Zwischen Eisenzeithaus und Schnippenburg

1. Januar 2016 | Von | Kategorie: Nordd. Tiefland

Eine Wanderung in der Dämmerung durch das Wiehengebirge bei Ostercappeln im Landkreis Osnabrück

Christian Böhling, seines Zeichen Vorsitzender des Fördervereins Schnippenburg ist in die des Wanderführers geschlüpft. Vom Eisenzeithaus geht es rund vier Kilometer in den Wald hinein bis zur ehemaligen Schnippenburg. Bevor es los geht, muss sich die Gruppe aber noch ein klein wenig gedulden. Denn „Dämmerung ist nicht gleich Dämmerung“, verrät Christian Böhling: Solange sich im Freien noch lesen lässt, heißt es „bürgerliche Dämmerung“, sie wird von der „nautischen Dämmerung“ abgelöst. Hier ist der Horizont noch sichtbar. Die „astronomischen Dämmerung“ endet bei der maximalen Dunkelheit in tiefster Nacht. Für moderne Menschen mögen diese Klassifizierungen eher von rein akademischer Natur sein, doch für unsere Vorfahren, die in der Eisenzeit unterwegs waren, konnte es nicht schaden, wenn die Gruppe genau wusste, wann sie abends „noch im hellen“ wieder zu Hause sein wollte.

Schnippenburg und Eisenzeithaus

das Eisenzeithaus bei Ostercappeln im Osnabrücker Land

Und genau auf diesen Spuren wandeln an diesem Abend die Venner und Ostercappelner der Gegenwart. Von den modernen Gebäuden und den asphaltierten Wegen einmal abgesehen, so groß dürften die Unterschiede zur Eisenzeit nicht gewesen sein. „Die Vorfahren hätten sich heute sicher zurecht finden können“, verrät der Fachmann. Damals gab es hier große Wälder, heute spenden ebenfalls im Wiehengebirge wieder Bäume ihren Schatten. Noch vor zwei-, dreihundert Jahren hätten die Eisenzeitler dagegen größere Probleme gehabt, sich hier zu orientieren. Im Mittelalter dienten die Wälder vor allen Dingen als Quelle für Bau- oder Heizmaterial. Die Bäume wurden rigoros abgeholzt und nachhaltige Forstwirtschaft war in diesen Tagen ein Fremdwort. Was folgte waren Bodenerosionen und kahle Flächen im Gebirgszug, das übliche halt. Erst später wurden die Flächen wieder aufgeforstet, so dass sie heute wieder im alten Glanz erstrahlen können.

das Osnabrücker Land

Abendhimmel über dem Osnabrücker Land

Die ersten Meter begleitet noch eine Schar Rauchschwalben die Wanderer. Libellen kreuzen ständig den Weg. Am Waldesrand wird kurz Rast gemacht. Ein grandioser Sonnenuntergang belohnt die Spaziergänger. Im Hintergrund verschwindet Rehwild im Dickicht. Die erste Überraschung wartet bereits an der nächsten Weggabelung: zum ersten Mal tritt jetzt die mitgebrachte Taschenlampe kurz in Aktion. Der Blick schweift in die Höhe und folgt dem Lichtstrahl zu einer Astgabelung. Die Wucherung im Baum erinnert an ein pausbäckiges Gesicht. Schon ist die alte Heerstraße erreicht, die über Osnabrück, das Wiehengebirge, durch die norddeutsche Tiefebene bis nach Bremen führt. „Wie ein Gebirge“, diesen Spruch dürfte fast jeder Niedersachse kennen und bereits darüber geschmunzelt haben. Doch just hier straft die Realität dieser Frotzelei Lüge: Es geht steil nach oben. „Ihr müsst schnell, gleichmäßig mit kleinen Schritten nach oben gehen, auf keinen Fall zwischendurch stehen bleiben. Und wenn ihr wirklich meint, dass Ihr keine Luft mehr habt, dann seid ihr bereits oben“, tröstet Christian Böhling. Er muss es wissen, denn seit sechs Jahren bricht er regelmäßig zu diesen Nachtwanderungen auf. Noch ein paar Minuten, und das Ziel ist erreicht. Für den ungeübten Betrachter sieht das Ganze vielmehr wie ganz gewöhnlicher „Waldboden“ aus, etwas uneben vielleicht. Aber nichts, was auf seine Einmaligkeit hinweisen würde. Für den kundigen Wissenschaftler ist es dagegen eine Sensation und zugleich auch etwas Mystisches. „Wer den Grundriss der Schnippenburg erkennen will, muss unbedingt in der Nacht hier erscheinen und eine Taschenlampe haben“, verrät Christian Böhling. Denn erst im Lichtstrahl lassen sich die Reste der Erdwälle erkennen, die einst rund um die Schnippenburg geführt haben.

