Oldenburg – Wo Kohlschwestern und Pinkelbrüder zu Hause sind

2. Januar 2016 | Von | Kategorie: Die Reportage

Von November bis Gründonnerstag dreht sich in der niedersächsischen „Kohltourhauptstadt“ alles um die „Oldenburger Palme“

es gibt sogar Achtungsschilder die vor Straßenboßlern warnen

es gibt sogar Achtungsschilder, die vor Straßenboßlern warnen

Wenn es morgens spät hell und abends früh dunkel wird, erster Schnee kahle Bäume bedeckt und eisiger Wind über Wiesen und Felder peitscht, wird vielerorts eine ruhigere Kugel geschoben. Nicht so im niedersächsischen Oldenburg. Dort taut der Norddeutsche bei Frost erst richtig auf. Er bepackt seinen Bollerwagen mit Boßelkugeln, Kraber und Hochprozentigem und geht auf Kohltour. „Was dem Rheinländer der Karneval, sind für den Oldenburger das Boßeln und die Kohlfahrten“, witzelt Gästeführer Bernd Mundeloh: „Nur gibt es während der Tour keine Kamelle, sondern am Ende ein zünftiges Grünkohlessen.“ Dieses besteht aus dem ballaststoff-, mineralstoff- und vitaminreichen krausen Gemüse, Pinkel- und Kochmettwurst, Kasseler, Bauchspeck, Senf, Brat- und Salzkartoffeln. Rund um Oldenburg im Weser-Ems-Gebiet werden jährlich rund 2.000 Tonnen Grünkohl geerntet. Mannshoch kann die „Oldenburger Palme“ werden. Typische Sorten, die auf den Teller kommen, sind „Winnetou“ oder „Grüner Krauser“. Im Botanischen Garten der Carl-von-Ossietzky-Universität wird nicht nur an grünen, sondern auch an rötlichen und schwarzen Blättern geforscht und daran gearbeitet, alte Sorten vor dem Aussterben zu bewahren.

Grünkohl - die Oldenburger Palme

Grünkohl – die Oldenburger Palme

Wer mit dem Auto in der kalten Jahreszeit sonntags in der Gegend unterwegs ist, der mag sich wundern, wenn plötzlich Achtungsschilder am Straßenrand auftauchen, die vor boßelnden Menschen auf öffentlichen Straßen warnen. 40.000 Boßler, die meisten in Vereinen organisiert, gibt es zwischen Leer, Oldenburg und der Nordseeküste. „Als Erfinder der Kohlfahrten für das Bürgertum gilt der 1859 gegründete Oldenburger Turnerbund. Schon im späten 18. Jahrhundert fuhren Adlige und wohlhabende Familien mit Pferdeschlitten zum Grünkohl-Schmaus aufs Land“, weiß der Gästeführer. Statt zu boßeln kann man auch andere amüsante Spielchen während einer Kohltour betreiben, die an lang zurück liegende Kindergeburtstage erinnern. Teebeutelweitwurf, Dosen-Golf, Sackhüpfen, Eierlauf oder Wettstricken sind einige Vorschläge.

Gaesteführer_Bernd Mundeloh erklaert Bosselregeln

Gaesteführer Bernd Mundeloh erklärt Boßelregeln

An diesem trüben Morgen treten zwei Mannschaften mit jeweils sechs Spielern ihre Boßeltour durch die Oldenburger Innenstadt an. Bevor die erste Kugel ins Rollen kommt, hängen sich alle ein Pinnchen um den Hals. Dies ist ein Schnapsglas, an einer Kordel, denn falls die Finger zu klamm werden sollten, muss hin und wieder von innen „eingeheizt“ werden. Auf Parkwegen zwischen den Wallanlagen, dem ehemaligen Peter-Friedrich-Ludwig-Hospital (heute Kulturzentrum) und vielen weiteren klassizistischen Häusern geht es mit dem Bollerwagen quer durch die knapp 160.000 Einwohner zählende Stadt. „Boßeln ist aus dem Klootschießen hervorgegangen“, erklärt Mundeloh: „Kloot bedeutet Kluten oder Klumpen. Über festgefrorene Weiden wurden einst Lehmklumpen geworfen.“ Klootschießen ist ein athletischer, anspruchsvoller Sport. Die bleigefüllte Holzkugel ist wesentlich kleiner als die Gummi-, Holz- oder Eisenkugel, die beim Boßeln zum Einsatz kommt, und man wendet eine andere Wurftechnik an. Eine Hobby-Boßelkugel besteht aus Gummi, hat einen Durchmesser von 10,5 Zentimetern und wiegt rund ein Kilo. Ziel des Spiels ist es, die Kugel mit möglichst wenigen Würfen über eine festgelegte Route zu befördern. Gewinner ist die Mannschaft, die die längste Strecke mit den wenigsten Würfen zurücklegt. Auch der Kraber – ein Besenstil mit Fangkorb, um Kugeln aus Blumenbeeten, Gebüsch oder Gewässern herauszufischen – kommt an diesem Morgen mehrmals zum Einsatz, denn um eine Kurve zu boßeln, stellt sich als nicht so einfach heraus.. Eine Kugel verschwindet schließlich auf Nimmerwiedersehen im Flüsschen Haaren.

