Wo Störche in runden Dörfern leben

1. März 2014 | Von | Kategorie: Die Reportage, Niedersachsen

Eine Radwandertour durch das Hannoversche Wendland und die Niedersächsische Elbtalaue ist eine runde Sache

Adebar watet durch die Elbtalaue

Zwei, drei,….zehn Weißstörche kreisen nacheinander über den saftigen Wiesen der Elbtalaue. Irgendwo hinter dem kleinen Waldstück müssen sie durch die Wanderer aufgeschreckt worden sein. Zwar soll jeder vierte Storch auf der Welt ein Pole sein, aber jeder dritte niedersächsische Storch nennt das Wendland sein Zuhause. Mehr als 110 Nester gibt es entlang der Storchenstraße in denen über 200 Langbeiner den Sommer verbringen. „Menschen mögen den Storch, er dient als Glücksbote und Babylieferant“, meint Edith Neddens, 2. Vorsitzende des Fördervereins Wendland-Rundweg: „Und der Storch mag den Menschen, denn er brütet gerne inmitten von Ortschaften.“ Auch in vielen der über 100 Rundlingsdörfer, die es im Elbhinterland, im Wendland, gibt.

183 Kilometer schlängelt sich der Wendland-Rundweg durch den äußersten Osten Niedersachsens. Er teilt sich in drei Abschnitte. Im Norden befindet sich der Elb-Höhenweg zwischen Neu-Darchau und Schnackenburg. Im Westen führt der Wendlandweg zwischen der Elbestadt Hitzacker und Clenze durch den Jagdwald Göhrde. Auf dem Wendenstieg im Süden streift man durch eine Vielzahl Rundlingsdörfer, die meist nur zwei bis vier Kilometer voneinander entfernt sind, und durch die Nemitzer Heidelandschaft. Der gesamte Rundweg lässt sich sowohl erwandern als auch mit dem Rad erkunden.

Rundlingsdorf Satemin im Wendland

Edith Neddens ist eine von rund 80 Einwohnern im Rundlingsdorf Satemin. „Schon im ersten Jahrtausend nach Christus wurde die Gegend immer wieder von slawischen Stämmen aus dem östlichen Raum als Siedlungsgebiet genutzt“, erzählt sie: „Ungefähr ab 1100 entwickelten sich die Rundlingsdörfer als planmäßige Besiedelung durch die deutsche Obrigkeit.“ Jeder Siedler erhielt eine Hufe: ein Haus und rund 10 Hektar Land. Der Bürgermeister oder Dorfschulze bekam eineinhalb Hufen. „Mitte des 18. Jahrhunderts war das slawische Leben vorbei. Die Slawen hatten eingeheiratet, waren Deutsche und Christen geworden.“ Sicher geklärt ist die runde Anordnung der Häuser um den Dorfplatz nicht. War es nur eine „Modeerscheinung“, ein Streben nach einheitlicher, gleichberechtigter Gemeinschaftssiedlung? Oder waren es einst Wehrdörfer oder Viehkrale? Die Stallungen mit der „Grot Dör“ zeigen immer zur Dorfmitte. Gewohnt wurde im hinteren Teil in der Döns, der guten Stube. Es gab nur eine Stichstraße in den jeweiligen Ort. Die heutigen Durchgangsstraßen entwickelten sich erst in den letzten 60 Jahren. „Das Wort „Wenden“ ist übrigens ein negativ besetzter Begriff und bedeutet die Anderen“, berichtet Edith Neddens. Nach dem 30-jährigen Krieg entstehen die typischen niedersächsischen Hallenhäuser als Zwei- und Drei- und im 19. Jahrhundert als Vierständerhäuser. Sie prägen heute in den meisten Rundlingen das Ortsbild der in Hufeisenform angelegten Hofstellen.

