Lila Zeiten in der „grauen Stadt am Meer“ und Holzschuhklappern in „Klein-Amsterdam“

21. März 2017 | Von | Kategorie: Die Reportage

Ein Stück Holland in Schleswig-Holstein

Theodor Storm beschrieb sie als „graue Stadt am Meer“. Dabei leuchten bereits seit einigen Jahrhunderten jedes Jahr ab Mitte März fünf Millionen wild wachsende Krokusse im Husumer Schlosspark. Für ungefähr drei Wochen breiten sie zwischen knorrigen, alten Bäumen einen lilafarbenen Teppich aus.

„Herzog Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf ließ das Schloss Ende des 16. Jahrhunderts im Stil der niederländischen Renaissance errichten“, erzählt Stadtführer Heinz Mühlenbeck: „Bei den Blumen handelt es sich um den aus Italien stammende Crocus napolitanus, der in ganz Nordeuropa nur in Husum zu finden ist.“ Warum dem so ist, ließ sich nie wirklich klären. „Zwei Legenden haben sich bis heute gehalten“, so der Stadtführer: „Dort wo jetzt das Schloss steht, lebten im 15. Jahrhundert die so genannten „Grauen Mönche“. Der heutige Schlosspark ist ein Teil des ehemaligen Klostergartens. Die Vermutung geht dahin, dass die Mönche begannen, Krokusse anzupflanzen, um aus den getrockneten Narben Safran zu gewinnen. Er sollte zum Färben ihrer Gewänder dienen.“ Eine andere Geschichte besagt, dass es Herzogin Marie Elisabeth war, die im 17. Jahrhundert die Krokusse vor dem Schloss pflanzen ließ. Sie war als Kapazität auf dem Gebiet der Zuckerbäckerei bekannt und benötigte dafür große Mengen des wertvollen Safrans. „Wie auch immer die Krokusse nach Husum kamen, Safran lieferten sie nie. Dieses ist nur durch die Art Crocus sativus möglich und nicht durch Husums Besuchermagnet Crocus napolitanus“, erläutert Heinz Mühlenbeck.

Nur wenige Schritte hinter dem Parkeingang steht die Büste des bekanntesten Einwohners der Stadt, des Rechtsanwalts, Richters und Schriftstellers Theodor Storm. Schon lange ist seine Heimatstadt am Meer nicht mehr grau. Nicht nur die Krokusse, sondern auch die farbenprächtig renovierten Giebelhäuser am Hafen und am Marktplatz verleihen der Stadt ein buntes Gesicht. Das Storm-Haus befindet sich in der Wasserreihe 31. In ihm wohnte der Dichter von 1866 bis 1880. Das Museum ist mit Originalmöbeln und Bildern aus seinem Besitz sowie Dokumenten zu seinen Werken ausgestattet. Hier entstanden über 20 seiner Novellen. Zu besichtigen sind zwölf Räume. Im „Hademarschen-Zimmer“ steht der Schreibtisch, an dem er 1888 seine bekannteste Novelle „Der Schimmelreiter“ schrieb. Zu diesem Zeitpunkt lebte Storm bereits auf seinem Altersruhesitz im 50 Kilometer entfernten Hademarschen, wo er 1888 im Alter von 70 Jahren starb.

