Stargarder Land: Weinnotizen aus Mecklenburg

22. August 2011 | Von | Kategorie: Die Reportage, Mecklenburg-Vorpommern

Elke Sturmhoebel (Text und Fotos)

Da denkt man doch eher an Ochsen als an Öchsle. Gleichwohl, es ist amtlich: Eine der nördlichsten Weingegenden Deutschlands liegt in Mecklenburg. Die Bundesratssitzung vom 13. Februar 2004 hat das Stargarder Land zum 6. deutschen Tafelweingebiet erklärt. Zur Begründung heißt es: „In Mecklenburg-Vorpommern hat sich kleinräumig Weinbau an zwei Standorten entwickelt, die historisch auf eine gewisse weinbauliche Tradition verweisen können.“

Auf den endlosen Chausseen, die sich durch den Südosten Mecklenburgs schlängeln, stehen vorerst nur Alleebäume Spalier. Auf Weiden grasen Rinder. Und was von weitem so rebgrün erscheint, entpuppt sich als Maisfeld. Zwischen den riesigen Flächen der landwirtschaftlichen Genossenschaften müssen 3,7 Hektar Rebparzellen ein Nischendasein führen. Auf dieses Stück verzichtete Rheinland-Pfalz generös, damit Mecklenburg-Vorpommern eine Weinregion werden kann. Konkurrenz aus dem Hinterland der Ostsee brauchen die Weinbauern aus dem Süden kaum zu fürchten. Allein Rheinhessen, das größte deutsche Anbaugebiet, verfügt über 26.000 Hektar Rebfläche und produziert mehr als zwei Millionen Hektoliter Wein pro Jahr.

Die Eiszeit hat Mecklenburg ausgefräst und modelliert. Der markanteste Höhenzug dieser Gegend sind die Helpter Berge, mit 179 Metern die höchste Erhebung Mecklenburg-Vorpommerns. Auch die Brohmer Berge nebenan im Stargarder Land sind Teil einer Endmoräne und bringen es auf stattliche 153 Meter. Am Fuße dieses „Gebirges“ wächst Wein.

Schloß Rattey im Landkreis Mecklenburg-Strelitz ist Mittelpunkt des kleinen Weinanbaugebietes. Das klassizistische Herrenhaus, rund dreißig Kilometer östlich von Neubrandenburg, liegt inmitten eines großen Parks mit mehr als 700 Jahre alten Eichen. Dreieinhalb Hektar Weingärten wurden dort aufgerebt, und unter dem Kreuzgewölbe des Landsitzes wurde eine Kellerei eingerichtet. Seit 2005 wird der Mecklenburger Landwein vermarktet. Henry Ebert ist hauptamtlicher Winzer und Kellermeister. „Herr über 15.000 Reben“, wie er stolz verkündet. Das Keltern hat sich der ehemalige Forstgehilfe selbst beigebracht und musste auch gleich Lehrgeld zahlen, als er prompt die erste Ladung überschwefelte. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich mal Wein machen muss, hätte ich im Chemie-Unterricht besser aufgepasst“, flachst er.

Ab Ende September beginnt die Lese. Geerntet werden etwa zur Hälfte die weißen Sorten Müller-Thurgau, Ortega, Phönix und Huxelrebel sowie roter Regent.

Als Schloß Rattey im Jahre 1806 von Hans-Christoph von Oertzen, einem königlich-preußischen Major, errichtet wurde, lebten die Bauern noch in Leibeigenschaft, die weitere vierzehn Jahre andauern sollte. Mecklenburg galt zu der Zeit als die rückständigste Region auf deutschem Boden. Erst 1918 wurde der mittelalterliche Ständestaat abgeschafft, die Großherzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz wurden bürgerlich-demokratische Freistaaten. An den Eigentumsverhältnissen änderte sich jedoch nichts. Die Bodenreform 1945 stieß daher auf Sympathie bei den Landarbeitern. Nach der Parole „Junkernland in Bauernhand“ wurde Großgrundbesitz über hundert Hektar entschädigungslos enteignet, und die Landschlösser bzw. Herrenhäuser wurden neuen Bestimmungen zugeführt.

Auf dem einstigen Rittergut Rattey zogen Konsum, Kinderhort und Sozialstation ein. Nach der Wende stand das Haus sieben Jahre leer, bis ein Insolvenzanwalt aus Bremen das Anwesen kaufte. Einheimische Handwerker wurden mit der Restaurierung und dem Umbau zum Schlosshotel beauftragt. In elf großen Doppelzimmern und drei Suiten kann man nun Urlaub machen, wo der Wein wächst.

Auf die Idee mit dem Wein kam der neue Schlossherr Dr. Karsten Förster, als er eine alte Lithographie des Landsitzes sah mit Weinranken an der Südfront. Des weiteren gesellte sich ein Verschnitt aus Liebe zum Wein, Wagemut und Idealismus hinzu. Man saß in fröhlicher Runde beisammen und mag wohl auch tief ins Glas geschaut haben, als am 1. April 1999 der „Verein der Privatwinzer zu Rattey“ gegründet und der Hausmeister zum Kellermeister befördert wurde. Doch die Vereinsgründung war sinnvoll, sind doch von Rechts wegen nur 99 Reben pro Hobbywinzer erlaubt. Der Ertrag der ersten fünfhundert Rebstöcke, die Ende Mai 1999 gepflanzt wurden, gab jedenfalls Anlass zur Hoffnung.

