Zwischen Dichtung und Wahrheit

28. September 2015 | Von | Kategorie: Die Reportage

Unterwegs auf dem Weserbergland-Weg zwischen Bodenwerder und Porta Westfalica

Münchhausen-Brunnen vor dem Münchhausen-Geburtshaus , dem heutigen Rathaus von Bodenwerder

Münchhausen-Brunnen vor dem Münchhausen-Geburtshaus, dem heutigen Rathaus von Bodenwerder

Nein, das ist keine Lüge. Der fantastische Fabulierer Baron Hieronymus von Münchhausen hat wirklich in Bodenwerder an der Weser gelebt. Im heutigen Rathaus, das einst das Herrenhaus des Gutes Münchhausen war, wurde er 1720 geboren und starb dort 77 Jahre später. „Dazwischen führte er viele Jahre ein aufregendes Leben in Russland, später ein eher beschauliches in Bodenwerder“, erzählt Museumsführerin Karin Beißner im Münchhausen Museum, das sich im ältesten Gebäude des ehemaligen Gutshofes, der „Schulenburg“, befindet: „Mit 18 Jahren wurde er als Page an den Hof in St. Petersburg berufen. 1750 kehrte er nach Bodenwerder zurück und erzählte in trauter Runde von seinen Kriegs- und Jagd-Abenteuern. Von seinem Ritt auf der Kanonenkugel, dem Hasen mit acht Läufen, der ihm aus diesem Grund permanent entwischte, dem Hirsch, den er mit Kirschkernen beschoss und dem Jahre später ein Kirschbaum zwischen dem Geweih wuchs. „Überall im Ort sind Denkmäler oder Requisiten zu sehen, die seine Geschichten dokumentieren“, sagt Karin Beißner: „Seit 1997 verleiht die Stadt den Münchhausen-Preis an Personen mit besonderer Begabung in Satire, Darstellungs- und Redekunst.“ Zu den Preisträgern gehören unter anderem Dieter Hildebrandt, Evelyn Hamann, Wolfgang Stumph, Rudi Carrell, Frank Elstner und Dieter Hallervorden.

Münchshausens Ritt auf der Kanonenkugel vor dem Münchhausen-Museum in Bodenwerder

Münchshausens Ritt auf der Kanonenkugel vor dem Münchhausen-Museum in Bodenwerder

Vor seinem ehemaligen Wohnhaus thront der Baron auf dem Vorderteil seines Pferdes, das beim Durchreiten eines Tores durch eine Falltür in zwei Hälften geteilt wurde. Das Hinterteil steht am Weserufer. Dort entlang führt streckenweise auch der Weserbergland-Weg. Er beginnt in Hannoversch-Münden am alten Weserstein, wo „Werra sich und Fulda küssen und ihren Namen büßen müssen“. 225 Kilometer oder 13 Etappen später endet die Tour am Tor zu Westfalen, in Porta Westfalica. Seit 2012 trägt der Weg das Qualitätssiegel „Wanderbares Deutschland“. Ein blaues „XW“ auf grünem Grund ist das Routenlogo.

die Hämelschenburg - seit 1588 Sitz der Familie von Klencke

die Hämelschenburg – seit 1588 Sitz der Familie von Klencke

Im Tal der Emmer erhebt sich die Hämelschenburg. Seit 1588 wird sie von der Familie von Klencke bewohnt. „25 Jahre dauerte es, bis das Wasserschloss fertig war“, erklärt Christine von Klencke während des Rundgangs durch die historischen Räume. Sie sind ausgestattet mit wertvollen Möbeln, Kaminen, Kachelöfen, Gemälden, Porzellan- und Waffensammlungen. „Die Weserrenaissance hat italienischen, französischen und holländischen Einfluss. Da nach dem Dreißigjährigen Krieg die Mittel zur barocken Umgestaltung fehlten, blieben in der Weserbergland-Region viele Schlösser, Rat- und Bürgerhäuser im Renaissance-Stil erhalten.“ Zum Rittergut gehören 380 Hektar Ackerland, Wald und Wiesen, das Schloss, Wirtschaftsgebäude, eine Wassermühle, die für den gesamten Ort Strom erzeugt, und die Sankt Marienkirche, die 1563 als eine der ersten protestantischen Kirchenneubauten entstand. Um die ausgedehnte und sehr gepflegte Schlossanlage zu erhalten, lebt die Familie von Klencke längst nicht mehr von der Hämelschenburg, sondern für ihren Erhalt. „Nur aus den Erträgen von Land- und Forstwirtschaft lässt sich das nicht bewältigen“, sagt die Hausherrin: „Deshalb bieten wir seit den 1970er Jahren Führungen an, und hinter den alten Renaissancefassaden haben ein Besucherzentrum mit Café, eine Kunstgalerie, eine Holzspielzeugwerkstatt und ein Trakehner-Gestüt Einzug gehalten.“ Nachhaltiges Wirtschaften war und ist oberstes Gebot des Hauses. Wer sich traut, kann auch auf dem Schloss heiraten. Vorbeiziehende Wanderer und Pilger waren auf der Hämelschenburg von jeher willkommen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts erhielten sie Speis und Trank in der mit Jacobsmuscheln geschmückten Pilgerhalle.