Nur zwölf Kilometer südlich von Husum klappern Holzschuhe übers Kopfsteinpflaster von „Klein-Amsterdam“. Stadtführer Karl-Heinz Rottmann hat sich in eine holländische Fantasietracht gehüllt und vermittelt Wissenswertes über seine Heimatstadt. Niederländische Siedler gründeten Friedrichstadt im Jahre 1621 mit künstlich angelegten Wasserwegen. Es waren Remonstranten. Glaubensflüchtlinge, denen Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf, Ehemann der Husumer „Zuckerbäckerin“ Marie-Elisabeth, die Ansiedlung erlaubte. „Es sollte eine Konkurrenzhandelsmetropole zu Hamburg entstehen“, schildert Karl-Heinz Rottmann: „Aber aus dem Vorhaben wurde nichts. Da sie später in ihrer Heimat wieder geduldet wurden, kamen weniger Holländer als erwartet.“ Der sechstägige Kampf um die Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins von Dänemark im Jahre 1850 zerstörte die Remonstranten-Kirche. Vier Jahre später wurde sie wieder aufgebaut und ist in der Prinzessstraße zu besichtigen. „Die Gemeinde hat noch 160 Mitglieder, die bis heute das Vaterunser auf Holländisch beten“, erzählt der Stadtführer. Schon bald nach seiner Gründung gewann Friedrichstadt Bedeutung als „Stadt der Toleranz“. Weitere Glaubensgemeinschaften erhielten das Recht auf freie Religionsausübung. „Noch heute leben hier bei nur 2.500 Einwohnern fünf Religionen nebeneinander: Protestanten, Katholiken, Dänische Lutheraner, Remonstranten und Mennoniten.“

Neun Kaufmannshäuser schmücken die Westseite des Marktplatzes. Häuser mit Treppengiebeln der holländischen Renaissance. Bunte Bilder verzieren die Fronten. „Jedes Haus in Friedrichstadt hatte früher eine Hausmarke. Eine Art Vorläufer der Hausnummern“, so Rottmann: „Eine Brezel mit halb vollem Weinglas zierte die Gaststätte, eine Mühle wies auf das Haus des Müllers hin.“

Die beiden größten Flüsse Schleswig-Holsteins Eider und Treene, die die Stadt südlich und nördlich begrenzen, waren den holländischen Siedlern nicht genug. Sie durchzogen den schachbrettförmig angelegten Ort mit Kanälen. Die Cafés und Restaurants entlang des Mittelburggrabens vermitteln das Gefühl, in einer Seitenstraße des großen Amsterdams zu sein. Auch wenn es im kleinen Friedrichstadt nur 18 Brücken gibt.

Im Fürstenburggraben legt ein weißes Schiff zur Grachtenrundfahrt ab. So erhält der Besucher einen Blick auf Friedrichstadt von der Wasserseite aus. Tretboote und Kanus ziehen vorbei. Von Frühjahr bis Herbst herrscht reges Treiben auf dem Wasser. Wild romantisch ist es dort, wo Bäume und Sträucher in die Kanäle hineinhängen. Auch wenn es dann heißt: „Kopf und Arme einziehen.“ An den grünen Ufern liegen vereinzelnd Ruderboote. „Nicht schlecht“, meint einer der Fahrgäste: „Vor der Haustür steht das Auto. Hinter dem Garten wartet das eigene kleine Boot.“

Information:
Anfahrt: A 23 bis Heide, B 5 Richtung Husum, circa 12 Kilometer vor Husum B 202 nach Friedrichstadt.

Beste Reisezeit: März bis Dezember, Krokusblüte je nach Witterung Anfang März bis Anfang April

Husum Tourist-Information
Historisches Rathaus, Großstr. 27
25813 Husum
Tel. 04841 89870
www.husum-tourismus.de

Angebote:
Krokuspark am „Schloss vor Husum“: Eintritt frei
Lila-Wochenende: „
Krokusblütenfest“ mit Wahl der Krokusblütenkönigin: 18. und 19. März 2017
http://www.husum-tourismus.de/krokusbluetenfest.html

Storm-Haus (Museum)
Wasserreihe 31
25813 Husum
Tel.04841 8038630
www.storm-gesellschaft.de

Tourismusverein Friedrichstadt und Umgebung
Am Markt 9
25840 Friedrichstadt
Tel. 04881 93930
www.friedrichstadt.de

© Text und Fotos: Dagmar Krappe

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Schlagworte: , , , , , , ,

Kommentare sind geschlossen