Wild-West-Romantik auf Westfälisch

14. April 2012 | Von | Kategorie: Die Reportage, Nordd. Tiefland

Einmal im Jahr verwandeln sich die Weiten des Münsterlands in einen brodelnden Hexenkessel – zumindest für einjährige Hengstfohlen

Wildpferde in Duelmen

Auch fernab der münsterländischen Gefilde muss der tägliche Blick ins Internet einfach sein. Selbst im fernen Rheinland. Kaum hatte die junge Frau die Homepage ihrer Stadt „www.duelmen.de“ in die Tastatur getippt, sprudeln wenige Augenblicke später die Neuigkeiten ihrer Heimat aus dem handlichen Computer. „Einmal im Jahr werden bei uns im Frühjahr die Wildpferde gefangen“, berichtet sie stolz ihrem Freund, der neben ihr steht. „Egal wie das Wetter die Tage vorher auch war, ob es regnete oder hagelte. Am letzten Samstag im Mai, wenn bei uns die Pferde zusammengetrieben werden, gibt es immer schönes Wetter – garantiert! Früher brauchten wir nur auf diesen Tag die Party zu legen, und wir hatten stets gutes Wetter – egal was die Meteorologen vorher auch angekündigt haben“, schwelgt sie in Erinnerungen. Heute scheint ihre meteorologische Vorhersage wieder Recht zu behalten. Es ist kurz vor 15:00 Uhr, der leichte Nieselregen hört urplötzlich auf und die ersten Sonnenstrahlen blinzeln zaghaft durch die aufbrechende Wolkendecke. In wenigen Augenblicken wird die rund 300 Pferde zählende Herde in die Arena stürmen.

Mucksmäuschen still wird es. Der noch feuchte Waldboden fängt an zu vibrieren. Das dumpfe Stampfen der Hufe wird allmählich lauter und lauter – schon galoppiert die Leitstute in die Arena, dicht gefolgt von ihrer Herde. „Das Alter zählt nicht bei der Rangordnung innerhalb der Herde“, erklärt unterdessen die Stimme aus dem Lautsprecher: „Die cleverste Stute macht das Rennen, die Pferdedame, die besonders fit ist, leitet den Verband.“ Ganz nebenbei erfahren die Zuschauer Wissenswertes über Fang und Wildpferde.

Wildpferde in Duelmen

Kaum sind alle Tiere in der Arena versammelt, schließen die zwei Dutzend Fänger das Gatter. Auf der Rasenfläche im Innern bildet sich langsam ein großer schwarzer, brauner und beige-farbener Farbklecks. Kaum haben sich die Pferde mit der noch ungewohnten Situation zurechtgefunden beäugen sie skeptisch, zugleich auch etwas neugierig, das Publikum und die Männer in den Blaukitteln um sie herum. Nur die Zuschauer wissen, dass gleich für die Junghengste das Leben in Freiheit enden wird.

Für die 20 bis 25 Fänger ist es eine körperlich anstrengende Arbeit, oft auch mit blauen Flecken und kleineren Blessuren verbunden. Dennoch würde keiner von ihnen auf den Gedanken kommen, sich vor dieser Aufgabe zu drücken. „Schon mein Urgroßvater Heinrich war dabei“, erzählt Andreas nicht ohne Stolz. „Dieses Amt wird immer vom Vater auf den Sohn weitergegeben“, fährt der Westfale fort. So übernahm er mit achtzehn Jahren diese „Bürde“ von seinem Vater.

Wildpferdefänger

Im Gegensatz zu den amerikanischen Cowboys ist es für die Münsterländer Pferdefänger reine Handarbeit. Ohne Lasso – allein mit ihren Händen – müssen sie an diesem Nachmittag rund 40 ungestüme Hengstfohlen von der Herde trennen. „Jeder von uns hat so seine eigenen Tricks und Kniffe, um sich fit zu halten“, verrät der Fänger aus der angrenzenden Ortschaft Maria Veen. „Ich halte mich mit Schwimmen fit, andere wiederum gehen joggen. Heute morgen habe ich erst mal mitgeholfen ein Dach zu decken.“ Eines haben fast alle Fänger gemeinsam: Sie sind auf Bauernhöfen in der Umgebung rund um das münsterländische Dülmen groß geworden und haben es von klein auf gelernt mit Tieren umzugehen.