nach einer Kohlfahrt gibt es deftiges Grünkohlessen

nach einer Kohlfahrt gibt es deftiges Grünkohlessen

Nebenbei erfahren die Hobbyboßler auch die Superlative der drittgrößten Stadt Niedersachsens. So war die Haarenstrasse mit ihren vielen kleinen Einzelhandelsgeschäften und Seitengassen 1967 die erste flächendeckende Fußgängerzone Deutschlands. Großherzog Peter Friedrich Ludwig gründete 1786 die erste Sparkasse der Welt, die heute noch als Landessparkasse zu Oldenburg existiert. Sieben Jahre später rief er das erste Lehrerseminar als Vorläufer der Pädagogischen Hochschule ins Leben. Die mit ihren fünf Türmen für Norddeutschland ungewöhnliche neogotische Hallenkirche St. Lamberti beherbergt in ihrem Innern eine klassizistische Rotunde. Auch Berge oder Hügel muss niemand beim Boßeln in Oldenburg überwinden. Die höchste Stelle der Innenstadt befindet sich gerade mal 7,30 Meter über dem Meeresspiegel.

Stolz waren die Oldenburger auf ihren Grünkohl schon immer. 1956 luden sie Bundespräsident Theodor Heuss zum „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“ ein. Doch er konnte nicht kommen. Also fuhren die Stadtväter nach Bonn und richteten dort das Essen aus. Seit 1998 wird in Berlin aufgetischt. Rund 200 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur strömen einmal im Winter in die Niedersächsische Landesvertretung. Auch hier wird wie bei jeder Kohltour ein Kohlkönig gekürt. Dieser hat normalerweise die nächste Kohlfahrt zu organisieren. Der politische Kohlkönig muss im Laufe seiner Amtszeit mindestens einen Besuch in der Grünkohlhauptstadt absolvieren. Dies geschieht meistens zur Eröffnung des Volksfestes „Kramermarkt“ Ende September.

Metzger Helge Ehlers-Monse stellt Pinkel her

Metzger Helge Ehlers-Monse stellt Pinkel her

Nach so viel Grünzeug bleibt die Frage, wie kam die Pinkelwurst zu ihrem Namen? Fleischer Helge Ehlers-Monse weiß die Antwort: „Die Wurst ist recht fett. Sie enthält Speck, Bauchfleisch, Hafergrütze, Zwiebeln und Gewürze im Schweinedarm. Das genaue Rezept ist natürlich geheim. Die Würste werden warm geräuchert. Irgendwann fängt das Fett an zu tropfen – zu „pinkeln“.“ 4.000 Stück produziert Monse während der Saison pro Woche in der Metzgerei. „Man isst die Wurst entweder in Scheiben geschnitten oder kratzt sie aus dem Darm heraus.“

im Café Klinge in Oldenburg gibt es Grünkohl-Pralinen

im Café Klinge in Oldenburg gibt es Grünkohl-Pralinen

Als Alternative zum traditionellen Grünkohlessen oder einem deftigen Eintopf gibt es inzwischen auch weniger kalorienreiche Gerichte wie Grünkohlsalat mit Granatapfel und Roter Bete, Grünkohl-Frühlingsrolle oder –Lasagne, Lachsfilet auf Grünkohlgemüse. Konditormeister Christian Klinge stand der Sinn eher nach etwas Süßem. Also holte er den Mixer raus und vermischte Butter, Zucker, Sahne und weiße Schokolade mit dem grünen Kohl. Überzog die Masse mit Zartbitter- und Vollmilchschokolade und dekorierte die Grünkohlpraline mit rosa Pfeffer.

