Zwei Ameisen in Hamburg

28. Juni 2013 | Von | Kategorie: Hamburg

Hamburg zwischen Hafen und Blankenese

Museumsschiff Großsegler Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen

Was ist typisch Hamburg? Ganz klar – ganz viel Wasser. Mit Alster und Elbe (und allem was dazu gehört) punktet die Hansestadt. Jeden Besucher zieht es an den Hafen, deshalb mache ich mich ebenfalls auf zum Tor zur großen weiten Welt. Dass zumindest das Schnuppern der Fernwehluft nicht teuer sein muss, dafür sorgt eine Hamburg Card, die mir neben normalen S- und U-Bahnfahrten zu einer kleinen Stadtrundfahrt und einer Schiffstour auf der Elbe verhilft. Und die Bekanntschaft mit einer Bergziege darf ich auf diesem Wege auch noch machen.

Am Bahnhof Altona beginnt meine Route mit der Buslinie 111 in die HafenCity. Diese Linie verspricht alle 111 Sekunden eine Sehenswürdigkeit. Eine knappe halbe Stunde dauert die Fahrt bis in die Shanghaiallee, in der derzeit noch zugehängte Häuserfassaden à la Christo und Baukräne dominieren. Insgesamt passiert der Bus 16 markante Punkte, an denen ich ein- und aussteigen kann.

das Altonaer Rathaus

Der 111er nimmt Kurs auf die Elbe. Gleich hinter dem Bahnhof thront das schneeweiße Altonaer Rathaus, heute eines von sieben Hamburger Bezirksämtern. Auf dem Denkmal davor reitet Kaiser Wilhelm I. Bis Altona preußisch wurde, war das Gebäude ein dänischer Bahnhof. Vom Altonaer Balkon, einer Aussichtsplattform auf einem Geesthang am nördlichen Elbufer, werfe ich einen Blick hinüber zur Köhlbrandbrücke, die seit 1974 das Hafengebiet auf der Elbinsel Wilhelmsburg mit der Autobahn A7 verbindet. Es ist Hamburgs höchste Brücke. 2.428 Brücken soll es in der Hansestadt geben – mehr als in Amsterdam und Venedig zusammen.

Schon ist der Bus im Hafen angekommen. Fischverarbeitende Betriebe und Gourmet-Tempel wie das „Au Quai“ oder das „Fischereihafen Restaurant“ dominieren entlang der Großen Elbstraße. Imposant ist das Bürogebäude „Dockland“, das wie ein Schiffsbug aus dem Wasser ragt. Am Altonaer Cruise Center erspähe ich einen roten Kussmund. Die AIDA Luna hat Hamburg angelaufen.

Bürogebäude Dockland am Fischereihafen

Über den Pepermölenbek (hier verlief einmal ein Bach, an dem eine Pfeffermühle stand) erreicht der 111er die Königstraße, die in die Reeperbahn übergeht. Auf der sündigen Meile waren früher die Reepschläger zu Hause, die aus Hanf und Sisal Taue und Seile für die Schifffahrt fertigten. Am Ende der Straße leuchten zwei geknickte Hochhausfassaden aus Stahl und Glas. Es sind die ebenfalls überwiegend als Bürogebäude genutzten „Tanzenden Türme“. Der Bus fährt leider nicht direkt daran vorbei, sondern biegt vor der Polizeistation 15, der Davidswache, in die Davidstraße ab, die hinunter zu den Landungsbrücken führt.

die Davidswache an der Ecke Reeperbahn/Davidstraße

Der erste europäische Unterwassertunnel von 1911 kommt in Sicht, der „Alte Elbtunnel“. Fußgänger, Rad- und Autofahrer gelangen mit Fahrstühlen bzw. Fahrkörben 27 Meter in die Tiefe und unterqueren die Elbe auf 426 Metern, um auf der südlichen Seite in Steinwerder wieder aufzutauchen. Gleich hinter den Landungsbrücken dümpeln zwei imposante Museumsschiffe im Hafenbecken: der 1896 in Dienst gestellte Großsegler Rickmer Rickmers und der 1961 für die Reederei Hamburg-Süd gebaute Stückgutfrachter Cap San Diego. 20 Jahre lang war er hauptsächlich Richtung Südamerika unterwegs. Hin und wieder verlässt der „weiße Schwan“ auch heute noch seinen Liegeplatz und schippert nach Cuxhaven oder Kiel, denn das Museumsschiff ist noch fahrtüchtig. Auf dem roten Feuerschiff nebenan genieße ich ein „Alsterwasser“, schaue dem Treiben im Hafen zu und sehe die Elbphilharmonie wachsen. Der schräge Glasaufbau wurde auf einem ehemaligen Kakaospeicher errichtet.