Rattenreliefs in Hamelns Fußgängerzonen

Rattenreliefs in Hamelns Fußgängerzonen

Über bewaldete Bergrücken geht es weiter Richtung Emmerthal und schließlich über schmale Wiesenpfade in die Rattenfängerstadt Hameln. Auch 730 Jahre nachdem der Sage nach ein Mann mit buntem Rock auftauchte, um die Stadt von ihrer Rattenplage zu befreien, lebt sie noch gut vom Image der kleinen Nager. Inmitten der Sandstein- und Fachwerkhäusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert gibt es zwei Rattenfängerbrunnen, ein Rattenfängerrelief im Bürgergarten, ein Figuren- und Glockenspiel am Hochzeitshaus. Zwischen den Kopfsteinpflastersteinen der Fußgängerzonen finden sich 250 Bronze-Platten mit Rattenemblem, die zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt leiten. In der Gaststätte Rattenfängerhaus heißt die Spezialität „flambierte Rattenschwänze“. Es sind hauchdünne Schweinefilets.

Michael Boyer, einer der Rattenfänger von Hameln

Michael Boyer, einer der Rattenfänger von Hameln

„So wie man weiß, dass Münchhausens Lügengeschichten echt sind, so streiten sich die Historiker wie es sich mit dem Rattenfänger wirklich zugetragen hat“, meint Stadtführer Michael Boyer im farbenfrohen Gaukler-Kostüm und setzt die Flöte an. Verweigerten die Bürger dem Mann 1284 tatsächlich den Lohn? Er kam zurück und führte 130 Kinder und Jugendliche auf nimmer Wiedersehen in eine Höhle. Oder waren es junger Hamelner, die auswanderten, um sich woanders Arbeit zu suchen? Spielte die Pest eine Rolle? War der Rattenfänger nur der Sündenbock?

Auch ohne den bunt berockten Mann finden Wanderer am nächsten Morgen den Weg aus der Stadt Richtung Süntel. Auf seinem Kamm, der Hohen Egge, steht der steinerne Süntelturm, der einen Rundblick über die Höhen des Weserberglands bietet. Steil bergab geht es Richtung Baxmann-Baude. Der Baxmann ist eine Sagengestalt, die vor über 300 Jahren an die Blutbachquelle im Süntel bei Hessisch Oldendorf verbannt wurde und seitdem versucht, diese mit einem Fingerhut auszuschöpfen.

die Schillat-Höhle ist die nördlichste Tropfsteinhöhle Deutschlands

die Schillat-Höhle ist die nördlichste Tropfsteinhöhle Deutschlands

Weder Sage noch Märchen noch Lügengeschichte, sondern steinharte Realität ist die nördlichste Tropfsteinhöhle Deutschlands in Langenfeld. „Erst 1992 wurde sie bei Sprengarbeiten im nahen Steinbruch entdeckt“, berichtet Annette Gerten, Geografin und Höhlenführerin, während der Fahrt mit der Zeitmaschine. 45 Meter geht es im gläsernen Aufzug 15 Millionen Jahre zurück in die Tiefe. Es handelt sich um eine durch Wasser geformte Flusshöhle. Auf 200 Metern ist sie begehbar. Fossilien, Stalagmiten und Stalaktiten glitzern links und rechts des Ganges wie ein steinerner Märchenwald. Benannt wurde die Höhle nach einem Freund des Entdeckers, Bodo Schillat, der bereits 1969 die benachbarte größere Riesenberghöhle fand. „Hätte man diese für Besucher zugänglich gemacht, wären 60 Prozent der Gebilde zerstört worden“, so Annette Gerten: „Nur zweimal im Jahr wird sie für Forschungszwecke geöffnet.“ Doch am Ende der Führung durch die Schillat-Höhle gibt es eine beeindruckende 3-D-Dia-Schau über die Nachbarhöhle. Riesige, schneeweiße Stalagmiten erscheinen so plastisch, dass man den Eindruck hat, mitten in ihnen zu stehen.

Porta Westfalica - Kaiser-Wilhelm -I.-Denkmal oberhalb der Weser

Porta Westfalica – Kaiser-Wilhelm -I.-Denkmal oberhalb der Weser

Der Weserbergland-Weg verläuft entlang der Paschenburg und Schaumburg. Auch um sie ranken sich Legenden. Weniger schaurig ist der weite Blick ins grüne Wesertal, durch das der Fluss mäandert. Hinter dem Luhdener Klippenturm führt ein breiter Forstweg steil bergab nach Rinteln. Ein Ensemble restaurierter Fachwerkhäuser aus dem 13. Jahrhundert umgibt den Marktplatz. Durch einsame Waldwege erstreckt sich die letzte Etappe bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, dem Wahrzeichen Porta Westfalicas. Wo die Weser das Wiehen- vom Wesergebirge trennt und in die norddeutsche Tiefebene hineinfließt. Ungelogen.