Da Oldenburg eine Universitätsstadt ist, können Kohlschwestern und Pinkelbrüder an der Grünkohl-Akademie (www.gruenkohl-akademie.de) ein Diplom erlangen, wenn sie über entsprechendes Wissen und Humor verfügen. Nicht nur Grünkohl und Pinkel, auch Bildung geht in der „Kohltourhauptstadt“ durch den Magen.

Informationen

im niedersächsischen Oldenburg dominiert der Klassizismus

im niedersächsischen Oldenburg dominiert der Klassizismus

Oldenburg Tourismus Marketing GmbH
Schlossplatz 16
26122 Oldenburg
Tel. 0441 36161366
E-Mail: info@oldenburg-tourist.de
www.oldenburg-tourist.de
Viel Wissenswertes über Grünkohl unter:
www.kohltourhauptstadt.de
www.gruenkohl-akademie.de

Tipps für Oldenburg
City-Boßeln – eine sportliche Stadtführung durch Oldenburg
Dauer 1,5 Stunden, Preis: 9 Euro pro Person (nächste Termine: 02.01., 06.02. und 05.03.2016), 79 Euro für Gruppen (Termine nach Vereinbarung), Anmeldung bei der Touristinfo Oldenburg, Tel. 0441 36161366, E-Mail: stadtfuehrungen@oldenburg-tourist.de

Oldenburger Schloss – Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte – Schlossplatz 1, 26122 Oldenburg, www.landesmuseum-oldenburg.niedersachsen.de

Theater Laboratorium mit Theater-Café
Privates Figurentheater mit 182 Plätzen in der
1. Turnhalle des Oldenburger Turnerbundes (OTB) von 1869
Kleine Str. 8
26121 Oldenburg
Tel. 0441 16464
www.theater-laboratorium.org

Übernachten
altera Hotel
Herbartgang 23
26122 Oldenburg
Tel. 0441 219080
E-Mail: oldenburg@altera-hotels.de
www.altera-hotels.de
4-Sterne-Designhotel in der Innenstadt (Fußgängerzone), Restaurant: 1 Haube Gault Millau, Weinbar mit Bistro

Hotel Wieting
Damm 29
26135 Oldenburg
Tel. 0441 92400
E-Mail: info@hotel-wieting.de
www.hotel-wieting.de
3-Sterne-Superior-Hotel. Ruhige Lage. 300 Meter vom Schloss und Zentrum entfernt. Modern eingerichtete, große Zimmer – Business-Stil. Abend-Restaurant mit einheimischer und internationaler Küche.

Hotel Hermes
Ankerstr. 19
26122 Oldenburg
Tel. 0441 77939100
E-Mail: oldenburg@hermes-hotels.de
www.hermes-hotel-oldenburg.de
3-Sterne-All-inclusive-Frühstückshotel. Nähe Hauptbahnhof, wenige Gehminuten zur Innenstadt.

Restaurants mit Grünkohl-Spezialitäten
Bümmersteder Krug
Sandkruger Str. 180
26133 Oldenburg
Tel. 0441 42615
www.buemmersteder-krug.de
Traditionelles Grünkohlessen mit Pinkel- und Kochmettwurst, Kasseler, Bauchspeck, Salz- und Bratkartoffeln.

Fleischerei Monse mit Stadtrestaurant
Mottenstr. 3 –5
26122 Oldenburg
Tel. 0441 13135
www.fleischerei-monse.de
Spezialität: Grünkohleintopf mit Pinkelwurst

Ratskeller Oldenburg
Markt 1
26122 Oldenburg
Tel. 0441 9250001
www.ratskeller-oldenburg.de
Wechselnde Grünkohlgerichte von traditionell bis modern.

Café Klinge
Theaterwall 47
26122 Oldenburg
Tel. 0441 25012
www.cafe-klinge.de
Spezialität: Grünkohlpralinen

© Dagmar Krappe (Text und Fotos)

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