Sattelfest mit Leib und Seele

8. Juni 2014 | Von | Kategorie: Bremen, Die Reportage, Niedersachsen, Schleswig-Holstein

Radpilgern auf dem 530 Kilometer langen Mönchsweg zwischen Bremen und Puttgarden auf Fehmarn.

Ein Mönchsweg mit echten Mönchen im protestantisch geprägten Norddeutschland? Kaum jemand vermutet hier Männer in schwarzer Kutte, denn die Reformation im 16. Jahrhundert bedeutete das Ende fast aller Ordensgemeinschaften im Norden.

Radpilger auf dem Mönchsweg am Kloster Nütschau

„Das Kloster Nütschau ist eine Oase der Ruhe am Wegesrand“, sagt Bruder Matthäus Buß: „Den schleswig-holsteinischen Abschnitt des Mönchswegs, den es bereits seit 2007 gibt, bin ich mehrmals geradelt. An erster Stelle steht für mich der sportliche Aspekt, dann der kulturgeschichtliche und natürlich auch der religiöse. Entscheidend ist die gemeinsame Erfahrung beim Unterwegssein.“ Seit über 40 Jahren lebt der 72-Jährige im Benediktinerkloster bei Bad Oldesloe, das erst 1951 in einem Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert von der Diözese Osnabrück gegründet wurde. Die Abtei Gerleve bei Coesfeld entsandte daraufhin Mönche nach Schleswig-Holstein, um vor allem den ostvertriebenen Katholiken nach dem zweiten Weltkrieg eine neue geistliche Heimat zu geben. Heute wohnen neben Pater Matthäus 16 weitere Brüder in Nütschau, die sich der Bildungs- und Tagungsarbeit widmen.

Bruder Matthäus Buß trifft Radpilger am Kloster Nütschau

Im 9. Juni 2014 wurde der niedersächsische Teil des insgesamt 530 Kilometer langen Radpilgerwegs eröffnet. Die mit einem blauweißen Kirchen-Logo ausgeschilderte Strecke verläuft durch drei Bundesländer: von Bremen durch Niedersachsen bis Puttgarden auf Fehmarn in Schleswig-Holstein. Die Route zeichnet die Ausbreitung des Christentums in Norddeutschland nach. „Sie folgt den Spuren der Missionare wie dem „Apostel des Nordens“, Erzbischof und Benediktinermönch Ansgar, der Mitte des 9. Jahrhunderts zunächst in Hamburg und nach der Vertreibung durch dänische Wikinger in Bremen tätig war“, so Pater Matthäus: „Er ist auch der Patron des Klosters Nütschau. Seine Christianisierungsbemühungen waren noch wenig erfolgreich, da es immer wieder zu Slawenaufständen kam.“ Erst im 12. Jahrhundert setzte Vicelin, der Bischof von Oldenburg in Holstein, die Missionierung in Ostholstein fort.

Rund 100 Kirchen – zirka 80 evangelische und 20 katholische – laden zur inneren Einkehr ein, aber es gibt auch zahlreiche weltliche Stopps am Wegesrand. Unser Start ist der Sankt Petri Dom in Bremen. 789 weihte Bischof Willehad den ersten kleinen Holzdom. 70 Jahre später wirkte Ansgar bereits in einer dreischiffigen, steinernen Basilika. Da die Wettervorhersage nichts Gutes verspricht, entzünden wir am großen Gebetsleuchter eine Kerze und bitten Petrus darum, die Himmelsschleusen in den nächsten Tagen geschlossen zu halten. Ob er uns erhört? Da schaut selbst Pastor Henner Flügger ein wenig ungläubig. Nachdem der passionierte Radler uns den Pilgersegen gegeben hat, der uns „glücklich ans Ziel unserer Fahrt bringen soll“, schwingen wir uns auf die Drahtesel. Raus aus dem morgendlichen Berufsverkehr. Hinein in die Wümmeniederungen, die durch Kornfelder, Wiesen und verästelte Flussarme geprägt sind. Vogelgezwitscher überall. Der erste Kuckucksruf in diesem Jahr!

Beschilderung des Mönchsweg zwischen Bremen und Puttgarden auf Fehmarn

Die 1962 aus roten Backsteinen errichtete Johannes-der-Täufer-Kirche in Horstedt ist unser Ziel: ein modernes, lichtdurchflutetes Gotteshaus voller Zahlensymbolik. Ob Kreuze, Kreise, Kerzenleuchter oder die drei Stufen, die zum Altar im Westen der Kirche führen, alles hat einen biblischen Bezug. Der würzig duftende Bibelgarten zeigt von der Schöpfung bis zur Auferstehung anhand von Pflanzen und Ornamenten Szenen aus dem Alten und Neuen Testament.

