Sicher über Stock und Stein

10. Juni 2014 | Von | Kategorie: Hamburg-Tor zur Welt

Im bayerischen Oberaudorf hilft die „Bergwanderschule Kaiser-Reich“ Flachlandtirolern auf Schritt und Tritt und über jede Baumwurzel.

Alm-Idylle bei Oberaudorf

Bilderbuch-Bayern: Blauestes Blau am Himmel. Grünstes Grün auf den Almwiesen. Ein paar weiße Schönwetterwölkchen umkränzen die teils schneebedeckten Berggipfel. Das Bimmeln der Kuhglocken schallt weit hinab ins Tal. Durch diese Idylle stapft eine Gruppe Flachlandtiroler. Voraus stiefelt Bergwanderführer Markus Hartmann. Hin und wieder bleibt er stehen, wischt sich den Schweiß von der Stirn, ansonsten erklärt und gestikuliert er auch während des Gehens. Denn die ungeübten Flachländer wollen lernen, wie man einen Berg sicher erklimmt und stolperfrei auch wieder herunter kommt.

 

die Kunst des Kartenlesens – Markus Hartmann zeigt, wie es geht

Orientierung und Gehtechnik vermitteln der Mann mit dem grau-weißen Vollbart und seine Kollegen in der Bergwanderschule Kaiser-Reich in Oberaudorf-Kiefersfelden in den Bayerischen Voralpen. Sie sorgen nicht nur für den richtigen Tritt, sondern bevor es los geht, gibt es allerhand Informationen zu Schuhwerk, Kleidung, zum perfekt gepackten Rucksack und zur geplanten Wegstrecke. „In Deutschland gibt es keine Vorschriften für Bergwanderführer“, erzählt Hartmann: „Meine Kollegen und ich haben die zweiwöchige Ausbildung in Österreich absolviert. Eine Woche im Sommer, eine weitere im Winter.“ Schon wirft er sich auf die blühende Wiese und verdeutlicht, wie man sich verhält, wenn man auf einem Schneebrett ausrutscht.

Eine Strecke von acht Kilometern und 500 Höhenmetern hat der 65-Jährige ausgewählt. Je nach Kondition und gesundheitlicher Verfassung sind auch gemächlichere Touren im Angebot. Am Ausgangspunkt Rosengasse auf 1.060 Metern demonstriert er die richtige Gehtechnik am Hang: „Den Fuß mit Druck aufsetzen. Kleine, gleichmäßige Schritte wählen. Den Oberkörper leicht nach vorne beugen, um das Gleichgewicht zu halten.“ Schon drückt er seinen „Schülern“ Wanderstöcke in die Hand. Unter- und Oberarm sollten im 90-Grad-Winkel zueinander stehen, beim Aufstieg etwas weniger, beim Abstieg etwas mehr, um besseren Halt zu haben. „Durch den Einsatz von Stöcken werden Knöchel, Gelenke und Knie um 15 Prozent entlastet“, weshalb Hartmann sie im steilen Gelände empfiehlt: „Um den Gleichgewichtssinn zu trainieren, sollte man aber zwischendurch auf gut begehbaren Wegen auch mal ohne laufen.“

Ein Berg muss mit Respekt behandelt werden

„Ganz wichtig ist es, den Berg mit Respekt zu behandeln“, rät er noch, dann geht es endlich los Richtung Großer Traithen im Mangfallgebirge – mit 1.854 Metern der höchste Berg der Region. Doch an der nächsten Biegung steht die Gruppe bereits wieder. Hartmann hat wilden Thymian entdeckt und verteilt eine Schnupperprobe.

Markus Hartmann zeigt, wie man trittsicher den Berg herunterkommt

Markus Hartmann zeigt wie man trittsicher den Berg herunterkommt

Auf breiten Forstwegen geht es zügig voran. Schnell wird es steiler, schmaler und felsiger. Das Tal zur Rechten umrahmen mächtige Gipfel. Darunter der Wendelstein und auf österreichischer Seite der Zahme und der Wilde Kaiser. In weiter Ferne glitzert das „bayerische Meer“, der Chiemsee. Während der Wanderung beobachtet Hartmann seine Schäfchen genau. Hat immer wieder Tipps und Tricks parat. Schweißtriefend ist schließlich der Traithenkessel auf 1.500 Metern erklommen. Trollblumen, Almrosen, Kuhschelle und Sauerampfer überziehen die Almwiese mit einem bunten Blütenteppich. Noch 50 Höhenmeter. Dann ist das Endziel erreicht. Zeit für eine letzte Trinkpause vor dem Abstieg. „Das Runtergehen bereitet mir die größten Probleme“, murmelt Karin aus Bonn: „Besonders, wenn es felsig und geröllig ist.“ Skeptisch betrachtet sie die Seeon-Alm, die auf 1.386 Metern in greifbarer Nähe zu sein scheint. Doch der Marsch ins Tal ist gemäßigter als erwartet. Etwas breitbeinig, leicht federnd, mit dem richtigen Einsatz der Wanderstöcke und zeitweiligem Serpentinengehen kommt niemand auf dem manchmal matschigen Boden ins Rutschen.