Satemin – Gebaeude mit Hausbaum und -bank

Gühlitz, Meuchefitz, Püggen, Zeetze, Mammoißel, Köhlen, Schreyan, Jabel, Satemin sind einige Rundlinge entlang des Wendenstiegs, der teilweise auf Napoleons Pfaden verläuft. Die Wege nutzte der Feldherr, als er zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Paris nach Moskau unterwegs war. Manche Orte wirken wie bewohnte Museen. Charakteristisch ist die üppige Fachwerkkonstruktion mit Zierleisten und meist biblischen Sprüchen zur Dorfseite hin und dem Wendenknüppel auf dem Dachfirst. Ein Hausbaum spendete im Sommer Schatten, wenn man auf der Hausbank zum Tratsch zusammen kam. Oder man traf sich unter der Dorflinde, -kastanie oder -eiche an der Milchbank, die heute dem Radwanderer als Rastplatz dient. Einen tieferen Einblick in die Geschichte des Wendlands bekommen Besucher im Rundling Lübeln. Hier wurde schon Mitte der 1970er Jahre ein Museumsdorf eröffnet, das dem Rätsel der runden Dörfer und der deutsch-slawischen Kultur auf den Grund geht. 13 historische Gebäude wie ein Drei-Ständer-Hallenhaus, eine Dorfschmiede, eine Stellmacherei und das Haus des Bauern und Wendland-Chronisten Johann Parum-Schultze aus dem 18. Jahrhundert wurden originalgetreu wieder aufgebaut. Das Trachtenhaus demonstriert wie die ländliche Mode vor 150 Jahren aussah. Die Rundlingsdörfer sowie die nahen Kleinstädte Lüchow, Dannenberg und Hitzacker sind Teil der Deutschen Fachwerkstraße, die von der Elbe bis zum Bodensee reicht.

Da das Wendland als Zonenrandgebiet galt, in dem viele Jahrzehnte die „Welt zu Ende war“, und schließlich die Entscheidung für das Atommüll-Zwischenlager Gorleben getroffen wurde, zogen viele Einheimische in den 1970er Jahren fort. Künstler und Naturliebhaber aus Berlin und Hamburg kauften günstig die verwaisten Hofstellen. „Die Zugereisten sind ein Segen für die Dörfer, die dadurch erhalten blieben und gepflegt wurden“, sagt Edith Neddens, die es selbst 25 Jahre lang in die Ferne zog, bevor sie 1999 in ins Wendland zurückkehrte.

Jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten öffnen Künstler und Kunsthandwerker ihre Hoftore und präsentieren ihre Arbeiten zwischen Elbtalaue und Wendland. Zirka 90 Veranstaltungsorte beteiligen sich an der „Kulturellen Landpartie“. Einst begonnen als „Wunde.r.punkte Wendland“, als die Künstler sich mit öffentlichen Aktionen in den Widerstand gegen den Atomlagerstandort Gorleben einklinkten. Die wunden und die wunderbaren Orte der Region soll(t)en sichtbar gemacht werden.

die Elbtalaue

Über die Nemitzer Heide gelangt der Radwanderer nach Gorleben und in die Elbtalaue. Nachdem sich im August die Störche zur Überwinterung Richtung Südeuropa und Afrika aufmachen, kommen andere Zugvögel auf der Durchreise vorbei. In den Elbwiesen schnattern dann Wildgänse, trompeten Kraniche. Graureiher, Brachvögel, Kiebitze, Biber, Fischotter, Kröten und Frösche sind ständige Bewohner des Marschlandes. Der Elb-Höhenweg verläuft zum Teil durch Wiesen, größtenteils entlang des Elbdeichs oder auf dem Elberadweg. Auf den Feldern wird hauptsächlich Mais angebaut. Es klingt paradox, aber im Wendland leben die Menschen zwischen Biogasanlagen und Atommüll-Zwischenlager.

