Reif für die Insel Spiekeroog

3. Juni 2012 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Literarische Wanderung bei Vollmond 

„Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar“, rezitiert Jens Ricke das Abendlied von Matthias Claudius während der literarischen Vollmondwanderung. Erwartungsvoll schauen seine Zuhörer Richtung Himmel. Doch zunächst sendet nur der Leuchtturm von Wangerooge alle fünf Sekunden ein rotes Licht. Dazwischen blitzt das weiße Leuchtfeuer Helgolands am Horizont.

 

Meeresrauschen auf Spiekeroog

Andächtig lauschen die Umstehenden weiteren Mondgedichten von Clemens Brentano, Annette von Droste-Hülshoff und Christian Morgenstern. Es ist fast windstill. Sanft plätschern die Nordseewellen an den fünfzehn Kilometer langen Sandstrand von Spiekeroog. Plötzlich geht er auf. Wie ein großer, orangefarbener Lampion erhebt sich der Mond hinter den Dünen. Schiebt sich immer weiter am Himmel empor.

Spiekeroog ist eine der sieben ostfriesischen Inseln. Sie ist die zweite von rechts – zwischen Wangerooge und Langeoog. Pünktlich hatte die Spiekeroog I den quirligen Hafen von Neuharlingersiel verlassen. Die Fähren fahren unregelmäßig. Der Fahrplan ist Tide abhängig. Links und rechts der Fahrrinne ragen Sandbänke aus dem Wasser. Erst weiter am Horizont schimmert die Sonne wie Blattgold über dem blauen Meer.

Fischerboote in Neuharlingersiel

Langsam setzt sich der Pilgerstrom vom Hafen Richtung Ortsmitte in Bewegung. Wer keinen Rollenkoffer hat, kann sich einen Bollerwagen mieten, das Haupttrans-portmittel auf der Insel – für Kinder und für Gepäck. Plötzlich ist es seltsam ruhig. Irgendetwas fehlt: Es gibt keine Autogeräusche. Statt dessen zirpen Grillen. Ein Entenpaar watschelt zur Begrüßung über den Gehweg. Drei Fasane stolzieren vorbei. Schafe weiden auf dem Deich. „Es gibt nur vier Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor auf der Insel“, erklärt Inselführer Bernhard Struck später: „Drei Feuerwehrautos und einen Krankenwagen.“ Er steht vor dem ältesten Haus Spiekeroogs, dem Alten Inselhaus aus dem 17. Jahrhundert. Heute beherbergt es ein Café und Restaurant. Wie überall auf der Insel sind hier die Kännchen größer als gewöhnlich. „Dree Tassen Tee, dat is Ostfreesenrecht“ ist auf der Speisekarte im Café Teetied zu lesen. „Nicht mal einen Fahrradverleih gibt es. Fahrräder sind den Inselbewohnern vorbehalten“, erzählt Struck. Sie sind auch nicht notwendig. Auf Spiekeroog ist alles zu Fuß erreichbar. Die Insel hat gepflasterte Spazierwege durch die grüne Dünenwelt, Sandwege durch die Kiefernwälder oder über die Deiche. Alle paar Meter stehen weiße Bänke.

“Ungefähr 750 Einwohner hat Spiekeroog“, berichtet Struck: „In der Hauptsaison kommen an die 5.000 Gäste hinzu.“ Das klingt viel. Im Vergleich zu den anderen ostfriesischen Inseln sind es jedoch wenig Besucher. Spiekeroog hat den Bauboom der siebziger Jahre nicht mitgemacht. Keine Hochhäuser. Keine großen Ferienanlagen. Es ist ein niedersächsisches Dorf mit roten Backsteinhäusern. Knorrige Kastanien und Linden säumen die Straßen. Die Insel wirkt ursprünglich, aber gleichzeitig freundlich und modern.

Alte Inselkirche von 1696

Im Schatten hoher Bäume träumt die alte Inselkirche von 1696 von längst vergangenen Zeiten. „Sie ist die älteste Kirche aller ostfriesischen Inseln“, so Struck: Nur ein paar Schritte weiter gewährt das kleine Inselmuseum Einblicke in das frühere Leben Spiekeroogs sowie in seine Tier- und Pflanzenwelt.