Baustelle Elbphilharmonie in der HafenCity

Ich steige wieder in den Bus und bin umgeben von roten Backsteinen der Speicherstadt. Sie entstand zwischen 1883 und 1914 als weltweit größter zusammenhängender Lagerhauskomplex. An den wuchtigen Steinmauern prangen noch einige Namen von Quartiersleuten wie „Adolf Tiede und Söhne“ oder „Eichholtz und Consorten“ in großen goldenen Lettern. Schon seit 2003 gehörte die Speicherstadt nicht mehr zum Hamburger Freihafen. Büros, Wohnungen und Museen haben hinter den alten Fassaden Einzug gehalten. So dröhnen Schreie in der Straße Kehrwieder aus dem Hamburg Dungeon. Im Miniatur Wunderland schlägt bei 12 Kilometern Gleislänge und 800 Zügen das Herz eines jeden Eisenbahnfans schneller. Interessantes über die Speicherstadt und ihre „Pfeffersäcke“ erfahre ich im Speicherstadt- und nebenan im Gewürzmuseum Spicy’s am Sandtorkai. Seit dem 1. Januar 2013 ist das Hamburger Freihafen-Privileg, das bis auf das Jahr 1881 zurückgeht, komplett aufgehoben. Doch noch immer lagern hinter den roten Wänden Waren aller Art: Teppiche, Tee, Kaffee, Kakao, Gewürze, Elektronik…

die Hamburger Speicherstadt - einst größter zusammenhängender Lagerhausplatz der Welt

Die Straße Am Sandtorkai, die der 111er entlang fährt, bildet die Grenze zwischen den Backsteinhäusern und der neuen HafenCity mit den futuristischen Glaspalästen. Um den Übergang zwischen alt und neu so harmonisch wie möglich zu gestalten, mussten die Glasbauten in dieser Straße dunkel gehalten werden. An den Magellan-Terrassen im Großen Grasbrook besuche ich den Pavillon Elbphilharmonie. Im oberen Stockwerk des würfelförmigen Baus ist das 1:10-Modell des großen Konzertsaals montiert, der einmal 2.150 Besuchern Platz bieten wird. Draußen bieten mir aus der Fassade ragende Hörrohre einen Vorgeschmack auf das Klangerlebnis in der Elbphilharmonie.

Zwischen Osaka- und Shanghaiallee steht ein kleines Denkmal in der Nähe des Internationalen Maritimen Museums: eine Bronzestatue des Piraten Klaus Störtebeker, der 1401 als Anführer der Likedeeler (Gleichteiler) auf dem Grasbrook enthauptet wurde. Im Maritimen Museum wird auf neun Decks im ältesten noch erhaltenen Speicher der Stadt, dem Kaispeicher B aus dem Jahre 1878, die Privatsammlung des Hamburger Professors Peter Tamm gezeigt, dessen Sammelleidenschaft als Sechsjähriger begann. Tausende Exponate von Segelschiffen, Dampfern, U-Booten aus verschiedenen Materialien vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Seekarten und Schiffseinrichtungsgegenstände lassen den Betrachter staunen. Wem der Sinn mehr nach Autos statt nach Schiffen steht, der macht im Automobilmuseum Prototyp in der Shanghaiallee eine Zeitreise durch die Welt der Rennwagen. In dieser Straße endet auch meine Stadtrundfahrt mit der Linie 111.

neue (noch nicht offiziell eröffnete) U-Bahn-Station HafenCity Universität

12.000 Menschen sollen eines Tages in der HafenCity wohnen, 45.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Um diesen 105. Stadtteil zu erschließen, startete im Dezember 2012 die U-Bahn-Linie U4. Die beiden neuen Haltestellen sind die attraktivsten, die die Hansestadt zu bieten hat. Sie vermitteln schon beim Aussteigen Hafenatmosphäre. In der Station HafenCity Universität, die derzeit nur von einigen Bahnen an den Wochenenden angefahren wird, hängen Container von der Decke, die in bestimmten Zeitintervallen ihre Farbe verändern. Am Haltepunkt Überseequartier fühle ich mich wie eine Taucherin, die langsam aus 19 Metern Tiefe an der Oberfläche auftaucht. Die gekachelten Wände gehen, je weiter man die Treppen hinaufsteigt, von tiefem Dunkelblau in hellere Farbtöne über, die schließlich silbrig schimmern. Von der U-Bahnstation Überseequartier nehme ich noch einmal den 111er, der mich zu den 1907 errichteten Landungsbrücken zurück bringt.

Hinter dem Uhrturm befindet sich die Brücke 3. Dort nehme ich die Fähre 62. Sie schippert hinüber auf die südliche Elbseite nach Finkenwerder. Ich kreuze nur ein kurzes Stück bis Neumühlen. Zum Abschied grüßt der Michel, die St. Michaelis Kirche. Hamburgs Wahrzeichen Nummer Eins, denn noch hat die Elbphilharmonie den Michel nicht abgelöst. 452 Stufen führen auf die Aussichtsplattform 106 Meter über der Elbe. Doch ich habe mich für eine Wanderung entlang des Elbuferwegs entschieden.