Vier Kilometer weiter in Nartum leuchtet ein grünes Holzhäuschen mit rotem Ziegeldach zwischen knorrigen Bäumen. In ihrem „Melkhus“ bietet Birgit Intemann Milchspezialitäten an und hilft ausgelaugten Bikern mit einem Buttermilchshake namens „Pina-Kuh-lada“ wieder auf den Sattel. Über ein Rezept für einen Mönchs- oder Pilgermix grübele sie noch, meint die Landfrau. Weiterhin irdisch geht es in der Kleinstadt Zeven zu. Hier fand zwar nicht die Vermessung der Welt, aber des Königsreichs Hannover statt. Carl Friedrich Gauß, der Mann auf dem letzten Zehn-D-Mark-Schein, legte den Grundstein für die trigonometrische Landvermessung. Dazu erklomm er 1824 den Kirchturm von Sankt Viti. Von hier hatte er sowohl den Wilseder Berg in der Lüneburger Heide als auch Bremen im Blick. Wir blicken hin und wieder vom Rad gen Himmel. Noch scheint die Kerze im Bremer Dom zu brennen.

Altes Land – Bronzeplastik des Priesters Henricus vor der St. Martini- et Nicolai-Kirche in Steinkirchen

Etliche Pedalumdrehungen später tauchen rote Backsteinhäuser mit weiß gestrichenen Balken und Reetdächern am tiefblauen Horizont auf. Viele tragen verzierte Giebel mit plattdeutschen Segenssprüchen und kunstvoll geschnitzten Brauttüren. Üppige weiße Kirsch- und rosa Apfelblüten verströmen ein betörendes Aroma. Wir haben das Alte Land, Deutschlands größtes zusammenhängendes Obstanbaugebiet, erreicht. Auf 30 Kilometern Länge erstreckt es sich direkt hinterm Elbdeich, zwischen Buxtehude, Hamburg-Finkenwerder und der alten Hansestadt Stade. Auch die zehn markanten Fachwerkkirchen sind eine Besonderheit der Region. Da der feuchte Marschboden die Last der gesamten Kirche nicht tragen würde, stehen die Türme separat neben dem Kirchenschiff. Vor der Sankt Martini- et Nicolai-Kirche in Steinkirchen wurde dem holländischen Priester Henricus ein Denkmal gesetzt. Anfang des 12. Jahrhunderts schloss der Erzbischof von Bremen mit ihm einen Vertrag über die Besiedelung der Marschen. Mit ihrem Wissen über Deichbau haben die niederländischen Siedler den Boden vor den regelmäßigen Sturmfluten geschützt, Moore entwässert und das Gebiet unter den Bauern aufgeteilt. Schließlich gab es das „Alte Land“, das schon urbar gemacht war, und das „Neue Land“, das noch kultiviert werden musste. Irgendwann konnte die gesamte Region bewirtschaftet werden. Das „Neue Land“ gab es somit nicht mehr. Der Name „Altes Land“ blieb übrig.

Stade – Blick auf Kirche Sankt Cosmae et Damiani mit Barockturm

Die perfekte Sicht auf Hafen und Fachwerkhäuser der 46.000-Einwohner-Stadt Stade genießen wir vom barocken Turm der Kirche Sankt Cosmae et Damiani. 178 zum Teil steile Stufen führen nach oben. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Feuer ausbrechen sollte, wurde 2013 ein Schutzraum errichtet, so dass alle Turmbesteiger von der Feuerwehr gerettet werden können. „Ho, ho, ho“, heißt es nicht nur im Winter im Kehdinger Land, das sich nordwestlich der Hansestadt ausbreitet. Auf unserem Weg zur Oste durchqueren wir Himmelpforten. Hier befindet sich eines von sechs Weihnachtspostämtern, die es in der Republik gibt. Auch wenn der Weihnachtsmann in der warmen Jahreszeit im Urlaub ist, seine Stube und ein angeschlossenes Museum neben der Villa von Issendorff am Christkindplatz kann man jederzeit besichtigen. Wir müssen weiter. Die historische Schwebefähre über die 80 Meter breite Oste hebt nur alle dreißig bis sechzig Minuten ab.

