Volle Kraft voraus auf der Elbe

15. August 2015 | Von | Kategorie: Die Reportage, Hamburg

Hamburg hat ein großes maritimes Erbe. Dieses zu erhalten und öffentlich zugänglich zu machen, ist das Ziel der Stiftung Hamburg Maritim und des Hafenmuseums Hamburg. Einmal im Jahr kann man den Anblick zahlreicher ehemaliger Arbeitsschiffe bei einer historischen Parade auf der Elbe erleben.

 

„Das Meer erglänzte hinten und vörn und links und rechts und daneben. Wir saßen von Wogen umbraust auf Schaarhörn und knobelten um das Leben“, rezitiert Steuermann Rainer Stück einen Auszug aus einem Gedicht von Joachim Ringelnatz. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte sich Hans Bötticher, so sein richtiger Name, bevor er sich als Komik-Lyriker ein Pseudonym zulegte, freiwillig zur Marine gemeldet. Er war in verschiedenen norddeutschen Küstenorten stationiert. In Cuxhaven wurde er 1917 auf der „Schaarhörn“ zum Leutnant befördert.

Traditionsschiffparade Stiftung Hamburg Maritim

Dampfschiff SCHAARHÖRN (Baujahr 1908) im Hamburger Hafen

Tosende Wellen umspülen das Dampfschiff fast 100 Jahre später nicht, als es vom Anleger Norderelbstraße zu einer Tour elbabwärts bis ins schleswig-holsteinische Wedel aufbricht. Stattdessen glänzen im Hamburger Hafen gleich drei Kreuzfahrtliner im Sonnenlicht, die „Europa“, die „AIDAsol“ und „Mein Schiff 1“, die an den Terminals in der HafenCity und in Altona angelegt haben. Kapitän Peter Hartmann gibt das Signal zum Ablegen. Die Dampfpfeife ertönt. Der 74-Jährige kennt das kohlebefeuerte Zwei-Schraubenstahlschiff schon aus seiner Kindheit: „Mein Vater war Hafenmeister in Brunsbüttel, wo die „Schaarhörn“ häufig festmachte.“ Später befuhr Hartmann die Weltmeere auf Stückgutfrachtern und zuletzt auf Containerschiffen. Seit 1998 ist er einer von zirka 200 Mitgliedern des Vereins „Freunde des Dampfschiffs Schaarhörn“. Zusammen mit Steuermann Rainer Stück und Rudergänger Christian Krüger manövriert Hartmann den „weißen Schwan der Niederelbe“ mit den filigranen goldenen Verzierungen am Bug und dem markanten gelben Schornstein an den Kreuzfahrtgiganten vorbei.

Freunde des Dampfschiffs Schaarhörn

Heizer Horst Wiesenberg und Karl-Heinz Linke heizen der SCHAARHÖRN ordentlich ein

Rund 20 Ehrenamtliche sind pro Fahrt an Bord, denn ohne Maschinisten und Heizer könnten die drei Männer im Ruderhaus nicht viel bewegen. Im Kesselraum schippen Horst Wiesenberg und Karl-Heinz Linke eine halbe Tonne Kohlen pro Stunde. „Es gibt einen Kessel mit drei Feuern. 30 Stunden vor einer Fahrt müssen wir diese entfachen“, erklärt Horst Wiesenberg, wischt sich den Schweiß von der Stirn und legt noch ein paar Schaufeln nach: „Im Gegensatz zu einer Dampflokomotive entweicht der Wasserdampf beim Verbrennungsvorgang nicht aus dem Schornstein, sondern verbleibt im Kreislauf.“ Im Maschinenraum nebenan wird er über einen Kondensator abgekühlt, über einen Schieber von Ölresten gesäubert und als Wasser wieder dem Tank zugeführt. Die Kesselanlage stammt noch original von 1908, dem Baujahr der „Schaarhörn“. Von der Brücke erhalten die Maschinisten und Heizer ihre Anweisungen per Sprachrohrleitung. Wenn sie diese nicht umsetzen, bewegt sich gar nichts. Sie sind die treibenden Kräfte an Bord.

