Sauregurkenzeit im Spreewald?

2. Januar 2013 | Von | Kategorie: Die Reportage, Nordd. Tiefland

Winter in Brandenburg: Zampern und Zapust

Elke Sturmhoebel (Text und Fotos)

Irgendwo im Spreewald wird immer gezampert, erklärt uns die Dame von der Touristinformation in Burg. Wenn sie zwischen Mitte Januar und Anfang März am Wochenende Dienst habe, würde sie sich daher genau überlegen, auf welcher Strecke sie zur Arbeit fährt. „Andernfalls wird man eine Menge Kleingeld los.“

Hier wird gezampert: Die schöne Bürgermeisterin von Müschen mit ihren Adlaten

Kurz darauf wird klar, was gemeint war. In Müschen verursacht die schöne Bürgermeisterin nebst Konsorten einen Verkehrsstau auf der Dorfstraße. Die Amtsträgerin wirft ihre hüftlangen strohblonden Zöpfe nach hinten, nötigt den Autofahrer das Seitenfenster herunterzukurbeln, klimpert kokett mit den Wimpern und hält die Hand auf. Gegen einen Obolus darf weitergefahren werden. In Schmogrow, zwei Dörfer weiter, passiert das Gleiche. Gutgelaunte wildmaskierte Wegelagerer kassieren durchreisende Autofahrer ab. Als Gegenleistung gibt’s ein Portionsfläschchen Likör. Derweil zieht ein anderer Teil der kostümierten Dorfjugend lärmend durch die Nachbarschaft und sammelt Eier, Münzen und Speck für den geplanten Eierkuchenball. Als Dankeschön spielt ein Musikant zum Tänzchen mit der Hausfrau auf, dem Hausherrn wird ein Schnäpschen eingeschenkt. Ein Heidenspaß das Ganze.

Fröhliche Zampergesellschaft in Schmogrow

Das Zampern in der Niederlausitz ist ein alter Brauch, der ersonnen wurde, um den Winter auszutreiben. Traditionell ist unter den verkleideten Zamperern ein Bär und ein Storch dabei, die den abziehenden Winter und den beginnenden Frühling symbolisieren. Doch eigentlich lieben die Spreewälder die kalte Jahreszeit und sehnen lang andauernde Minustemperaturen herbei.

Winterlicher Spreewald

Wenn die Fließe zufrieren und sich in spiegelglatte Eisbahnen verwandelt haben, herrscht Volksfeststimmung im Spreewald. Schlittschuhläufer drehen ihre Runden, Spaziergänger tummeln sich auf dem Eis, Glühwein- und Bratwurstbuden sorgen für das leibliche Wohl. Manche lassen sich im Zweisitzer über das Eis schieben. Kahnfährunternehmer Hagen Conrad hat den originellen Stoßschlitten nachbauen lassen, der schon vor über hundert Jahren im Spreewald genutzt wurde. Dick eingemummt in Wolldecken und einer Wärmflasche im Rücken macht die vier Kilometer lange Strecke von Burg bis Leipe Vergnügen. Die Schlittenführer auf Kufen erreichen dabei eine Spitzengeschwindigkeit von zwanzig Stundenkilometern.

