Rasentreckerrennen oder da wächst kein Gras mehr,

19. August 2012 | Von | Kategorie: Die Reportage, Nordd. Tiefland

wenn gleich dreizehn Pferdestärke über den Acker rauschen

Eine Situation, die eigentlich jeder Grundbesitzer kennt und jede Grundbesitzerin fürchtet: Der Gang durch den Baumarkt, genauer gesagt das Flanieren entlang des farbenfrohen Spaliers der dort präsentierten bulligen Minitraktoren mit eingebautem Schneidwerk zum Rasenmähen.

Rasentreckerrennen – die Fahrer stellen sich vor

Während die erste Hälfte der Akteure von der uneingeschränkten Notwendigkeit des Habenwollens per se überzeugt ist und sich jetzt sicherheitshalber schon einmal vorab ausführlich über die technischen Daten und Möglichkeiten informieren will, steht bei den anderen 50 Prozent eher der praktische Aspekt im Vordergrund, dass ein handbetriebener Rasenmäher erstens für’s körperliche Wohlbefinden und zweitens für den kleinen Vorgarten eigentlich besser geeignet wäre. Keine Frage, vom Ergebnis her ist es unerheblich wie das stets hervor sprießende Gras auf sein acht Millimeter hohes Gardemaß gezähmt wird. Aber seien wir mal ehrlich, so mit satten dreizehn Pferdestärken über die Prärie, Pardon Parzelle, zu reiten, macht optisch halt mehr her.

So oder so ähnlich wird es sich bereits vor knapp 40 Jahren in Großbritannien zugetragen haben, als findige Ehemänner ihren Angetrauten, gleichfalls den Kauf einer derartigen Okkasion schmackhaft machen wollten. Am Ende gab’s selbstredend den sehnlichst gewünschten Aufsitzrasenmäher und im Gegenzug wollte ER dafür etwas mehr Sport treiben. Wer dann von den Herren der Schöpfung besonders pfiffig war, montierte das an sich eh überflüssige Schneidwerk gleich von vornherein ab. Gründete einen Club, traf sich mit Gleichgesinnten zum Fachsimpeln und Kräftemessen – schon war ein neuer Motorsport geboren.

Rasentreckerrennen – Lauf in der Standardklasse

Logisch, dass derartige nützliche Ideen auch jenseits des Kanals nicht verborgen blieben und sich ebenfalls auf dem europäischen Kontinent verbreiteten. Ob’s an der dazu notwendigen (Acker-)Fläche liegt? Gerade im Norden haben sich zahlreiche Rennveranstaltungen etabliert, wo leidenschaftliche Schlepperfahrer und Schlepperfahrerinnen auf ihren Rennmaschinen miteinander und gegen einander ihr fahrerisches Können unter Beweis stellen. Inzwischen erinnern diese Wettbewerbe schon an Volksfeste. Zu den größeren Rennveranstaltungen dieser Art zählt ohne Frage das Spektakel im niedersächsischen Thönse. Hier stehen schon einmal bis zu 30.000 Besucher hinter den Absperrungen, nur um ihre Helden kräftig anzufeuern. Am letzten August-Wochenende ist es hier wieder soweit, dann brechen nahe Burgwedel wieder die kleinen Boliden zu ihrem 24-Stunden-Rennen auf.

Etwas überschaubarer verlief gerade der Wettbewerb im westfälischen Lüdinghausen. Nach einer dreijährigen Abstinenz trat das 2012 neu gegründete Rasenmäher-Racing-Team in die Fußstapfen eines Kegelvereins, der bis 2009 hier die Rennen ausgerichtet hat. Gleich bei der Neuauflage dieses Traditionsrennens gingen 50 Mannschaften an den Start. Für die teilnehmenden Sportler eine willkommene Gelegenheit sich für die kommenden wichtigen Rennen um die Meisterschaft weiter fit zu machen.

Rasenmäherennen – da wächst kein Halm mehr

Wer am Rande der Piste steht, die Augen schließt, wird sich an den Wilden Westen erinnert fühlen: Der vibrierende Boden, das dumpfe, immer lauter werdende Getöse, das schließlich in ohrenbetäubendem Lärm endet – so könnte sich einst die Stampede einer riesigen Büffelherde angehört haben, die durch die Weiten der Prärie düst. Doch zum Glück sind es heute nur handelsübliche Mini-Traktoren, die sich hier ein Stelldichein geben. Dort, wo sich ein paar Tage zuvor noch die Halme der Wintergerste im milden Sommerlüftchen sanft hin und her bewegten. Acht bis zehn Minuten dauert ein Rennen. „Gefahren wird mit ‚Handgas’“, weiß die Moderation zu berichten. So, der Trecker hat kein Gaspedal? Die Lösung des Rätsels ist einfach: Angesichts der doch ein klein wenig holprigen Piste könnte der Fuß eines dieser tollkühnen Recken unabsichtlich vom Gaspedal rutschen, das Gefährt dadurch langsamer werden und er somit wertvolle Sekundenbruchteile an die Konkurrenz verschenken.