Mahnmal deutscher Teilung, die Doemitzer Eisenbruecke

Am Horizont leuchtet die Dömitzer Straßenbrücke, die seit Ende 1992 wieder Niedersachsen mit Mecklenburg-Vorpommern verbindet. Im April 1944 wurde sie fast zeitgleich mit der einige hundert Meter entfernten Eisenbahnbrücke durch Bomben zerstört. Die Eisenbahnbrücke wurde nach der Wende nicht wieder aufgebaut, sondern steht in den Elbwiesen als Mahnmal für die ehemalige deutsche Teilung. Ruhe und Beschaulichkeit sind hinterm Elbdeich garantiert. Wer in Damnatz die schlichte Dorfkirche aus dem Jahre 1617 besichtigen will, der kann sich beim örtlichen Frisörsalon oder im Hotel Steinhagen einen Schlüssel holen, steht auf einem Schild an der Kirchenwand geschrieben.

Storchennest im Wendland

Grüne Wiesen und Maisfelder prägen auch den letzten Abschnitt des Elb-Höhenwegs bis zur Fachwerk- und Kneippkurstadt Hitzacker. Auf dem Elbaussichtspunkt Weinberg gedeihen 99 Rebstöcke. Schon Ende des 16. Jahrhunderts wurde hier von einem „geziemenden Tropfen“ gesprochen. 1713 vernichtete ein Hagelsturm alle Reben. Erst 1980 begann ein Winzer von der Mosel neue Traubensorten anzupflanzen, aus denen er das „Hidesacker Weinbergströpfchen“ keltert. Mitte Oktober ist Weinlese. Uninteressant für Adebar, der dann längst sein Quartier unweit der St. Johannis-Kirche in Richtung Afrika verlassen hat.

 

Informationen

Förderverein Wendland-Rundweg e.V.
Satemin 25
29439 Lüchow
Tel. 05841 709230
www.wendland-rundweg.de

Elbtalaue-Wendland Touristik
Tourismus Service Center
Lübeln 2
29482 Küsten
Tel. 05841 96290
www.elbtalaue-wendland.de

Elbtalaue-Wendland Touristik
Kur- und Touristinformation Hitzacker
Am Markt 7
29456 Hitzacker (Elbe)
Tel. 05862 96970
www.hitzacker.de

Der Wendland-Rundweg ist 183 Kilometer lang und setzt sich zusammen aus dem:

Wendlandweg (55 km) zwischen der Elbestadt Hitzacker und Clenze durch den Jagdwald Göhrde

Elb-Höhenweg (72 km) zwischen Neu-Darchau und Schnackenburg

Wendenstieg (56 km) durch Rundlingsdörfer und die Nemitzer Heide

Ausflugstipps:

Rundlingsmuseum Wendlandhof Lübeln
Lübeln 2
29482 Küsten
Tel. 05841 96290
www.rundlingsmuseum.de
Öffnungszeiten: täglich vom 1. April bis 31. Oktober von 10 bis 18 Uhr

Deutsche Storchenstraße
c/o Biosphaerium Elbtalaue GmbH
Schlossstr. 10
21354 Bleckede
Tel. 05852 9514-0
www.deutsche-storchenstrasse.de
www.biosphaerium.de

Kulturelle Landpartie (zwischen Himmelfahrt und Pfingsten)
Drawehner Str. 2
29439 Lüchow
Tel. 05841 976940
www.kulturelle-landpartie.de
www.pfingstmarkt-satemin.de

Übernachten, Essen und Trinken:
Markthof Satemin im Rundlingsdorf
Satemin 25
29439 Lüchow
Tel. 05841 709230
www.markthof-satemin.de

Hotel Steinhagen in der Elbmarsch
Am Elbdeich 6
29472 Damnatz
Tel. 05865 554
www.hotelsteinhagen.de

BIO Hotel Kenners Landlust
Dübbekold 1
29473 Göhrde
Tel. 05855 979300
www.kenners-landlust.de

© Text und Fotos: Dagmar Krappe

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