Informationen

Weserbergland-Tourismus e.V.
Deisterallee 1
31753 Hameln
Tel. 05151 9300-0
www.weserbergland-tourismus.de
www.weserberglandweg.de
Verschiedene Etappen auf dem Weserbergland-Weg inkl. Gepäcktransfer buchbar.
Zur Orientierung bietet der KOMPASS-Verlag eine Karte über den Weserbergland-Weg zum Preis von 8,99 Euro.

Münchhausen-Museum
Münchhausenplatz 1
37619 Bodenwerder
Tel. 05533 409147
Öffnungszeiten:
Ostern bis Ende Oktober, 10 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung
Von Mai bis Oktober finden an unterschiedlichen Sonntagen die Freilichtaufführungen Münchhausen-Spiel oder –Musical statt.
www.muenchhausenland.de
www.deutsche-maerchenstrasse.de

Stiftung Rittergut Hämelschenburg
Schlossstr. 1
31860 Emmerthal
Tel. 05155 951690
www.schloss-haemelschenburg.de
www.siebenschloesser.de (Schlösser im Leine- und Weserbergland)
Führungen von Ostern bis Oktober täglich außer montags

Hameln Marketing und Tourismus GmbH
Deisterallee 1
31785 Hameln
Tel. 05151 957823
www.hameln.de
www.musical-rats.de
Rattenfänger-Stadtführungen. Kostenlose Rattenfänger-Freilicht-Aufführungen von Mai bis September auf der Hochzeitshausterrasse: sonntags Rattenfänger-Freilichtspiel (seit 1956, Dauer 30 Minuten), mittwochs Rattenfänger-Musical „RATS“, (Dauer 45 Minuten)

Schillat-Höhle
Riesenbergstr. 2 A
31840 Hessisch Oldendorf / OT Langenfeld
Tel. 05751 403980
www.schillathoehle.de

Übernachtungsmöglichkeiten am Weserbergland-Weg

Parkhotel Deutsches Haus
Münchhausenplatz 4
37619 Bodenwerder
Tel. 05533 400780
www.parkhotel-bodenwerder.de
Hotel gegenüber Münchhausen-Geburtshaus. Große Parkanlage mit Weserzugang. Auch für Radler geeignet.

Activ-Ferienhof Sander
Mönkebergstr. 9
31860 Emmerthal / OT Lüntorf
Tel. 05286 945286
www.heuhotelsander.de
2 FeWo à 100 m2 und Heuhotel, sehr ruhige Lage
Heuhotel inkl. Frühstück und Schlafsack

Hotel zur Krone
Osterstr. 30
31785 Hameln
Tel. 05151 907-0
www.hotelzurkrone.de
Denkmalgeschütztes Fachwerkhaus von 1645, mitten in der Altstadt (Fußgängerzone) gelegen. Heimische und internationale Küche.

Schaumburger Ritter
Burgstr. 2 – 4
31737 Rinteln / OT Schaumburg
Tel. 05152 947460
www.schaumburger-ritter.com
Ruhige Lage gegenüber der Schaumburg. Biergarten, deutsche und internationale Küche.

Essen und Trinken

Rattenfängerhaus
Osterstr. 28
31785 Hameln
Tel. 05151 3888
www.rattenfaengerhaus.de
Gastronomie im Zeichen der Sagenfigur. Spezialität: flambierte Rattenschwänze

Süntelturm
31848 Bad Münder
Tel. 05042 4258
www.suentelturm.de
Aussichtsturm mit Gastronomie auf der Hohen Egge, dem höchsten Punkt des Süntels (437 m).

LandFrauen-Café im Huthaus über der Schillat-Höhle
Riesenbergstr. 2 A
31840 Hessisch Oldendorf / OT Langenfeld
Tel. 05151 756410
Hausgemachte Torten und Kuchen

Weinschänke Rohdental
Rodental 20
31840 Hessisch Oldendorf
Tel. 05152 94120
www.weinschaenke.com
Am Fuß des Amelungsberges gelegen. Biergarten. Spezialität: fangfrische Forellen, Wildgerichte

Burggaststätte Schloss Schaumburg
Burgstr. 1
31737 Rinteln / OT Schaumburg
Tel. 05152 3765
www.burggaststätte-schaumburg.de
Auf dem Gelände der Schaumburg gelegen. Weiter Blick ins Wesertal.

Restaurant Paschenburg
Paschenburg 1
31737 Rinteln
Tel. 05152 2547
www.restaurant-paschenburg.de
Auf 338 Metern Höhe, auf der höchsten Erhebung des Wesergebirges gelegen.
Küche regional und saisonal. Wintergarten mit weitem Blick ins Wesertal.

Gaststätte Klippenturm
31737 Rinteln
Tel. 05751 14488
www.klippenturm.de
Aussichtsturm von 1889 auf der Luhdener Klippe.

© Dagmar Krappe (Text und Fotos)

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