) © Helge Holz

Auf der Internetseite von Holger Förterer (http://feuerwall.net) finden sich neben den Informationen zur Arbeit des Künstlers auch der Verweis wo die App herunter geladen werden kann. Bedingt durch die Technik ist die App nur für Smartphones vorhanden, die über ein Android-Betriebssystem verfügen. Wer mit den Arbeiten der Gruppe LASACT interagieren will, findet auf der Homepage m.lasact.de die dazu notwendigen Informationen.

 

© Helge Holz (Text und Fotos)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Schlagworte: , , ,

Kommentare sind geschlossen