Am südlichen Ufer des Hafens ragen gigantische Kräne zum Entladen der Containerschiffe in den Himmel. Die Eifeltürme der Hansestadt. Am Anleger Neumühlen beim Museumshafen Oevelgönne gehe ich von Bord. Das Feuerschiff Elbe 3, der Eisbrecher Stettin, Dampfschlepper, Fährschiffe und Barkassen aus vergangenen Zeiten haben hier ihren Liegeplatz gefunden. Acht Kilometer sind es jetzt immer an der Elbe entlang bis Blankenese.

Partystimmung am Elbstrand

Zunächst laufe ich im hellen Sand am Strand entlang. Viele Jugendliche haben sich zum Grillen und Feiern niedergelassen. Es herrscht Partystimmung an diesem Frühsommerabend. Da das Wandern im Sand auf Dauer etwas mühselig ist, begebe ich mich auf den Elbhöhenweg, der parallel zwischen Elbe und der villenreichen Elbchaussee verläuft. Mehrere Parks reihen sich aneinander. Man bräuchte Tage, um sie zu erkunden. Wenigstens den Jenischpark bei Teufelsbrück sehe ich mir näher an. Von der Terrasse des klassizistischen Jenisch-Hauses habe ich einen grandiosen Blick auf den großen Strom, auf dem gerade ein Container-Schiff Richtung Hamburger Hafen einläuft. Vom Anleger Teufelsbrück wandere ich auf einer Promenade durch Nienstedten. Üppige Rosen umrahmen die Häuser am Weg. So lauschig kann eine Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole sein.

romantischer Elbhöhenweg

Auf den Hirsch- folgt der Baurs Park. Für so viel Grün bleibt mir leider keine Zeit mehr. Die Sonne seht schon tief, und ich muss noch eine der Bergziegen in Blankenese erreichen. Seit 1959 gibt es die kleinen, wendigen Busse, die auch in den engen Gassen des Blankeneser Treppenviertels jede Steigung nehmen – ohne zu meckern. Die Schnellbuslinie 48 startet und endet ihre Rundtour am S-Bahnhof Blankenese. Von hier bringt mich die Linie S1 in 25 Minuten zurück ins Zentrum an den Jungfernstieg. Ich werde den Tag mit einem letzten Blick auf die Alsterfontäne ausklingen lassen.

gesehen am Elbuferweg zwischen Altona und Blankenese

Doch bevor ich in der Nähe des von Elbwasser umspülten Leuchtturms Unterfeuer Blankenese in den Bus 48 steige, entdecke ich ein an eine Mauer gepinseltes Gedicht von Joachim Ringelnatz: „In Hamburg lebten zwei Ameisen, die wollten nach Australien reisen. Bei Altona auf der Chaussee, da taten ihnen die Füße weh. Und so verzichteten sie weise dann auf den letzten Teil der Reise.“ Recht hatten sie. In Hamburg gibt es noch so viel zu entdecken.

Informationen

Allgemeine Informationen über Hamburg und zu Übernachtungsmöglichkeiten gibt es bei der
Hamburg Tourismus GmbH
Steinstr. 7
20095 Hamburg
Tel.: 040 300 51 300
Fax: 040 300 51 220
E-Mail: info@hamburg–tourismus.de
Internet: www.hamburg-tourismus.de
Praktisch und kostengünstig für Hamburg-Besucher ist die Hamburg CARD. Sie gilt für alle Busse, U-/S-Bahnen und Hafenfähren im HVV und gewährt Rabatte bei Veranstaltern von Hafen-, Alster- und Stadtrundfahrten, Museen, Sehenswürdigkeiten, Musical- und Theatervorstellungen, Restaurants und Souvenirs.
Preise Hamburg CARD im HVV-Großbereich:
Einzel-Tageskarte 8,90 €, 3-Tage-Einzelkarte 21,90
Gruppen-Tageskarte (bis zu 5 Personen) 14,90 €, 3-Tage-Gruppenkarte 39,90 €

Fahrplanauskunft im Hamburger Verkehrsverbund: www.hvv.de und www.hochbahn.de

Die Buslinie 111 fährt in zirka 30 Minuten vom Bahnhof Altona in die HafenCity und zurück und ist eine praktische Möglichkeit, Hafen, St. Pauli, Speicherstadt und HafenCity näher kennen zu lernen. An jeder Haltestelle gibt es einen Aushang über die Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke.

Die Hafenfähre 62 legt an den Landungsbrücken – Brücke 3 – Richtung Finkenwerder ab.

Die Schnellbuslinie 48 „Bergziege“ startet als Rundtour vom S-Bahnhof Blankenese durch das Treppen- und Villenviertel dieses Stadtteils.

 

 

© Text und Fotos: Dagmar Krappe

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