Waldmenschen

bei Nach kann man mysteriösen Gestalten im Wald begegnen

Wie zum Beweis lassen die Anwesenden die Lichtkegel ihrer Lampen kreisen. Siehe da, schon zeigen sich die Dimensionen dieser Wallanlage. Noch wirft das Monument mehr Fragen als Antworten auf. Warum wurde die Schnippenburg überhaupt hier an jener Stelle gebaut? Was war ihre Funktion? Aus touristischer Perspektive war der Ort sicher ideal gewählt: Handelstreibende aus Nord und Süd kamen hier regelmäßig vorbei, aus militärischer Sicht lag die Burg eher ungünstig und war eine klassische Fehlkonstruktion. Denn der eigentliche Wall dürfte mehr an einen schmucken Gartenzaun erinnert haben als an einen Schutz vor Übergriffen. Potenzielle Feinde dürften es daher nicht übermäßig schwer gehabt haben, die Anlage einzunehmen – so sie es denn gewollt hätten. Sie müssen es aber nicht gewollt haben. Denn gut 200 Jahre vor Christi Geburt haben die Burgbesitzer im wahrsten Sinne des Wortes hier selbst ihre Zelte abgebrochen und den Archäologen neben etwa 2000 Jahre alter Holzkohle noch eine Menge Fragen hinterlassen. In Sachen Einmaligkeit und Bedeutung können sich die Überreste dennoch sehen lassen und sich selbstbewusst mit Stonehenge oder der Himmelsscheibe aus Nebra messen.

Christian Böhling entfacht ein wärmendes Feuer im Eisenzeithaus

Christian Böhling entfacht ein wärmendes Feuer im Eisenzeithaus

Allmählich bricht die Nacht herein, und die Wanderer treten den Rückweg an. Das knackende Unterholz sorgt für etwas Gänsehaut unter den Wanderern. Spontan wird noch einmal die eigene Taschenlampe kurz bemüht, sicher ist sicher. Wieder aus dem Wald zurück, wird der Betrachter mit einem funkelnden Sternenhimmel belohnt. Plötzlich wird die nächtliche Ruhe jäh durch dumpfes Hufgetrampel unterbrochen. Die Kühe auf der Weide sind neugierig und wollen einfach nur wissen, was auf der anderen Seite des Zaunes so passiert.

© Helge Holz (Text und Fotos)

Informationen

Wer die Scholle zwischen Eisenzeithaus und Schnippenburg im Dunkeln kennenlernen will: Bei Bedarf wird das Team des Eisenzeithauses erneut zur Nachtwanderung aufbrechen. Festes Schuhwerk, eine Taschenlampe und Getränke sollten Wanderfreunde nicht vergessen. Anmeldungen per Mail unter info@eisenzeithaus.de oder telefonisch unter Tel. 0176 / 69311355 (Anrufbeantworter), www.schnippenburg.de oder www.eisenzeithaus.de

Tourist Info im Rathaus Ostercappeln
Gildebrede 1
49179 Ostercappeln
Tel. 05473 / 92 02-23

Tourist Info Venne
Hauptstraße 29
49179 Ostercappeln-Venne
Tel. 05476 / 273

www.ostercappeln.de

Tourismusverband Osnabrücker Land e.V.
Herrenteichstraße 17 + 18
49074 Osnabrück
Tel.: 0541 / 323 4570
E-Mail: team@tvosl.de
www.osnabruecker-land.de

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Schlagworte: , , , , ,

Kommentare sind geschlossen