„In ihren 107 Lebensjahren hat die „Schaarhörn“ nicht nur die Elbe kennengelernt“, erzählt Kapitän Hartmann während Hamburgs Wahrzeichen, der „Michel“, hinter Glaspalästen entschwindet: „Das Amt für Strom- und Hafenbau beantragte bei der Hamburger Bürgerschaft Mittel für die Konstruktion eines Peildampfers. Doch das Ganze war ein Täuschungsmanöver. Herauskam ein luxuriöses Schiff mit modernster technischer Ausstattung.“ Mit ihm wollten die Senatoren Kaiser Wilhelm II. bei seinen Hamburg-Besuchen durch den Hafen schippern. Doch dazu soll es nie gekommen sein.

Freunde des Dampfschiffs Schaarhörn

schmucker Jugendstil-Salon im Dampfschiff SCHAARHÖRN

Also wurde der schmucke Staatsdampfer letztendlich doch von Cuxhaven aus zur Seevermessung im Elbmündungsbereich und während des Ersten Weltkriegs als Minensucher eingesetzt. Nach seiner Ausmusterung 1971 fand das Schiff in Schottland eine neue Heimat, wo es nach mehreren Eigentümerwechseln allmählich verrottete. „Eine Organisation Altonaer Kaufleute erwarb es schließlich. Per Frachter kam es in die Hansestadt zurück. Fünf Jahre dauerte die Restaurierung auf der Werft von „Jugend in Arbeit“ in Harburg“, berichtet Hartmann.

Um das maritime Erbe Hamburgs zu bewahren, wurde 2001 auf Initiative der Handelskammer die Stiftung Hamburg Maritim gegründet. Hafenanlagen, Kaischuppen, Kräne, Arbeitsgeräte, eine Hafenbahn, Schiffe wie Ewer, Kutter, Schuten, Barkassen, Schlepper, Dampf- und Segelboote sind die Zeitzeugen einer vergangenen Epoche als im Hafen noch Stückgut umgeschlagen wurde.

Hafenmuseum Hamburg

alte Krane und die historische Hafenbahn vor dem Hafenmuseum Hamburg

Diese Schätze zu restaurieren und öffentlich zugänglich zu machen, ist das Ziel der Stiftung, die sich aus Spenden und mittels ehrenamtlichem Engagement trägt. „Ähnlich wie eine Reederei erwerben wir erhaltenswerte Schiffe“, erklärt Ursula Wöst von der Stiftung Hamburg Maritim: „Wobei wir derzeit keine weiteren suchen, sondern die jetzigen 13 aufarbeiten, fahren und pflegen wollen. Für jedes Fahrzeug gründen wir einen eigenen Verein. Dadurch entsteht eine enge Bindung zum jeweiligen Objekt.“ Alle Schiffe müssen einen Bezug zu Hamburg haben, dort gebaut sein, den Hafen angelaufen haben oder für die Hansestadt unterwegs gewesen sein.

Jugend in Arbeit Hamburg

Werft „Jugend in Arbeit“ in Hamburg-Harburg – Bootsbaumeister Gorch von Blomberg

„Ohne die Werft „Jugend in Arbeit“ wäre es aus finanzieller Sicht nicht möglich, die Schiffe zu restaurieren“, so Ursula Wöst. Die heutige gemeinnützige GmbH in Harburg wurde bereits Anfang der 1980er Jahre als Verein gegründet. „Zu einer Zeit als die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch war“, weiß Bootsbaumeister Gorch von Blomberg: „Das erste Schiff, das wir für die Stiftung Hamburg Maritim fünf Jahre lang überholt haben, war die „Schaarhörn“.“ Derzeit dümpelt Hamburgs älteste Hafenbarkasse „Meta“ (Baujahr 1908) unter einer Plane vor dem Werftgebäude und wartet auf ihr Facelifting. „Die jungen Leute, die hier tätig sind, sind Auszubildende und Umschüler aus ganz Deutschland. Es sind meist Jugendliche mit schlechtem oder gar keinem Schulabschluss, die aber handwerklich begabt sind“, sagt von Blomberg: „Sie bekommen sinnvolle Aufgaben, denn sie werkeln nicht an Gegenständen, die hinterher niemand braucht, sondern sanieren Schiffe, die fahrtüchtig gemacht werden sollen. Wir bieten die Berufssparten Bootsbauer, Tischler und Konstruktionsmechaniker an.“

Ringelnatzlesungen auf dem Dampfschiff Schaarhörn

auf dem Dampfschiff SCHAARHÖRN wurde Joachim Ringelnatz 1917 zum Leutnant befördert