Historische Schwebefähre über die Oste – errichtet 1909

„Acht Bauwerke dieser Art gibt es noch in Europa“, dröhnt es aus dem Lautsprecher: „Der Schirmherr aller ist König Juan Carlos von Spanien, denn in Bilbao im Baskenland schwebt die älteste Fähre.“ Doch auch dieses grüne Technikwunder stammt bereits aus dem Jahre 1909. Und noch einmal können wir den müden Knochen und angespannten Muskeln eine Auszeit gönnen und uns treiben lassen. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt mit der Elbfähre vom niedersächsischen Wischhafen ins schleswig-holsteinische Glückstadt. An die Reling gelehnt, beobachten wir den kurz vor der Mündung fast drei Kilometer breiten Strom. Zwei Containerschiffe kreuzen. Sie sind auf dem Weg von der Nordsee in den Hamburger Hafen.

eine der ältesten Kirchen am Mönchsweg – Vicelin-Kirche St Petri von 1152 in Bosau am Ploener See

„Eine der ältesten Kirchen am Mönchsweg ist die romanische Feldsteinkirche in Bosau, das aus einer Slawensiedlung hervorgegangen ist. Damals war der Ort noch eine Insel. Heute liegt er am Ostufer des Plöner Sees, dem größten der rund 200 Seen in der Holsteinischen Schweiz“, berichtet Pastorin Heike Bitterwolf: „Der Gipsmörtel, der die Feldsteine miteinander verbindet, stammt vom Kalkberg in Bad Segeberg.“ Durch den Abbau der weißen Substanz entstand eine Grube, in der man ein Freilichttheater errichtete. Popstars und -sternchen haben hier ihre Auftritte. Während der sommerlichen Karl May Spiele lässt Winnetou die Silberbüchse knallen. „Bischof Vicelin gründete die Sankt Petri Kirche in Bosau 1151“, erzählt die Pastorin: „Er weihte eine ganze Reihe Gotteshäuser in der Gegend, so in Bornhöved, Oldesloe, Segeberg und Neumünster, wo er 1154 verstarb.“

Der Glaube versetzt Berge, heißt es: Nicht so im Naturpark Holsteinische Schweiz. Selbst bei kühlen 15 Grad treibt ein steiler Hügel nach dem anderen neuen Schweiß auf die Stirn. Als Bruder Matthäus Anfang der 1970er Jahre aus Nordhrein-Westfalen gen Norden entsandt wurde, dachte er an ein weites, flaches Land. Wir auch. „Pergamus – Lasst uns weiter machen“, steht auf seinem Pilgerstab, den er zum 50-jährigen Ordensjubiläum geschenkt bekam. Das nehmen wir uns zu Herzen. Im kleinsten Gang und mit einem Puls auf höchster Frequenz erklimmen wir Anhöhe um Anhöhe. Genießen schließlich vom 94 Meter hohen Gömnitzer Berg, der dritthöchsten Erhebung Ostholsteins nach dem Bungs- und Weiberberg, die Endmoränen-Landschaft mit Buchen- und Tannenwäldern, blassgelben Raps-, dunkelgrünen Kornfeldern und sonnengelben Löwenzahnwiesen.

Endmoränen-Landschaft in der Holsteinischen Schweiz

Bald haben wir das Hafenstädtchen Neustadt an der Ostsee erreicht, das während der Hansezeit als Umschlagplatz für Getreide und Salzheringe diente. In Grömitz plätschern die ersten Ostseewellen sanft an den Strand. Dann führt der Mönchsweg wieder durchs Landesinnere bis Oldenburg in Holstein. Starigard lautet der alte Name des Ortes. Er bedeutet „alte Burg“. Bis zum Jahre 700 wurde ein Burgwall angelegt, dessen 18 Meter hohe Reste noch heute zu begehen sind. Um die slawische Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, eröffnete in den 1980er Jahren das Wallmuseum. Hier erfährt der Besucher alles über Herkunft und Leben der Heiden und ihre Christianisierung. Das Museumsgelände ist als slawentypische Hafensiedlung angelegt, da die Slawen schon lange vor der Hansezeit Handelsbeziehungen in  Europa unterhielten. Am Ufer dümpeln Einbäume und mittelalterliche Frachtkähne. Ehrenamtliche führen an Aktionstagen alte Gewerke wie Spinnen, Weben, Lederverarbeitung oder Specksteinschleifen vor.

Wallmuseum Oldenburg in Holstein - Mönch und Slawe

das Wallmuseum in Oldenburg in Schleswig-Holstein erinnert an die slawische Zeit und die Christianisierung der Heiden

Die letzte Herausforderung für Körper und Gleichgewichtssinn ist der schmale Rad- und Fußweg über die 23 Meter hohe und fast einen Kilometer lange Fehmarnsundbrücke. Durch ebenes Land windet sich die Schlussetappe bis Puttgarden. Von hieraus unternahm Apostel Ansgar 826 seine erste Missionsreise nach Dänemark. Wer noch Kraft, Lust und Zeit hat, kann weiterradeln. Noch einmal 450 Kilometer auf dem dänischen Munkevejen von Rødby bis Roskilde. Unsere „Mission“ endet hier. Kaum ein Wölkchen trübt den blassblauen Himmel. Eine angenehme Brise weht den Geruch des Meeres herüber. Petrus sei Dank!