Weinbau im Norden der Republik ist nichts Neues. Bereits im 13. Jahrhundert steckten Zisterziensermönche Weinstöcke in mecklenburgische Erde, um den Kelch für das Abendmahl füllen zu können. Auch den Landesfürsten gelüstete es nach dem göttlichen Tropfen. Weil Grenz- und Binnenzölle, Wege- und Brückenabgaben im politisch zersplitterten Deutschland die Einfuhr jedoch teuer machten, versuchte man es selbst mit der Herstellung. Der eigene gegorene Traubensaft erwies sich als saures Gesöff. Zumindest entsprachen süße Weine mehr dem Geschmack jener Tage. Herzog Heinrich V., genannt der Friedfertige, ließ deshalb im Jahre 1505 ausgesuchte Reben aus der Rheingegend kommen, um den Mecklenburger Wein zu verbessern. Der gute Wille war nicht von Erfolg gekrönt, und die Rebenkultur kam mit der Zeit zum Erliegen. 1855 verschwand auch der letzte Weinberg in Mecklenburg.

Trotz des Traditionsnachweises und des Wohlwollens der Landesregierung in Schwerin erntete der Antrag auf erwerbsmäßigen Weinbau Spott und Häme. Die Fischköppe wollten nun auch noch Wein machen, wurde gekalauert, nachdem das Ansinnen publik wurde. Wenn es mit einem positiven Bescheid nichts werden würde, müssten die bestehenden Weinberge wohl gerodet werden, wieherte der Amtsschimmel aus der Verwaltungsebene. Zumindest sollten jeweils 99 Weinstöcke eingezäunt werden, um die private Nutzung besser kenntlich zu machen, ließ ein Beamter verlauten, „der sich vorher nur mit Kartoffelanbau beschäftigt hatte“ – so Roger Bodin vom Verein der Privatwinzer zu Burg Stargard, dem zweiten Mecklenburger Weinstandort. Der Deutsche Wetterdienst schenkte den Spaßwinzern endgültig reinen Wein ein und kam zu einem ernüchternden Urteil: Zu kalt für Weinbau. Dennoch, die Kritik perlte ab. „Eine gewisse Portion Sturheit braucht man schon, wenn man in Mecklenburg Wein machen will“, versichert Hobbywinzer Roger Bodin.

Mehr als tausend Rebstöcke sind es in Burg Stargard indes nicht. Zudem wurde der neuerliche Weingarten auf den Galgenberg verbannt, wo in alten Zeiten ein stattlicher Galgen stand zur Mahnung und Abschreckung aller „Kuhdiebe, Nachtpocher, Klauer und anderer Bösewichter“. Dabei wurde bis Ende des 18. Jahrhunderts noch auf dem Burgberg Wein angebaut. Der Weinbergsweg, der zur einzigen mittelalterlichen Höhenburg Norddeutschlands führt, weist noch darauf hin. Hier oben, auf dem Landeserntedankfest vor zehn Jahren, entstand übrigens die Idee, einen Winzerverein in Burg Stargard zu gründen.

Das Städtchen duckt sich in eine Talsenke und wird umgeben von sieben „Bergen“. Der historische Kern von Burg Stargard hat Flair, und der Weinbau passt irgendwie dorthin. Mit den verputzten pastellfarbenen Häusern, dem Blumenschmuck in Kübeln und den Rosenstöcken an den Fassaden könnte man sich fast in einem badischen Weinort wähnen.

Zu einem öffentlichen Stammtisch auf Schloss Rattey wird reichlich Wein ausgeschenkt. Rheinwein, wie die Vereinsmitglieder zugeben. Im späten Frühjahr vergangenen Jahres sei ein Großteil der Weinblüte erfroren und der verbliebene eigene Wein bereits ausgetrunken. Hilfreich könnte ein altes Winzerrezept sein, wie es in einem Beitrag aus dem Jahre 1800 in der „Neuen Monatsschrift von und für Mecklenburg“ geschrieben stand: „Niemanden wird im Winter – sey er noch so kalt und strenge – ein Weinstock erfrieren, wenn er sich nur die geringe Mühe nehmen will, den Weinstock 4 Wochen vor Weyhnachten vom Geländer los zu machen, ihn platt auf die Erde nieder zu beugen und überall mit langem Kuh-Miste zu bedecken.“ Davon gibt’s in Mecklenburg ja reichlich.

Informationen

Tourismusverband Mecklenburgische Seenplatte
17207 Röbel/Müritz
Tel. 039931 53828
www.mecklenburgische-seenplatte.de

Hotel Schloß Rattey
17349 Rattey
Tel. 03968 255010
www.schlossrattey.de
Das Doppelzimmer kostet ab 80 Euro, die Suite ab 110 Euro.

Über den Mecklenburger Wein und Veranstaltungen zum Wein informiert die Website www.privatwinzer.de.

Literatur zum Thema Weinanbau in Norddeutschland

Stefan Schmidt, Weinbau – im Schatten von Burgen und Schlössern, Vom alten und neuen Weinbau im Stargarder Land und in Mecklenburg-Vorpommern – Weinoasen in Norddeutschland –
Steffen Verlag, Friedland, 2012,
ISBN 978-3-941681-23-1,
164 Seiten mit vielen Fotos und Illustrationen,
Preis: 9,95 Euro

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