Wenn die instand gesetzten Fahrzeuge nicht auf der Elbe unterwegs sind, liegen sie meist im Sandtorhafen in der innovativen HafenCity. Bis zu 25 Traditionsschiffe können hier festmachen. Es ist Hamburgs ältestes künstlich angelegtes Hafenbecken. Ab 1866 konnten hier Frachter direkt am Kai mittels dampfbetriebenen Kränen abgefertigt werden. Sie mussten ihre Ladung nicht im Elbstrom auf Ewer und Schuten löschen. Das berühmteste Zeugnis des Hambuger Hafens ist die 1888 eröffnete Speicherstadt mit ihrem denkmalgeschützten Backstein-Lagerhauskomplex. 20 Jahre später entstanden die 50er Schuppen auf der gegenüberliegenden Elbseite. Die auf dem Kleinen Grasbrook gebaute Umschlagsanlage war die größte und progressivste ihrer Zeit und bis zur fortschreitenden Containerisierung in den 1970er Jahren in Betrieb. Die Stiftung Hamburg Maritim rettete einige Gebäude vor dem Abbruch und verpachtet sie als Büros und Magazine an Firmen, für Großveranstaltungen und ans Hafenmuseum Hamburg. Ein Duft von Gewürzen liegt immer noch in der Luft, denn sie werden hier nach wie vor gelagert.

Hafenmuseum Hamburg - 50er Schuppen

vor dem Hafenmuseum Hamburg dümpeln Schutendampfsauger „Sauger IV“ und Schwimmdampfkran „Saatsee“

Im Hansahafen vor dem Schuppen 50 A, in den das Hafenmuseum einzog, dümpeln um die 100 Jahre alte Arbeitsgeräte im Wasser: mehrere Schuten, Schwimmdampfkran „Saatsee“ und Schutendampfsauger „Sauger IV“. Entlang des Bremer Kais rangiert die historische Hafenbahn. Lastenkräne recken sich in den Himmel. Davor ankert das derzeit umfangreichste Sanierungsprojekt der Stiftung Hamburg Maritim: der Frachter „MS Bleichen“. Er brachte Stückgut nach Schweden und Finnland und kam mit Zeitungspapier in Rollen – überwiegend für den Axel-Springer-Verlag – und Schnittholz zurück. Manchmal setzte der Reeder die „Bleichen“ auch in Westafrika ein, um Tropenholz, Kakaobohnen oder Erdnüsse in die Hansestadt zu holen. Aber schon nach zwölf Jahren war sie zu unrentabel und wurde an einen türkischen Investor verkauft.

 

Das Hafenmuseum ist eine Außenstelle des Museums der Arbeit im Stadtteil Barmbek. „Anhand von 10.000 Exponaten sind wir dabei, ein Erlebnismuseum zu schaffen. Wir möchten den Rost stoppen, aber die Gebrauchsspuren, die Patina, erhalten“, erläutert Leiterin Ursula Richenberger: „Wir wollen den Hamburger Hafen von 1860 bis in die Gegenwart demonstrieren.“

Hafenmuseum Hamburg - 50er Schuppen

Hafenmuseum Hamburg – Hafensenior Wilhelm Wendtorff erklärt den Stückgutumschlag

Ehemalige Hafenarbeiter, die Hafensenioren, führen kostenlos durchs Schaudepot. Wilhelm Wendtorff ist einer von ihnen: „Im Schuppen 50, in dem ich seit Jahren Führungen mache, habe ich 1963 angefangen. Dort habe ich Kaffeesäcke und Kisten transportiert. Das war eine schwere Arbeit, doch man erlernte auch spezielle Techniken, um den Rücken zu schonen.“ Wilhelm Wendtorff durchlief verschiedene berufliche Stationen und wurde schließlich Ausbilder für junge Hafenarbeiter, bis diese immer weniger gebraucht wurden. „Der Hafen war und ist mein Leben“, sagt er, und seine Augen leuchten: „Für mich gibt es in der ganzen Stadt keinen Ort, an dem ich mich heimischer fühle.“

Stiftung Hamburg Maritim

Traditionsschiffparade auf der Elbe – Dampfeisbrecher ELBE und Dampfschiff SCHAARHÖRN

Damit Hamburger und Hamburg-Besucher alle historischen Schiffe zusammen in Fahrt erleben können, findet seit 2012 einmal im Jahr zusammen mit dem Museumshafen Oevelgönne eine große Parade von rund 50 Traditionsschiffen statt. Dann tröten und schaukeln das Dampfschiff „Schaarhörn“, der Hochseekutter „Landrath Küster“, der Besan-Ewer „Johanna“, das Feuerschiff „Elbe 3“ und der Dampfeisbrecher „Elbe“ mit vielen weiteren alten Schiffen vor dem „Michel“ um die Wette. Ein wahrhaft historischer Augenblick.

