Von Schneidern, Schaffern, Kohl und Pinkel

12. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Bremen

Bremer halten auf manch seltsam anmutende Tradition

Schaffermahl / © BTZ

Schaffermahl / © BTZ

Am Dreikönigstag sitzt der typische Bremer nicht daheim und schmückt den Tannenbaum ab, wie es andernorts Brauch ist. Er steht bei Eiseskälte auf einem Weserdeich unterhalb der Bremer Innenstadt und amüsiert sich. Dort nämlich schauen Bremer Honoratioren einem 99 Pfund schweren Schneider dabei zu, wie er die Weser überquert. Ist sie zugefroren, trägt sie das tapfere Schneiderlein? Die „Eiswette“: einer von diversen kuriosen Bräuchen in der Hansestadt im Winter – wie auch die Schaffermahlzeit oder Kohlfahrten. Aber der Reihe nach …

Alljährlich am 6. Januar Schlag 12 Uhr marschieren etwa 15 honorige Herren zum Punkendeich. Sie warten auf die Heiligen Drei Könige sowie den erwähnten leichtgewichtigen Schneider samt eines heißen Kohlebügeleisens, das er in der Hand zu halten hat. „Geiht oder steiht“ die Weser, fließt sie oder ist sie zugefroren? Das ist seit 1829 die große Frage, wenn bei der „Eiswette“ auf die Begehbarkeit des Flusses gewettet wird. Der Zeremonienmeister prüft zunächst das Gewicht des Schneiders. Bevor dieser versucht, samt Bügeleisen trockenen Fußes auf die andere Flussseite zu kommen, lässt er sich lauthals über allerlei Merkwürdigkeiten des vergangenen Jahres aus. Ob bremische Obrigkeiten oder Weltkonzerne, da kriegt jeder sein Fett weg.

Doch nun zur eigentlichen „Eisprobe“ – deren Ausgang vorhersehbar ist. Schon seit 1946 ist die Weser nie mehr zugefroren. Darum wird die Wette heute per Los entschieden. So ist gesichert, dass sich Verlierer finden, die die Eiswette und das anschließende Festmahl für 500 Honoratioren bezahlen. Der Schneider lässt sich wegen der Gegebenheiten schon lange mit einem Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ans andere Ufer bringen. Im Gegenzug für diese Gefälligkeit sorgt der Schneider dafür, dass beim Eiswett-Stiftungsfest für die Retter gesammelt wird. So erhält die DGzRS ihre größte jährliche Einzelspende. Mehr als 150.000 Euro kommen pro Jahr zusammen. Während die Eiswette öffentlich ist und stets Besuchermassen an den Punkendeich lockt, können am Stiftungsfest nur geladene Herren (!) teilnehmen.

Unterwegs auf Kohlfahrt

Kohltour um den Werdersee / © BTZ

Kohltour um den Werdersee / © BTZ

Ein Vergnügen für jedermann ist das Kohlessen. Immer wieder wird der aufmerksame Beobachter im Januar und Februar kleinere Grüppchen entdecken, die mit einem Bollerwagen voller Hochprozentigem durch die Randbezirke der Stadt oder die Umgebung wandern. Wer sich auskennt, weiß: Die Truppe ist auf „Kohlfahrt“. Im Gepäck sind neben Schnaps auch Spiele, denn die Kohlfahrer versuchen, mit Aktivitäten und Bewegung Appetit auf das anschließende deftige Essen zu bekommen. Auf den Tisch kommen dabei „Kohl und Pinkel“. Darunter verstehen Eingeweihte einen Teller voll Grünkohl (den Bremer Braunkohl nennen), Kassler, Mettwurst, Bauchspeck, Salz- oder Bratkartoffeln und Senf. Halt, und natürlich Pinkel, eine ausgesprochen leckere Grützwurst, die für viele sogar der Hauptgrund ist, das Gericht zu bestellen.