„Schau mal“, ruft Yasmin ihrer Mutter zu: „Hier gibt es das ganze Jahr über Weihnachtsgebäck.“ Auch eine Eistüte und Makkaroni finden ihr Interesse. Ihre Mutter erfreut sich an Nagellack, Puderdose und Topfkratzer. Sie stehen vor den Vitrinen im „kuriosen Muschelmuseum“. Exponate aus Nord- und Ostsee, dem Mittelmeer, Südostasien, Afrika, Mittelamerika und Neuseeland sind hier zusammengetragen. Statt lateinischer Namen vergab der Sammler lustige, dem Aussehen der Muscheln und Schnecken angepasste Bezeichnungen. „Lange nicht so viel gelacht“, heißt es im Gästebuch. Dem Geräuschpegel im Museum nach zu urteilen, scheinen viele Besucher dieser Ansicht zu sein.

Museumspferdebahn auf Spiekeroog

Und noch etwas gibt es auf der Insel, das Geräusche macht. 15 Minuten lang rattert, quietscht und ruckelt es. Mehrmals am Tag zieht Haflinger Fanny den offenen Stuttgarter Sommerwaggon mit maximal 16 Personen vom Museumsbahnhof zu den Dünen am Westend. Genauso wie von 1885 bis 1949. „Es ist keine große Arbeit für das Pferd“, meint „Pferdeflüsterin“ Sabine Friedrichs: „Der Wagen läuft fast von selbst.“ 1981 nahm die heutige Museumspferdebahn ihren Betrieb auf historischen Gleisen auf. Sabine Friedrichs lässt die Glocke im Waggon bimmeln. Mit ein PS auf ziemlich rostigen, von Gras überwucherten und versandeten Schienen macht sich die Pferdebahn auf den 1,2 Kilometer langen Weg. Vorbei an blühenden Salzwiesen und betörend duftenden Seerosen.

Die Vollmondwanderer sind inzwischen über die Dünen Richtung Dorf zurückgekehrt. Im Lesepavillon flackern Kerzen. Mit bewegter Stimme liest Jens Ricke Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe und weitere Mondgedichte von Goethe und von Eichendorf. Einige Zuhörer kichern verstohlen. Andere lauschen stumm und fasziniert. Manchen läuft ein leichter Schauer über den Rücken. Der Mond steht hoch am Himmel. Sein heller Schein wirft kühles Licht in den Pavillon. Das Meer glitzert silbrig, „und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“

Informationen:

Übernachtung:
großes Angebot an Ferienwohnungen, einige Hotels, Pensionen, Privatquartiere

Hotel und Restaurant Inselfriede
Süderloog 12
26474 Spiekeroog
Tel. 04976-9192-0
www.inselfriede.de

Hotel und Restaurant zur Linde
Noorderloog 5
26474 Spiekeroog
Tel. 04976-9194-0
www.linde-spiekeroog.de

Angebote auf Spiekeroog:

Museumspferdebahn
Ostern bis September, sonntags bis freitags ab Museumsbahnhof
Einfache Fahrt: Erwachsene 3 Euro, Kinder (3 bis 11 Jahre) 2 Euro

Kurioses Muschelmuseum
Erwachsene: 1 Euro, Öffnungszeiten: montags bis freitags 9 bis 17 Uhr, sonnabends/sonntags/feiertags 9 bis 12 Uhr, www.kuriosesmuschelmuseum.de

Inselmuseum: variierende Öffnungszeiten

Alte Inselkirche: variierende Öffnungszeiten

Literarische Vollmondwanderung

Wattwanderungen

Tagesfahrten zu den Nachbarinseln Wangerooge oder Langeoog

Touristinformation:
Nordseebad Spiekeroog GmbH

Kurverwaltung & Schifffahrt
Haus des Gastes „Kogge“
Noorderpad 25
26474 Spiekeroog
Tel. 04976-9193-101
www.spiekeroog.de
Hafen Neuharlingersiel: Tel. 04974-214
Hafen Spiekeroog: Tel. 04976-9193-133

Informationen über alle ostfriesischen Inseln:
Werbegemeinschaft Ostfriesische Inseln, Wangerooge
Tel. 00469 99-0
www.das-gelbe-vom-eiland.de 

© Text und Fotos: Dagmar Krappe

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