auch in Schmogrow wird gezampert

Die meisten der zwei Millionen Besucher im Jahr reisen im Sommer in den Spreewald. Mit Touristen und EU-geschützten Spreewaldgurken wird das meiste Geld verdient. Im Winter ist Sauregurkenzeit. Die Ausflugslokale haben geschlossen. Die Kähne liegen aufgebockt am Ufer. Die großen Busparkplätze an den Spreehäfen sind leer. Erst Ostern beginnt wieder die Kahnsaison. Auf eine Länge von rund 1550 Kilometern verzweigen sich die Wasserläufe und Gräben im Biosphärenreservat Spreewald. 276 km werden für die touristische Kahnfahrt genutzt. Fährmann Frank Schneider aus Burg ist einem Extraverdienst nicht abgeneigt und stakt unverfrorene Gäste auch im Winter. „Im Sommer muss so viel Geld verdient werden, dass es für den Winter reicht“, bestätigt er und stellt eine Thermosflasche mit Glühwein auf den Tisch. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, die Decke um die Beine gewickelt und die Hände um den wärmenden Becher geschlungen lassen wir uns ein Stündchen die Spree hinaufschippern. Eine zauberhafte Stimmung liegt auf den angrenzenden Wiesen und Feldern. Für das Labyrinth der Fließe soll der Legende nach der Teufel verantwortlich sein. Er schlug so lange auf seine Ochsen ein, bis die Tiere mit dem Pflug durchgingen und tiefe Furchen in das Land rissen, die sich danach mit Wasser füllten.

Irgendwo im Spreewald ist immer Zapust. Denn die Wendische Fastnacht folgt eine Woche dem Zampern. Im Städtchen Burg sind an diesem Samstag zunächst die Unverheirateten dran. Zweiundvierzig Paare stellen sich zum Umzug auf. Die Mädchen und jungen Frauen tragen die reich bestickte Festtagstracht mit der Spitzenschürze, viele auch die hoch aufgetürmte Haube. Zapust - Fastnachtumzug im städtischen BurgMit den kurzen Blusenärmeln sind sie eindeutig zu dünn angezogen. Aus den meisten Anzugtaschen ragt Hochprozentiges zum Aufwärmen. Die Männertracht aus Leinwand sei in den Kriegen verlorengegangen, hatte Baggerführer Dieter Dziumbla erzählt, der seit der Wende mit seiner Frau Christa die Trachtenstickerei in der Burger Wendenkönigstraße betreibt. Die Trachten der Frauen und die gestickten Blumenmotive seien in den Spreewaldorten unterschiedlich. „In Burg gibt es den kürzesten Rock und die größte Haube.“

Die Blaskapelle beginnt zu spielen und mit viel Trara setzt sich der prächtige Fastnachtumzug in Bewegung. Im Festzelt wird es am Abend hoch hergehen. Damit der Flachs gut gedeiht, müsse fleißig getanzt werden, heißt es in der Überlieferung. Die Frau solle dabei hoch springen oder aber mit einem großen Burschen tanzen. Für die Männer kann es dabei gefährlich werden. Denn die Tracht wird mit bis zu neunzig Nadeln zusammengehalten. Dieter Dziumbla rät den Herren, die Hand unter das reich bestickte Schultertuch der Dame zu legen. Dort bestünde am wenigsten Verletzungsgefahr.

Informationen

Übernachtungstipp:
Pension „Spreewelten – Schlafen im Kunstwerk“. Die elf Zimmer im alten Bahnhof von Lübbenau wurden von elf Künstlern gestaltet. Tel. 03542 889977, www.pension.spreewelten.de

Restauranttipp: Das älteste Gasthaus „Kolonieschänke“, Ringchaussee 136, 03096 Burg-Kolonie, Tel. 035603 6850, www.kolonieschaenke.de

Fahrt mit Stoßschlitten: Anmeldung unter Tel. 035603 61839 oder 0175 2442526. E-Mail: mail@hagens-insel.de

Baden & Saunen: Gleich drei Wellnesstempel konkurrieren um die Gunst der Badegäste: Spreewald Therme in Burg (www.spreewald-therme.de), Spreewelten in Lübbenau (www.spreewelten.de), Tropical Islands in Krausnick (www.tropical-islands.de).

Zampern & Zapust: Veranstaltungen auf der Website der Sorbischen Kulturinformation www.protyka.serbja.info

Allgemeine Auskünfte:
Tourismusverband Spreewald, Ortsteil Raddusch, Lindenstr. 1, 03226 Vetschau/Spreewald, Tel. 035433 72299, www.spreewald.de

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