 

Vier Zentimeter auf einer Karte im Maßstab 1:25.000 entsprechen einem Kilometer

Zwischen Brotzeit, Holunder– und Johannisbeersaft und zu zünftiger Ziehharmonika-Musik von Alm-Betreiber Stefan breitet Markus Hartmann eine Wanderkarte auf dem sonnengebleichten Holztisch auf der Terrasse aus. Geduldig erklärt er das Einmaleins des Kartenlesen. Wem bisher braune Höhenlinien gänzlich unbekannt waren, der erfährt, dass jede für 200 Höhenmeter steht. Ist sie schwarz, sind steile Felswände zu erwarten. „Ganz wichtig ist es, vorab die Gehzeit zu berechnen, damit man sich nicht zu viel zumutet“, weiß der Bergwanderführer, dessen zweite große Leidenschaft das Tubablasen ist: „Vier Zentimeter auf einer Karte im Maßstab 1:25.000 entsprechen einem Kilometer.“ „Nur wie wird in die Gehzeit die Höhe mit einbezogen“, möchte Mirko aus Berlin wissen. „Für 100 Höhenmeter kann man 15 Minuten einplanen“, meint Hartmann und liefert gleich zwei Rechenbeispiele nach. Einsatz von Kompass und Wetterkunde sowie richtiges Verhalten bei Gewitter stehen ebenfalls auf dem „Lehrplan“.

der Traithenkessel - Ziel erreicht und Aussicht geniessen auf 1550 Metern

der Traithenkessel – Ziel erreicht und Aussicht geniessen auf 1550 Metern

Auch für Familien mit kleinen Bergwandermuffeln bietet Hartmann Ausflüge und Landschaftskunde an. Dann nimmt er den Rundweg durch die wilde Gießenbachklamm. Vorbei am größten bayerischen Wasserrad und dem ältesten Bergbauerngehöft namens „Trojer“ mit eigener Hauskapelle. Auf der Schopper-Alm angelangt, serviert Wirtin Michaela Kaiserschmarrn mit Apfelkompott. Was sonst – mitten im oberbayerischen Kaiserreich?

Informationen
Anreise
Mit dem Flugzeug nach München, z.B. mit Lufthansa (lufthansa.com) oder Air Berlin (www.airberlin.com). Von dort knapp zwei Stunden Weiterreise mit der Bahn (www.bahn.de) über Rosenheim nach Oberaudorf.
Direkt mit der Bahn (www.bahn.de) über München/Rosenheim nach Oberaudorf
Mit dem Auto A7 Richtung Würzburg/Ulm bis Kreuz Ulm/Elchingen, A8 Richtung München/Salzburg bis Dreieck Inntal, A93 Richtung Kufstein, Abfahrt Oberaudorf oder Kiefersfelden

Bergwanderschule Kaiser-Reich Oberaudorf/Kiefersfelden
Kufsteiner Str. 6
83080 Oberaudorf
Tel. 08033 30120
www.bergwanderschule.de
Angebote: Gehtechnik, Orientierung, Familien- und Winter-Spaß, geführte Wanderungen

Übernachtungen / Essen & Trinken
Hotel Feuriger Tatzlwurm
83080 Oberaudorf
Tel. 08034 30080
www.tatzlwurm.de

Hotel Keindl
Dorfstr. 2
83080 Oberaudorf
Tel. 08033 3040-0
www.hotel-keindl.de

Gasthof Ochsenwirt
Carl-Hagen-Str. 14
83080 Oberaudorf
Tel. 08033 30790
www.ochsenwirt.com

Bernhard´s Restaurant & Hotel
Marienplatz 2
83080 Oberaudorf
Tel. 08033 30570
www.restaurant-bernhards.de

Allgemeine Informationen
Chiemsee-Alpenland Tourismus

Felden 10
83233 Bernau am Chiemsee
Tel.: 08051 96555-0
Fax: 08051 96555-30
E-Mail: info@chiemsee-alpenland.de
www.chiemsee-alpenland.de

© Dagmar Krappe (Text und Fotos)

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