Informationen

der 530 Kilometer lange Mönchsweg beginnt am Sankt Petri Dom in Bremen

Der Mönchsweg verläuft über wenig befahrene Landstraßen, Rad- und Wirtschaftswege von Bremen bis Puttgarden auf Fehmarn. Gesamtstreckenlänge 530 Kilometer. Exkurs zum Kloster Nütschau 42 Kilometer. Der Radweg folgt den Spuren der Missionare durch drei Bundesländer: 190 km von Bremen an der Weser durch das Alte und Kehdinger Land in Niedersachsen bis Wischhafen. Mit der Fähre geht es über die Elbe nach Glückstadt. Über Itzehoe, Bad Bramstedt, Bad Segeberg, die Seenlandschaft der Holsteinischen Schweiz erreicht man die Ostseeküste, überquert die Fehmarnsundbrücke und hat nach 340 Kilometern durch Schleswig-Holstein Puttgarden erreicht.

Umfangreiche Informationen zu Etappen, Orten, Sehenswürdigkeiten und unterschiedlichen Pauschalangeboten gibt es beim Mönchsweg e.V. unter www.moenchsweg.de. Hier kann man auch eine Liste mit Kirchen, die sich entlang der Strecke befinden (inkl. Öffnungszeiten und Ansprechpartnern), herunterladen.

Mönchsweg e.V.
Marienthaler Str. 20
24340 Eckernförde
Tel. 04351 8805573
E-Mail: info@moenchsweg.de
www.moenchsweg.de

Der aktuelle bikeline-Radatlas Mönchsweg (von Bremen nach Fehmarn) ist 2014 im Verlag Esterbauer (www.esterbauer.com) erschienen, ISBN 978-3-85000-497-8, Preis 13,90 €.

auf der Fehmarnsundbrücke ist man fast am Ziel

Nützliche Adressen am Wegesrand

Schwebefähre über die Oste – www.schwebefaehre-osten.de

Elbfähre von Wischhafen nach Glückstadt – www.elbfaehre.de

Kloster Nütschauwww.kloster-nuetschau.de

Slawisches Wallmuseum in Oldenburg in Holstein – www.oldenburger-wallmuseum.de, 19. + 20. Juli 2014: Slawentage mit Reiterturnier, Schaukämpfen, Lagerleben, Markt

Übernachtungsmöglichkeiten gibt es zahlreiche entlang der Strecke, zwei Beispiele:

Kino-Hotel Meyer
Marktstraße 19
21698 Harsefeld
Tel. 04164 81460
www.kino-hotel.de
Ruhige Lage im Ortszentrum und direkt am Klostergarten. Am Rande des Alten Landes. Seit 1928 beherbergt das Gasthaus ein nostalgisches Kino, das sich als Programmkino einen Namen gemacht hat. Im Restaurant kann man Filmgerichte genießen.

Hotel Uklei Fährhaus
Eutiner Str. 7 – 9
23701 Eutin-Sielbeck
Tel. 04521 2458
www.uklei-faehrhaus.de
Ruhige Lage direkt am Kellersee im Naturpark Holsteinische Schweiz. Hotelzimmer mit Seeblick. Außenterrasse. Bootsanleger. Fisch- und Wildspezialitäten.

Essen & Trinken am Mönchsweg

Melkhus Nartum
Mulmshorner Str. 10
27404 Nartum im Landkreis Rotenburg/Wümme
Tel. 04288 257
www.melkhus.com
Ein „Melkhus“ ist eine Milchraststätte, in der Landfrauen direkt auf ihren Bauernhöfen Milchspezialitäten anbieten. Meist an Radwegen gelegen. Frische Milch/Buttermilch, Milchshakes, Sahneeis, Sorbets, Joghurt, Quarkspeisen, Torten. Auch laktosefreie Produkte sind im Angebot. Geöffnet: Mai bis Oktober, täglich zwischen 11 und 18 Uhr.

Café im Goebenhaus
Wasser West 21
21682 Stade
Tel. 04141 2313
www.goebencafe.de
Beim Schwedenspeicher am Alten Hafen in der Stader Innenstadt gelegen. Täglich wechselnde Mittagsgerichte, große Kuchen- und Tortenauswahl. Berühmt für Himmels- und Niedersachsentorte. Montags Ruhetag.

Restaurant Dat Gröne Huus
Stadtbeker Str. 97
23715 Bosau
Tel. 04527 753
www.dat-groene-huus.de
Oberhalb des Plöner Sees gelegen. Sonnenterrasse mit Seeblick.
Spezialität: Fischgerichte. Pilgerteller.

© Dagmar Krappe (Text) und Axel Baumann (Fotos)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Schlagworte: , , , , , , ,

Kommentare sind geschlossen