Informationen

Die nächste gemeinsame „Parade der Traditionsschiffe“ der Stiftung Hamburg Maritim und des Museumshafens Oevelgönne findet am 17. September 2016 statt – eingerahmt in ein Hafenfest zum 150-jährigen Geburtstag des Sandtorhafens (Hamburgs ältestem künstlich angelegten Hafenbecken) in der HafenCity.

Stiftung Hamburg Maritim Tradtionsschiffparade

Traditionsschiffparade – Hochseesegelkutter ASTARTE von 1903 und H.F. 231 LANDRATH KUESTER von 1889

Mitfahrten auf Schiffen, die an der Parade teilnehmen, aber auch Mit- und Charterfahrten zu anderen Terminen auf der „Schaarhörn“ und weiteren historischen Schiffen, kann man buchen bei:
Stiftung Hamburg Maritim
Australiastraße, Schuppen 52 A
20457 Hamburg
Tel. 040 78 08 17 05
E-Mail: charter@hamburgmaritim.de
oder online unter: www.hamburgmaritim.de
Allgemeine Informationen:
www.stiftung-hamburg-maritim.de

Freunde des Dampfschiffs Schaarhörn

Dampfschiff SCHAARHÖRN ist auf der Elbe unterwegs

Die „Schaarhörn“ (www.schaarhoern.de) hat Platz für 85 Gäste: Jugendstil-Salon auf dem Hauptdeck (20 Personen), Salon mit Bar auf dem Unterdeck (20 Personen), Ober- und Sonnendeck (45 Personen)

Tickets für eine Mitfahrt anlässlich der Traditionsschiffparade kosten für Erwachsene 35 €, für Kinder (bis 14 Jahre) 17,50 €. Preise für Mitfahrten an anderen Tagen richten sich nach der Fahrtdauer und variieren zwischen 38 und 89 € pro Erwachsener. Halber Preis für Kinder bis 14 Jahre.

In regelmäßigen Abständen finden auf dem Dampfschiff „Schaarhörn“ (Preis 62 €) sowie auf dem Lotsenschoner „No. 5 Elbe“ (Preis 45 €) „Ringelnatz“-Lesungen mit 3-Gänge-Menü statt.

Neben der Stiftung Hamburg Maritim ist der Museumshafen Oevelgönne die zweite große Einrichtung, die sich für den Erhalt und Betrieb historischer Schiffe in der Hansestadt einsetzt. Nähere Informationen:

Museumshafen Oevelgönne e.V.
Anleger Neumühlen
22763 Hamburg
Tel. 040 41 91 27 61
www.museumshafen-oevelgoenne.de

Das Hafenmuseum Hamburg ist von April bis Oktober (Di bis So, 10 bis 18 Uhr) geöffnet:
Hafenmuseum Hamburg
Australiastraße, Kopfbau des Schuppens 50 A
20457 Hamburg
Tel. 040 73 09 11 84
www.hafenmuseum-hamburg.de
Eintrittspreise
Erwachsene 5,50 €, ermäßigt 3,70 €, freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren
Kostenlose Parkplätze. 15-minütiger Fußweg oder zwei Minuten mit dem Bus 256 von der S-Bahnhaltestelle Veddel (BallinStadt) (S-Bahnlinien S3 und S31). Alternative: 3 x täglich wird das Hafenmuseum von den Landungsbrücken aus mit einer Barkasse der Museumslinie Maritime Circle Line angefahren. So können Besucher noch zusätzlich eine Hafenrundfahrt genießen. Die Fahrt kann an jeder Haltestelle unterbrochen werden. Preis für ein Tagesticket: Erwachsene 16 €, Kinder/Jugendliche (7 – 15 Jahre) 8 €: Tel. 040 28 49 39 63, www.maritime-circle-line.de

(Stand aller genannten Preise: 2015)

Allgemeine Informationen über Hamburg
www.hamburg-tourismus.de

© Dagmar Krappe (Text und Fotos) und Axel Baumann (Fotos/Videos)

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