Gut 500 Meter ist der Parcours in Westrup lang; nach Plan dauert der Fahrspaß für eine Runde gut 40 Sekunden. Am Ende schaffte der Schnellste sogar in 31,78 Sekunden die Umrundung. Je länger das Rennen dauert, desto begeisterter ist das Publikum. Nicht ohne Grund, denn mit jeder Runde werden auf der Piste die Furchen und Spurrillen größer und tiefer. Entsprechend hoch sind dann die Anforderungen an das fahrerische Können des Einzelnen. Mal auf zwei Rädern, mal ohne jeglichen Bodenkontakt sausen die dann „fliegenden“ Kisten durch die Kurven. Immer im Schlepptau: eine ordentliche Staubfontäne, die dem Verfolger durchaus mal die Sicht nehmen kann. Weniger problematisch für die Fotografen, denn in der langsam einsetzenden Abendsonne sorgt dieser Dunst sogar für eine recht romantische Lichtstimmung. Es ist kaum vorstellbar, dass so ein kleines Vehikel selbst auf so einem unwegsamen Terrain theoretisch bis auf 50 Kilometer pro Stunde beschleunigen könnte. Nicht ohne Grund sind daher die Fahrer dick verpackt: festes Schuhwerk, Handschuhe, Helme, Brustpanzer dienen dem Schutz während der Fahrt. Die Kommunikation während des Rennens funktioniert althergebracht archaisch: Streckenposten ausgestattet mit einem Arsenal an unterschiedlichen Flaggen sorgen für die Verständigung.

Rasenmäherrennen – Lauf in der 13-PS-Klasse

Die Puristen treten in der „13-PS-Klasse“ an. Hier erinnern die Fahrzeuge noch stark an das Original: Der Motor befindet sich ganz traditionell vorn, lediglich das Chassis ist entsprechend dem rauen Rennalltag verstärkt. In der Standard-Klasse, arbeiten achtzehn Pferde gleichzeitig unter der Motorhaube. Ebenso muss das Originalgetriebe samt Differenzial die Kraft auf die Antriebsachse bringen – so das Reglement. Der Fantasie der Schrauber setzen in der „offenen Klasse“ nur wenig Grenzen, wie die 25 PS unter eine gemeinsame Haube gebracht werden können. Selbst eine starre Hinterachse darf in diesen Mini-Renntrecker eingebaut werden.

Anders als bei den großen Veranstaltungen im mondänen Rennzirkus, wo mit besonders windschnittigen Flitzern über den Asphalt gejagt wird, geht es hier vergleichsweise familiär zu. Selbst in der Boxengasse finden sich häufig Gelegenheiten zum Fachsimpeln und zum über die Schulter schauen. Hin und wieder müssen die Mechaniker auch mal das Blechkleid ihres Minischleppers ein wenig zurecht zupfen oder den Motor zur weiteren Mitarbeit bewegen, wenn der Chauffeur dann doch wieder etwas zu forsch die letzte Kurve angegangen ist.

Apropos Finale. Kaum war das Trio auf das Siegertreppchen geklettert, kreiste die obligatorische Sektflasche. Just in dem Moment als der Fahrer seine Umgebung an Sekt und Freude über seine gut Platzierung teilhaben lassen wollte, stürzten seine ebenfalls erfolgreichen Mitfahrer sogleich vom Siegerpodest und jagten zu Fuß gen Besucherabsperrung – natürlich ebenfalls in persönlicher Bestzeit, wie der Sprecher anerkennend lobte. Die Sache mit der traditionellen, süß-klebrigen Sektdusche bei der Siegerehrung ist also noch ausbaufähig…

Informationen:

Meisterschaft der Renntrecker: http://erwm.de
Online-Magazin für Rasentreckerrennen: http://formel-r.eu

Rasenmäher-Racing Lüdinghausen eV, c/o Ulf Klingenberg, Glatzer Str. 5a, 59348 Lüdinghausen, E-Mail: uklingenberg@aol.com, http://www.rasenmaeher-racing-team.de

Münsterland-Cup: http://www.muensterland-cup.de

Adventure Racing Wiedenrode, Torben Klingenspor, Boeckelser Weg, 29364 Wiedenrode, E-Mail: chef@a-r-w.de, http://www.a-r-w.de/

Rasentreckerrennen Oppenwehe:  http://www.rasentreckerrennen-oppenwehe.de

Rasentreckerrennen Albaxen, Matthias Meise, Bollstraße 13, 37671 Höxter / Albaxen, E-Mail: kontakt@rasentreckerrennen-albaxen.de, http://www.rasentreckerrennen-albaxen.de

RennTreckerClub Driftsethe & RennTreckerClub Schwanewede, c/o Claas Wittpenn, Weißenberger Straße 2, 27628 Driftsethe, E-Mail: kontakt@renntreckerclub.de, http://www.renntreckerclub.de

Team Sommeringen e.V. (Organisatoren der diesjährigen Niedersachsenmeisterschaft), Franz Brüning (1. Vorsitzender), Sommeringen Nr. 16, 49811 Lingen (Ems), E-Mail: info@team-sommeringen.de, http://www.team-sommeringen.de

Thönse24 e.V., Heiko Wöhler (1. Vorsitzender), Unter den Eichen 6B, 30938 Burgwedel, E-Mail: info@thoense24.de, http://www.thoense24.de

Rasentrecker-Rennen Vesbeck: E-Mail: info@rasentreckerrennen-vesbeck.de, http://www.rasentreckerrennen-vesbeck.de

Rasenmäher-Rennen in Tangstedt: http://www.maschin-kaputt.de.tl

© Text und Fotos: Helge Holz

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