Schon geht es los. Eine kleine Gruppe von Pferden wird aus der Herde isoliert und in eine Ecke abgedrängt. Wird ein Hengst ausgemacht, schnappen sich die Fänger sofort das Objekt ihrer Begierde und ab geht die Post – in die Mitte der Arena. Kaum spürt der Vierbeiner seinen Häscher am Hals, galoppiert er im D-Zug-Tempo wieder zurück Richtung Herde. Der Fänger klebt regelrecht an seiner Seite ohne jedoch seine Beute aus den Armen zu lassen. Das noch vorhandene zottelige Winterfell erleichtert nicht gerade das Fangen. Noch ist nicht zu erkennen, wer wen durch den Ring jagt. Nach wenigen Metern siegt jedoch der Zweibeiner; beide gehen zu Boden und kugeln wild durcheinander über den weichen Rasen. Mehr oder wenig freiwillig lässt sich jetzt das Fohlen das Halfter anlegen. Nur selten bleiben die Stuten untätig stehen und schauen bloß zu, wie ihr Filius an die Leine gelegt wird. Jetzt heißt es Aufpassen für die Männer. Wild fuchteln sie mit den Händen, versuchen die etwas unruhige Mama zu verscheuchen. Zögerlich trollt sich die Pferdedame einige Sekunden später wieder in Richtung Herde. Mit dem Anlegen des Halfters ist es jedoch nicht getan. Jetzt beginnt ein nicht minder schwieriger Teil: Der Hafermotor muss auf die andere Seite befördert werden, dorthin, wo sich die Gatter für die Versteigerung befinden. Auf dem Weg dahin spielen die Pferde noch einmal ihre bis dato ungezähmten 1-PS aus. Häufig rutschen die Fänger auf ihrem Hosenboden hinter dem Hengst her, müssen das Seil loslassen, stehen auf und jagen erneut ihrem Fohlen wieder nach.

Der Publikumsliebling des Tages ist ein kleiner Rappen. Immer wieder gelingt es ihm seinen Häschern zu entkommen. Kaum glauben sie ihn wieder in eine Ecke abgedrängt zu haben, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt, findet er die rettende Lücke und sprintet wieder zurück zur Herde. Vier Mal gelingt ihm dieser Husarenritt bevor ihn ebenso sein vorherbestimmtes Schicksal trifft. Unter tosendem Beifall wird auch er zu seinen Altersgenossen gebracht. Nach gut einer Stunde ist das Spektakel vorbei. Der restliche Teil der Herde wird wieder in die Freiheit entlassen. Für die kommenden 365 Tage haben sie wieder Ruhe vor den Menschen.

Für die verbliebenen Hengstfohlen ist der Tag noch nicht zu Ende: Sie warten jetzt auf ihre neuen Besitzer. Meistbietend werden die Jährlingshengste auf einer Auktion unter den Pferdefreunden versteigert. Unter den Pferdeliebhabern wird der Dülmener Wildling bevorzugt als Reitpferd für Kinder und als Zugpferd für Kutschen eingesetzt. Geschätzt wird er außerdem wegen seiner Genügsamkeit und Gelehrigkeit.

Hofreitschule und Dressur

Mit einem bunten Rahmenprogramm startet bereits in den Mittagsstunden das traditionelle Ereignis im westlichen Münsterland. Erwartungsgemäß steht hier ebenfalls das Pferd als Reit- und Zugtier im Mittelpunkt des Geschehens. Ihr reiterisches Können auf dem Hindernisparcours stellen die Jugendliche mit ihren Ponys unter Beweis. Vor Tausenden von Zuschauern ermitteln sie ihren Kreismeister und die Teilnehmer für die anstehenden Westfalenmeisterschaften. Viel Beifall ernten auch die zahlreichen Gespanne, die mit einem, zwei oder gar vier PS um die Hürden rasen. Ein Raunen geht durch die Menge als ein Münsterländer Reiter in die Arena galoppierte. Auf zwei Kaltblütern stehend jagt er über das Hindernis. Die Freunde der spanischen Hofreitschule kommen im Anschluss daran auf ihre Kosten. Zu den Klängen eines Wiener Walzers präsentieren die Reiterinnen und Reiter die hohe Schule des Dressurreitens. So eingestimmt startet dann der eigentliche Hauptteil des Nachmittags – das Fangen der Wildpferde aus dem Merfelder Bruch.

