Wallensteins Lager oder Zuckermeyer-Suite

29. August 2011 | Von | Kategorie: Hotelfluchten

Kleine Fluchten: Im Hotel Exempel-Schlafstuben in Tangermünde erzählt jedes Zimmer seine eigene Stadtgeschichte

Es war einmal eine Familie, die suchte Mitte der 1990er Jahre ein Haus, um dort ihre vielen alten bäuerlichen und Schulmöbel unterzustellen. In Tangermünde in der Altmark wurde sie fündig. Direkt im Zentrum der mittelalterlichen Backstein- und Fachwerkstadt. „Da die Zeiten nach der Wende beruflich unsicher waren, kamen wir eines Tages auf die Idee, ein Restaurant zu eröffnen, ausreichend ausgefallenes Mobiliar hatten wir ja“, erzählt „Oma“ Erika Schönwald. Im Dezember 1997 eröffnete die pensionierte Lehrerin die Exempel-Gaststuben in einer ehemaligen Schule. Im Erdgeschoss des Fachwerkhauses befanden sich einst die Klassenräume. Der Lehrer wohnte im Stockwerk darüber. Genauso ist das Gebäude heute wieder eingerichet. Nur werden auf den Schultischen keine Klassenarbeiten mehr geschrieben, sondern Gerichte namens Pflastersteine, Pferdeäpfel oder Hansesack mit Kuhschwanzbier serviert. Wer lieber im Bett oder in der Wäschekammer am Bügelbrett speisen möchte, der geht in die ehemalige Lehrerwohnung.

Da Tangermünde touristengünstig am Elberadweg liegt und immer mehr Besucher nach Übernachtungsmöglichkeiten fragten, eröffnete Familie Schönwald gegenüber der Gaststätte und der mittelalterlichen St. Stephanskirche im November 2010 das Hotel Exempel-Schlafstuben. An ein altes Gebäude mit schiefen Wänden und knarrenden Dielen wurde ein neuer Trakt im Fachwerkstil und in traditioneller Lehmbauweise angefügt. Die Regie haben inzwischen Sohn Tiemo und Enkelin Stine übernommen. 50 Mitarbeiter verwöhnen die Gäste. „Jedes der 18 Themenzimmer hat mit Tangermündes Stadtgeschichte zu tun“, erzählt Erika Schönwald. In „Wallensteins Lager“ bettet man sein Haupt auf weiche Matratzen, die auf Feldbetten aus Weidenholz liegen und das Lagerleben des 17. Jahrhunderts widerspiegeln. Auch die „Räuberhöhle derer von Quitzow“ ist rustikal mit zwei Doppelstockbetten ausgestattet. Am Kleiderhaken an der Wand hängt eine Ritterrüstung.

Nach Kaiser Karl IV ist ein Gemach mit Badezuber benannt. Er regierte im 14. Jahrhundert große Teile Europas von Prag aus und ließ die Tangermünder Burg zu seiner Nebenresidenz ausbauen.

Aber es geht auch romantischer: Zum Beispiel in der Zuckermeyer-Suite, die an den ehemaligen Schokoladenproduzenten und Mäzen der Stadt erinnert. Ein Milch- oder Schaumbad sollte man sich in der frei stehenden Badewanne im „Prinzessin Feodora Chambré“ oder im „Königin Luise Salon“ gönnen. „Friedrich Theodor Meyer gründete im Jahre 1826 in Tangermünde eine Zuckersiederei“, weiß Erika Schönwald: “1903 kam eine Schokoladenfabrik hinzu. Seit 1910 wird die Schokolade unter dem noch heute bekannten Namen Feodora vertrieben.“ Prinzessin Feodora von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, eine Schwägerin Kaiser Wilhelm II., verstarb 1910 mit knapp 36 Jahren. Der Zuckerfabrikant entwickelte gerade eine neue, sehr elegante Schokoladenrezeptur. Er trat an die damalige Kaiserin Auguste Victoria heran und bat sie, seine Schokolade nach ihrer Schwester benennen zu dürfen. Die Kaiserin willigte ein. Nach Ende des zweiten Weltkriegs kam es zur Enteignung des Unternehmens. In Hamburg begann der Neuanfang. Die Schokoladenproduktion übernahm die Firma Hachez in Bremen.

„Abgebrannt“ ist man hingegen im „Grete-Minde-Zimmer“. Das Schicksal der zündelten Tangermünderin, die vielleicht auch ein Justizopfer war, nahm Theodor Fontane als Vorlage für seine 1879 erschienene Novelle „Grete Minde“. Im September 1617 fielen 486 Wohnhäuser und 52 Scheunen einer Brandstiftung zum Opfer. Erst zum 390. Todestag wurde ihr vor dem Tangermünder Rathaus ein Denkmal gesetzt. Im Zimmer „Fontanes Bibliothek“ findet sicherlich jeder die passende Einschlaflektüre.

Auch die Wände der ansonsten modernen Badezimmer sind dem Thema des jeweiligen Schlafraums angepasst. Mal sind sie unverputzt oder mit kleinen Feldsteinen verziert, mal zeichnen sie sich durch weiche, warme Farben aus.

Flachbildschirm und Telefon sind die einzigen „störenden Elemente“ in Tangermündes Stadtgeschichte-Zimmern, aber auch in Käpt’n Kolles Kajüte möchte offenbar niemand auf den Komfort von heute verzichten. Zumindest nicht, falls es mal regnet.

Wer nicht am täglichen Buffet im Hotel teilnehmen oder im Klassenraum speisen möchte, dem steht die ehemalige Nikolaikirche am Neustädter Tor offen. Seit 2000 gehört sie als mittelalterliche Zecherei St. Nikolai ebenfalls zur Familie Schönwald.

MULTIMEDIA

Information:
Anreise
Tangermünde liegt in der Altmark, im Norden Sachsen-Anhalts, direkt am Elberadweg.

Adresse
Exempel-Schlafstuben Tangermünde
Lange Straße 24
39590 Tangermünde
Tel. 039322 7354000
www.exempel.de
www.exempel.de/hotel

Preise inkl. Frühstücksbuffet
EZ ab 55 Euro
DZ ab 79 Euro

alle Zimmer mit kostenlosem WLAN, Telefon, TV, Dusche oder Badewanne / WC
hauseigener Parkplatz, Fahrradgarage

Touristinformation
Tangermünder Tourismus-Büro
Markt 2
39590 Tangermünde
Tel. 039322 22393
www.tourismus-tangermuende.de

© Text: Dagmar Krappe, Fotos: Axel Baumann

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