Auf so einer Kohltour war vermutlich jeder Bremer schon. Beim ältesten Brudermahl der Welt, der Schaffermahlzeit, sind hingegen nur wenige mit von der Partie. Nur die „Schaffer“, die das Mahl bezahlen, sind traditionell aus der Hansestadt. Sie sind Mitglieder des Hauses Seefahrt, einer traditionsreichen Fürsorgeeinrichtung für Kapitäne und ihre Hinterbliebenen. Zudem dürfen 100 kaufmännische Mitglieder, rund 100 seemännische Mitglieder und 100 Ehrengäste teilnehmen. Frauen haben nur ausnahmsweise Zutritt: 2004 durfte zum ersten Mal eine teilnehmen, eine Kapitänin. Bundeskanzlerin Angela Merkel war 2007 erster weiblicher Ehrengast. Die Ehrengäste dürfen übrigens nur einmal im Leben dabei sein. Einzige Ausnahmen waren bisher Theodor Heuss und Horst Köhler. Sie nahmen aber in unterschiedlichen Funktionen an dem Mahl teil, weshalb die strengen Regularien nicht verletzt wurden.

Noch eine Herrenrunde also, zum guten Teil in Frack und Lackschuhen, zum anderen in Uniform. Haben sich die 300 Männer in der Oberen Rathaushalle eingefunden, wird bald der erste Gang der traditionellen Speisenfolge aufgetragen: Bremer Hühnersuppe. Es folgen – unterbrochen von zwölf Reden – Stockfisch mit Senfsauce und Salzkartoffeln, Seefahrtsbier, Kohl mit Pinkel, Rauchfleisch, Maronen und Bratkartoffeln, Kalbsbraten mit gedämpften Äpfeln, Katharinenpflaumen und Selleriesalat und schließlich Rigaer Butt, Zunge, Wurst, Käse und Sardellen, ein Fruchtkorb und Kaffee. Zum guten Schluss wird geraucht, aus langstieligen weißen Tonpfeifen.

Schmausen nach Bremer Art

Die Bremer Touristik-Zentrale (BTZ) verschafft Besuchern gern eine Ahnung von Bremer Gepflogenheiten. Zum Beispiel können sie im köstlichen Fundament des Rathauses, im Ratskeller, speisen: Das „Bremer Traditionsmahl“ ist ein Sechs-Gänge-Menü mit Speisen wie Bremer Hühnersuppe und Stockfischbällchen, das ab 39 Euro für Gruppen ab zehn Personen buchbar ist. Das erweiterte Programm unter dem Titel. „Tradition verpflichtet“ (ab 15 Personen für 49 Euro pro Person) umfasst zudem eine Rathausführung. Außerdem sorgt ein Gästeführer für eine Beilage zum Menü: jede Menge Informationen zu Bremer Traditionen.

In Herbst und Winter können Gäste auch Kohl und Pinkel kosten. Die BTZ bietet dafür zum Beispiel den „Bremer Schlemmerteller“ für 15 Euro an, genauer: einen Gutschein, der in 17 Bremer Lokalen eingelöst wird. Die Restaurants laden die Schlemmerfreunde dann auf ein kleines Getränk ein. Die „große Lösung“ ist die Teilnahme an einer regelrechten Kohl- und Pinkelparty (an Land für 19,50 Euro pro Person) oder eine Kohl- und Pinkelfahrt auf der Weser (für 32,50 Euro pro Person), die ab 21. Januar 2012 bis Ende Februar freitags und samstags veranstaltet werden. Beide Angebote können ebenfalls über die BTZ gebucht werden.

Weitere Informationen und Buchung des „Bremer Traditionsmahls“ und anderer Angebote über das Service-Telefon der BTZ unter 0 18 05/10 10 30 (14 Ct./Min. dt. Festnetz, max. 42 Ct./Min. Mobilfunk), unter Telefon 04 21/30 800 10 oder im Internet unter www.bremen-tourismus.de.

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