Wildpferde leben hier schon seit Menschengedenken. Urkundlich erstmals erwähnt wurden sie 1316. Im 14. Jahrhundert sicherte sich der Herr von Merfeld neben Fischerei und Jagd auch das „Recht an den Wilden Pferden“. Damals stand ihnen ein Lebensraum von gut 4.000 Hektar Bruchlandschaft zur Verfügung. Mit dem Ausbau der Landwirtschaft wurde ihre natürliche Umwelt peu à peu verkleinert. Heute teilen sich die Pferde eine etwa 350 ha große Wald- und Weidefläche. Möglich wurde dieses Reservat durch das Engagement eines Vorfahren des heutigen Herzogs von Croÿ.

Kurz vor dem Aussterben der letzten freilebenden Wildpferde bot Herzog Alfred von Croÿ ihnen Mitte des 19. Jahrhunderts Asyl auf seinem Grund und Boden. Hier im Bruch leben die Pferde in streng hierarchisch organisierten Familienverbänden – im Freien, bei Wind und Wetter. Schutz bietet ihnen alleine der Wald. Lediglich im Winter, wenn hoher Schnee den Boden bedeckt, und die Nahrungssuche nicht möglich ist, gibt es Heu vom Bauern. Einen Schmied oder Tierarzt haben diese Waldbewohner noch nie gesehen. Wohl eher Verhaltensforscher, die diese Pferderasse des öfteren zum Gegenstand ihrer Untersuchungen machen.

Das Fehlen natürlicher Fressfeinde wie Wolf und Bär erzwingt eine andere Form der notwendigen Auswahl. Wegen der begrenzt verfügbaren Fläche im Merfelder Bruch müssen die jungen Hengste aus der Herde herausgefischt werden. Werden sie geschlechtsreif, versuchen sie ihren Rivalen die Stuten abzujagen und eine eigene Herde aufzubauen, aber dafür ist das vorhandene Areal einfach zu klein. Seit 1907 werden daher die jungen Hengste alljährlich gefangen. Aus der biologischen Notwendigkeit ist inzwischen ein riesiges Spektakel geworden, das weit über die Grenzen des Münsterlands bekannt ist. Scharen von Schaulustigen kommen von überall her, um jeweils am letzten Samstag im Mai an dieser westfälischen Attraktion teilzunehmen.

Informationen

Bis Anfang März ist die Wildpferdebahn im Naturschutzgebiet Merfelder Bruch für Besucher geschlossen. In der warmen Jahreszeit haben Gruppen die Möglichkeit, unter sachkundiger Führung die Wildpferde in freier Natur zu beobachten.

Fragen dazu beantwortet die Herzog von Croÿ’sche Verwaltung in Dülmen, (Schloßpark 1, 48249 Dülmen, Tel. 02594 / 96 30, Fax. 02594 / 96 31 11), Internet: www.wildpferde.de, E-Mail: Croy@wildpferde.de)

Öffnungszeiten: Mo – Do, 7.30 – 12.30 Uhr und 13.15 – 16.30 Uhr; Fr 7.30 –  12.30 Uhr

Das Wildpferde-Spektakel 2012 findet am 26. Mai statt.

Zu Erreichen ist das Merfelder Bruch aus Richtung Münster über die Autobahn A43 (Richtung Ruhrgebiet), an der Ausfahrt 6 (Dülmen / Coesfeld), links 2,5 km nach Coesfeld, an der Ampel links ab, über Merfeld weiter Richtung Borken. Die Zufahrt, 5 km hinter Merfeld, liegt links am Waldrand. Während des Wildpferdefangs sind die Zufahrten aber weiträumig ausgeschildert.

Ungeachtet der inoffiziellen „Schönwettergarantie“ – die Tribünen sind nicht überdacht. Auf die Tribünen dürfen weder Kinderwagen noch Klappstühle mitgenommen werden. Hunde sind auf den Tribünen ebenfalls unerwünscht. Eine Hundebetreuung ist nicht vorhanden. Auch dürfen die Vierbeiner nicht im eigenen PKW gelassen werden.

Münsterland e.V.  Tourismus
Service-Center Münsterland
Kostenlose Info- und Buchungshotline: 0800 / 93 92 919 (kostenlos aus dem dt. Festnetz)Airportallee 1, 48268 Greven, Tel.: 02571 / 94 93 92, Fax: 02571 / 94 93 99, Internet: www.muensterland-tourismus.de, E-Mail: touristik@muensterland.com
Öffnungszeiten: November – Februar: Mo-Fr 9:00-17:00 Uhr, März-Oktober: Mo-Fr 9:00-18:00 Uhr

© Text und Fotos: Helge Holz

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Schlagworte: , , , , ,

Kommentare sind geschlossen